Full text: Hessenland (46.1935)

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lingen fyat sich dieses jugendliche Handwerk nie ent 
wickelt. 
Man kann in seiner Entwicklung vier Etappen 
oder Stufen unterscheiden, die sich gleicherweise aus 
dem Vvandel des Materials und der Vervoll 
kommnung des Werkzeugs ergeben, aber natürlich 
auch in den wechselnden Absatzgebieten und Abjatz- 
möglichkeiten zum Ausdruck kommen. 
Die Stockmacherei galt im Anfang fast aus 
schließlich der Herstellung von Eichenstöcken mit ge 
bogenem Rundgriff oder mit Ouerhaken, und sie 
war infolgedessen von dem Eichenniederwald-Betcieb 
abhängig, wie dieser wieder von der Lohgerberei. 
Als das südamerikanische Ouebrachoholz auch bei 
uns seinen Einzug hielt, das durch reicheren Gerb 
stoff (14—2 6 °/o) die Eichenlohe (io—15%) über 
traf und obendrein eine raschere Wirkung erzielte, 
da war der Eichenniederwald stark gefährdet, und 
auch der Kleinbetrieb der Lohgerberei machte mehr 
und mehr der Lederfabrik Platz, wovon wir ja 
iiberall die Zeugen gewesen find: in meiner Vater 
stadt Witzenhansen erinnert heute nur eben der 
Name der „Lohmühle" an ein vordem ange 
sehenes Handwerk, das in dem benachbarten Esch- 
wege eine noch ganz andere Bedeutung hatte. 
Zn der ersten Zeit, bis gegen 1860 hin, hat das 
Eichenjnngholz der nächsten Wälder im allgemeinen 
ausgereicht, zumal schon Vvagner selbst einen 
Waldbefitz von etwa 60 Morgen erwarb (ans 
dem er natürlich auch die Lohe verkaufte) und man 
immerhin die Ncöglichkeit hatte, auf das andere 
Werraufer nach Oberrieden und anderseits auf 
das Eichsfeld überzugreifen. 
Aber mit dem Anwachsen der Hausbetriebe, mit 
der Aufgabe des eigenen Haufierhandelö und der 
Übernahme größerer Aufträge teils fertiger teils 
halbfertiger Ware von auswärtigen Engros-Be- 
stellern, unter denen die Firma Rocholl in Kassel 
besonders hervortritt, reichte das heimische Ma 
terial nicht mehr aus, und schließlich zogen die 
Lindewerrer hinaus in die südwestlichen Landschaf 
ten, wo es feit alter Zeit „Hackwälder" oder 
„Hauberge" in weit größerem ümfange gab: ins 
Siegerland, in den Westerwald, an die untere 
Lahn, an Mosel und Nahe, ja bis in die Pfalz. 
Man hatte rechtzeitig erkundet, daß dort die ab 
geschälten Eichenschößlinge an Ort und Stelle oder 
allenfalls zu Hause verbrannt wurden. So erwarb 
man billig und bequem große Mengen des ge 
suchten Stockholzeö — die Reise und der Trans 
port lohnten sich. 
Haben wir bisher nur immer von Eichenstöcken 
geredet, so ist es doch natürlich, daß, wenngleich 
in geringerem Umfang, von vornherein auch andere 
Holzarten gelegentlich Verwendung fanden, sei es, 
daß fie sich dem die Wälder absuchenden Stock 
macher von selbst boten, sei eö, daß fie ihm von 
auswärtigen Bestellern zur Verarbeitung geliefert 
wurden. Hierfür kommt besonders der Ahorn und 
die Edelkastanie in Betracht, und mit ihrer Ver 
arbeitung hängen die Wanderungen der Linde 
werrer Erzeugnisse in das ferne Afrika zusammen. 
Da sind einmal die sog. „Kongostöcke": Kastanien- 
stämmchen, die während des Wachstums künstliche 
Schnittnarben als spätere Zierde erhalten haben, 
Entfernen der Ksle mit dem Schnitzer 
Aufnahme: Pieper u. Rühe kfochschulkreis-Rlischee 
und dann die Ahornstöcke mit bizarren Verzierun 
gen, die vor dem Kriege massenhaft als Tausch- 
artikel nach dem Kapland ausgeführt wurden — 
und die dann zuweilen als völkerkundliche Kuriosa 
in unsere Museen zurückgewandert find! 
Damit find wir aber bereits in einen dritten Ab 
schnitt eingetreten, in dem mit dem langsamen und 
bald beschleunigten Schwinden der deutschen Loh 
wälder der Bezug und die Belieferung mit frem 
dem Holz, und gerade auch mit fremdem Eichenholz 
einsetzt. Zugleich aber beginnt sich auch in diesen 
Heimbetrieben die Anwendung zunächst einfacher 
Maschinen und weiterhin die Verwertung der elek-
        

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