Full text: Hessenland (44.1933)

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Schaffer beginnt mit einem Hymnus auf 
die Erfindung der Dampfmaschine. Sie hat in 
England und Nordamerika bereits ihren Sieges 
zug angetreten. Soll da der europäische Kontinent 
zurückbleiben? Bald werden Dampfer die Donau 
beleben und eine regelmäßige, zuverlässige Verbin 
dung zwischen der Levante, dem Schwarzen Meer, 
der Türkei und Bayern herstellen. Eine bayrische 
Eisenbahn wird von der Donau zum Main führen, 
und die Aufgabe Kurhefsens, BraunfchweigS und 
Hannovers wird es fein, diese Verkehrsader an die 
Hansastädte anzuschließen. Bleibt Kurhefsen zu 
rück, so wird sich das verhängnisvoll auswirken. 
Die Dampfschiffahrt auf Rhein und Elbe wird 
dann einen großen Teil des Nord-Süd-Verkehrs an 
sich ziehen; noch schlimmere Folgen für das Land 
würde aber eine preußische Bahn haben, die etwa 
dem Verlaufe der neuen Knnststraße von Nort 
heim über Duderstadt nach Muhlhansen, oder der 
von Gotha über den Thüringer Wald nach Bayern 
entsprechen würde. Und dabei ist doch Kurhessen 
durch seine gebirgsfreiere Lage in der Mitte der 
geraden Linie zwischen den Höhen der Nord- und 
Ostsee und Süddeutschland von der Natur dazu 
bestimmt, den Durchgangsverkehr in der Norv- 
Südrichtung aufzunehmen. Für die Überwindung 
der hessischen Berge kommt die Anwendung des 
Zahnrades in Frage; auch kann an steilen Stellen 
der talwärts fahrende Zug den bergwärts fahren 
den durch seine Schwerkraft mit hinaufziehen; end 
lich ist der Bau von Hebewerken, die durch statio 
näre Dampfmaschinen betrieben werden, in Erwä 
gung zu ziehen. Um eine gerade Linienführung zu 
ermöglichen, ist es nicht angängig, alle in der Nähe 
liegenden Städte zn berühren; diese sind vielmehr 
durch Nebenbahnen an die Hauptstrecke anzu 
schließen. So sollen die drei Hansestädte durch An 
schlußstrecken, die sich etwa in Soltau treffen, mit 
der Nord-Südbahn verbunden werden. Von 
Soltau geht es in gerader Linie über Hannover 
durch das Leinetal nach Göttingen, von da schnur 
stracks in südlicher Richtung durch Kurhessen. 
Hinter Fulda ist die Rhön zu übersteigen, um das 
Sinntal und Gemünden zu gewinnen. Hanau und 
Frankfurt sind ebenfalls durch eine Seitenbahn 
mit der Hauptstrecke zu verbinden. Von Gemün 
den wird die Bahn nach Würzburg führen, dann 
mittels stehender Hilfsmaschinen die Wasserscheide 
zwischen Main und Altmühl überwinden, um end 
lich an der Donau, etwa der Lechmündung gegen 
über, zu enden. 12^2 Millionen Taler betragen 
die Baukosten, in die sich mit Hessen die vier freien 
Städte, sowie Hannover, Braunschweig und 
Bayern zu teilen haben. Hessens Volkswirtschaft 
wird von der Bahn den größten Nutzen haben. 
Innerhalb des Landes wird ein besserer Güteraus 
tausch zwischen den landwirtschaftlichen und indu 
striellen Bezirken möglich sein, der der Wirt 
schaft gewaltige Impulse geben wird. Weiterhin 
werden die Landesprodukte durch die Ausfuhr 
erleichterung, die mit der Eisenbahn verbunden ist, 
einen wesentlich größeren Absatzmarkt im Aus 
land finden, anderseits werden Auslandsprodukte 
zu geringeren Frachten als bisher eingeführt wer 
den können. Endlich wird der Durchgangsverkehr 
reichen Gewinn bringen, Handel und Wandel wer 
den in ungeahnter Weise belebt werden. 
Unter Schäfferö tätiger Mitwirkung wurde in 
Kassel der „Kurhessische privilegierte 
Verein für Eisenwegebau" gegründet, 
der, wie Schäffer in der Ständesttzung vom 
16. August 1834 ausführte, „sich die Ausgabe ge 
stellt hat, diese große Nationalangelegenheit zu 
prüfen und zu befördern, das hessische Vaterlanv 
darüber aufzuklären und . . . darüber zu wachen, 
daß das benachbarte Ausland uns nicht schlafend 
finde und in uns umgrenzenden früheren Aus 
führungen der Industrie, dem Handel und Ver 
kehr, besonders dem Transithandel des hessischen 
Vaterlandes, den Todesstoß beibringe". Der Ver 
ein entfaltete in den nächsten Jahren eine rege 
Tätigkeit; uns interessieren hier nur die Vorarbei 
ten für den Bau der Nord-Süd-Bahn, über deren 
Ergebnisse Dr. Friedrich Fick, ein um das kur- 
heffifche Eisenbahnnetz verdienter Fachmann, am 
37. Januar 7838 etwa folgendes berichtet: Eine 
gerade Strecke Kassel—Frankfurt kann leider nicht 
gebaut werden, da das Massiv des Vogelsberges 
mitten im Wege liegt. Somit kommen für die ge 
plante Bahn nur zwei Linien in Frage: die eine 
über Melsungen—Rotenburg—Hersfeld-—Fulda 
—Schlüchtern—Gelnhausen—Hanau, die andere 
über Treysa—Marburg—Gießen. Zwar macht 
die Linie über Fulda einen Urnweg von 2^ Mei- 
len Länge, jedoch bietet sie den Vorteil, daß sie ganz 
im Knrstaat verbleiben kann. Das Fuldatal müßte 
allerdings zwischen Hersfeld und Fulda verlassen 
werden, da hier der Flnß auf 2 1 /£> Meilen das Ge 
biet des Großherzogtums Hessen durchströmt. 
Die Strecke über Marburg—Gießen würde zwar 
ein an landwirtschaftlichen Erzeugnissen reiches 
Land erschließen und auch für die beiden Univer 
sitätsstädte von größter Wichtigkeit sein. Nach der 
Meinung Ficks hat aber die Eisenbahn in erster 
Linie der Förderung des Handwerks und der In 
dustrie zu dienen; da die Linie über Hersfeld—Fulda 
eine gewerbereiche Gegend durchzieht, ist ihr der 
Vorzug zu geben. Dem Techniker wird allerdings 
die Überwindung der Wasserscheide bei Schlüchtern 
Schwierigkeiten machen. Man muß wohl die Züge
	        
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