Full text: Hessenland (45.1934)

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Forstgehilfe ermordet worden, der Mörder hatte 
der Leiche den Kopf abgeschnitten und ihn in den 
Mühlhof geworfen. Die Mühle, welche durch 
ihre Lage schon etwas Geheimnisvolles hatte, war 
durch diesen Vorgang unheimlich geworden. Sie 
war nicht mehr lange im Betrieb und als ich sie 
1886 kennen lernte, sah sie zwar sehr malerisch 
aber sehr verkommen aus. Bald wurden auch die 
alten Beeiden und alle Gebäude bis auf eine 
Scheune, die jetzt in nüchterner Tageöhelle auf 
freier Wiese steht, entfernt. 
Stattlich auf leichter Anhöhe zwischen Erlen 
und Weiden, gegenüber der Nellenburg steht 
dann weiter talaufwärts die Ottermühle, welche 
Hans v. Volkmann verewigt hat, und ihr gehen 
nach oben voran zwei kleine sehr idnllisch ge 
legene Mühlchen, die Fuchsen- und die Oder 
mühle. Kein Wunder, daß dieses schöne Täl- 
chen mit seinen mächtigen Waldränden und be 
sonders die „Sauhute" die Wällingshäuser und 
die Gleimenhainer Maler vielfach zur Dar 
stellung anlockte. 
Weit, reich und groß ist die Landschaft, die 
sich zeigt, wenn man die Höhe erreicht hat. Gleich 
am Eingang des Dorfes von Neustadt her tat 
sich bis vor Kurzem nach Norden hin ein Bild 
auf, wie es schöner und deutscher nicht gedacht 
werden kann, wenn man unter deutsch eine Land 
schaft versteht, in der man, wie hier z. B., von 
saftigen, leicht hügeligen Wiesen, auf denen ein 
zelne Bäume stehen, über bergige Laub- und 
Nadelwälder, die ein Tal einschließen, hinweg 
nach schön geformten Bergen sieht, welche in die 
sem Falle Kellerwald, das hohe Lohr und der 
Ieust sind. 
Bei der Verkoppelung mußte der Tannenwald, 
welcher von links her, hinter der Wiese, in das 
Tal hinabsteigt, beseitigt werden!, so daß man 
jetzt frei nach Neustadt mit dem Bahnhof 
hinunterfieht. Man ist aus der Stille der Wäl 
der an die Eisenbahn versetzt, das Gefühl erhabe 
ner Einsamkeit ist verschwunden und die Schönheit 
der Form der Landschaft zerstört. Der Wahlener 
Forstmeister, der uns schon mehrfach bedrohte 
Waldstücke seines Reviers mit Hilfe des Darm 
städter Ministeriums erhalten hatte, war ohn 
mächtig gegenüber dem Drängen der Wiesenbe 
sitzer, welche behaupteten, der Wald (welcher die 
Wiesen auf der Nordseite begrenzte!) mache die 
Vliesen feucht und müsse deshalb entfernt werden. 
Wenn auch diese Landschaft vielleicht die 
schönste bei Gleimenhain war, so gibt es auf der 
Höhe noch hoheitövolle alte Waldränder, welche 
Walter Waentig mehrfach radiert hat, schöne 
Wolf Zeller Mütter 
Baumgruppen, die Wolf Zeller zu Bildern und 
Zeichnungen anregten, und weite Fernen nach 
allen Seiten. 
Heute ist Gleimenhain nicht mehr von Ma 
lern besucht, aber in der zweiten Hälfte des 
ersten Jahrzehnts in diesem Jahrhundert, als 
Walter Waentig eine Malschule hatte, war 
dort reges künstlerisches Leben. Erwähnt sei hier 
nebenbei, daß auch Will Vesper, der Schrift 
steller und Dichter, Waentigs Schwager, einen 
Sommer in Gleimenhein verbrachte. 
Da wir durch Vvaentig und Zeller nun ein 
mal in das Darmstädtische Oberhefsen hineinge 
raten find, so wollen wir dort gleich noch die 
Dörfer besuchen, in denen Mällingshäuser Mm- 
ler tätig waren. 
Geht man von Gleimenhain auf der Höhe in 
östlicher Richtung querfeldein durch Waldstreifen 
und zwischen Ackern hindurch, so gelangt man 
bald zu der Straße, die von Neustadt nach 
Arnshain führt, auf welcher man bis nach 
Arnshain andauernv von den herrlichsten Bildern 
begleitet wird. Nach Westen die Hochfläche 
mit Wiesen und Feldern und Obstbäumen, früher 
auch mit einem schönen Waldblock in den Wie 
sen, den Thielmann malte, einer alten Hute und 
einem kleinen Basaltbruch. Nach Osten aber 
tut sich der Blick auf in die weite Welt. Zu 
nächst hat man eine Landschaft vor sich, scheinbar
	        

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