Full text: Hessenland (44.1933)

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von der Saale trauen. Nun war er in seinem 
Gewissen wieder beruhigt, daß er kein Ehebrecher 
mehr sei. Er versprach und hielt seinen zwei 
Frauen auch wirklich die Treue, ja er verhieß 
Ehriftine, er werde jetzt gegen sie liebevoller als bis 
her sein, zumal sein damaliger Beichtvater Bucer 
ihn dringend dazu ermahnt hatte. Endlich durfte 
er wieder zum Abendmahl gehn. Wenn er in 
einem Brief vom 17. Zuli 154» schreibt, „er 
habe seine Ehe nicht aus bloßer Affektion, son 
dern zur Entfliehung ewiger Verdammnis ein 
gegangen" und sei bereit, das in Luthers, des Kur 
fürsten (von Sachsen) und anderer Herrn Bei 
sein vor Gott zu bezeugen", so wird man ihm das 
nach alledem billig glauben müssen. Er war so ehr 
lich überzeugt, vor Gott richtig gehandelt zu haben, 
daß er die Forderung Luthers, die Sache des bösen 
Beispiels halber und aus Rücksicht auf das welt 
liche Gesetz geheim zu halten, entrüstet zurückwies: 
„Könnt Zhrs vor Gott verantworten, was fürchtet 
und scheut Zhr die TVelt? Hat die Sache im Ge 
wissen vor dem Allmächtigen, Ewigen, Unsterb 
lichen keine Not, was liegt dann an der verfluchten, 
wucherischen, vollsöffigen TLelt?" Das ist gewiß 
falsch, denn sehr wohl haben wir nnö zu hüten, der 
Welt ein Ärgernis zu geben. Und zumal: „wer 
andere wohl zu leiten strebt, muß fähig fein, viel 
zn entbehren". Aber unehrlich ist das gewiß nicht. 
Die Doppelehegeschichte offenbart uns vielmehr 
die Gefahr einer Religionsauffaffung, die mehr auf 
einzelne Worte und Buchstaben der Bibel, als auf 
den Geist steht. Wir Heutigen, durch die Bibelkritik 
geschult, sehn deutlicher als Luther, daß der Geist 
der TLorte Zesu über die Ehe und die Stellung der 
Frau, auch wenn der Buchstabe es nicht sagt, jede 
Mehrehe ausschließt. „Der Buchstabe tötet, aber 
der Geist macht lebendig", dieses Wort der Bibel 
sollte uns aber auch bei der Beurteilung der Hand 
lungen vergangner Jahrhunderte leiten und instand 
setzen, einem Luther und Philipp gerecht zu werden 
und ihre Fehler einmal nicht nach unseren geläuter 
ten sittlichen Auffassungen zu messen und zweitens 
Ite überhaupt nach ihrer Gesamthaltung zu werten. 
Ist jener Philipp ein heuchlerischer Lüstling, der 
jich mit seinem Anschluß an die Reformation mehr 
geschadet als genutzt hat? Warum ging er den 
gefährlichen durch Reichsacht bedrohten Weg? 
Gerade e r hätte bei seiner genialen Tatkraft als 
Verteidiger des alten Glaubens so gut wie Ferdi 
nand und Karl der Fünfte und Franz von Frank 
reich oder der Baiernherzog die Zustimmung des 
Papstes zu erheblichen Abgaben aus Kirchengut 
durchgesetzt! „Aber er zog doch die Klöster ein"? 
Za! Ilm die NIonche und Nonnen zu versorgen, 
um die Universität Marburg zu stiften, um vier 
Klöster in Hospitäler zu verwandeln und zwar für 
die Krüppel und Schwachsinnigen des Dorfes, 
nachdem es bis dahin doch niemand in 
Sinn gekommen war, sich um die 
Nöte der Dorfleute zu bekümmern. 
Hier steht Philipp hoch über seiner Zeit, ebenso 
im Bauernkrieg. Er, der als erster Fürst 
seinen Fronarbeitern Brot und Suppe reichen 
ließ, erkannte, sehr bald, daß am Bauernauf 
stand — die Herrn schuld waren, änderte sein 
anfänglich Verhalten und ließ, wie wir aus noch 
erhaltenen Akten sehn, die Beschwerden der Bauern 
untersuchen und abstellen. Ein Herrscher, der 
sich weigert, einen Wiedertäufer zu töten, während 
ringsum alle evangelischen und katholischen Fürsten 
sie zu Hunderten verbrannten, der sie aber im Ge 
fängnis besuchen und dadurch zur Kirche zurück 
gewinnen ließ, daß er das Berechtigte an ihrer Kri 
tik anerkannte: die mangelnde Zucht und Kinder 
unterweisung, und alsbald in Hessen die erste Kir- 
chenzuchtordnung und als erster die Konfirmation 
einführte, von wo aus diese allgemeine Sitte wurde, 
ein F ü r st, von dem Luther rühmt, Philipp hat 
den gemeinen Mann an sich hängen, ein L a n - 
deövater, von dem die Kaiserlichen Kommis 
sare, die während seiner Gefangenschaft Hessen be 
reisen und wieder zum alten Glauben zurückführen 
sollten, an den erbittertsten Feind, den Kaiser 
Karl V. schreiben: „Kein Sohn kann so den Tod 
seines Vaters, kein Weib so den Tod ihres Man 
nes betrauern, als die Hessen das Unglück ihres 
Herrn, keiner wäre, der nicht seinen Kopf für ihn 
gäbe". Ein Ehemann, für den seine Chri 
stine trotz aller Doppelehe zweimal einen Fußfall 
beim Kaiser tat, um dessen Gefangenschaft sie sich 
sc grämte, daß sie an gebrochenen Herzen starb, der 
seinerseits zurückgekehrt aus der Haft in Kassel so 
fort an das Grab seiner Christine eilt, um dort 
lange knieend zu verharren, dieser Philipp, der neben 
seiner überaus fleißigen Herrscherarbeit doch sich 
eine bewunderte und gefürchtete Kenntnis nicht nur 
der Bibel, auch der alten Gottesgelehrten wie 
Augustin und Ambrosius angeeignet hat, dessen 
beide noch erhaltene Bibeln von fleißigstem Ge 
brauch zeugen, der viele Hunderte von Briefen über 
rein religiöse Fragen geschrieben hat — ein solcher 
9 N e n s ch ist nicht mit dem landläufigen Urteil 
eines Lüstlings oder frommen Heuchlers abzutun. 
Das hindert natürlich nicht, sein eheliches Verhal 
ten, als den Mangel energischen Kampfes wider 
seine Schwachheit und als schweren Fehler zu 
brandmarken. Was man auch sonst noch zu 
Philipps Entschuldigung anführen mag: die 
freudeleere Zugend, die ihn den Segen eines 
vorbildlichen Familienlebens entbehren ließ, diese 
grobe Versündigung an dem Züngling durch eine 
politische Ehe, die doch ganz streng genommen, am
	        
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