Full text: Hessenland (44.1933)

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Als Absteigequartier behielt sich noch der Land 
komtur Jan Daniel von Priort 1679 „daö ge 
wöhnliche Gemach nebst Kammer" und der Stal 
lung für seine Pferde vor mit der Verpflichtung für 
die Hofleute, die Stube nach der Jahreszeit warm 
zu halten. Sonst war die Burg den Hofleuken zn 
freier Benutzung überlassen 13 ). 
Ein glücklicher Zufall hat es gefügt, daß sich in 
den Akten des Deutschordensarchivs eine aquarel 
lierte Zeichnung gefunden hat, die uns auch die 
Kenntnis von der äußeren Gestalt der Burg ver 
mittelt 14 ). Sie ist hier verkleinert wiedergegeben. 
Die untere Hälfte des Blattes, auf dem sie steht, 
bringt dazu noch eine Darstellung des Hofes Stede 
bach im Grundriß. Zeichnung wie Grundriß find 
im (Maßstab von ungefähr 1:1000 angefertigt 
und undatiert, gehören aber dem Schriftcharakter 
nach in die Zeit um 1700. 
Auf dem Bild lasten sich unschwer zwei Ge 
bäudegruppen unterscheiden. Die erste Gruppe, 
schiefergedeckt, umfaßt die eigentliche Burg (i) 
mit Stallung und Scheune, den sog. roten Ge 
bäuden (2, 3), die zweite, strohgedeckte, die Wohn 
häuser, Scheunen und Ställe der vier Hofleute 
(4—7) mit dem gemeinschaftlichen Backhaus (8). 
Das stattlichste Gebäude, die Burg, ist in einen auf 
drei Seiten mit baumbestandenem Wall umgebe 
nen Teich in einer Entfernung von ungefähr 
13 Metern von der die Westseite des Teichs ab 
schließenden Litauer hineingebaut und mit dem 
Hofbezirk nur durch eine hölzerne Brücke verbun 
den. Auf der Zeichnung ist der freie Stand des Ge 
bäudes im (Wasser leider nicht mit derselben Deut 
lichkeit zu erkennen wie auf dem Grundriß. 
Die Burg erscheint im Grundriß als eine fast 
quadrati che Anlage (ungefähr 23X28 Nieter) 
mit zwei Seitenflügeln, die im Osten durch 
einen (Mittelbau verbunden find. Der massive 
Unterbau trägt auf dem Mordflügel ein, auf dem 
Südflügel zwei Fachwerkgeschoste, beide unter den 
verschieden stark abgewalmten Dächern mit hohen 
Böden. Dem (Mittelbau ist ein zweigeschossiger 
Erker vorgebaut, an der Mordwestecke steht zum 
Schutz des Burgeingangs ein mit welscher Haube 
gekrönter Rundturm. 
Die Vorstellung, die uns das Bild von der 
Wasserburg vermittelt, wird aber noch lebendiger, 
wenn wir die 1711 und 1733 aufgestellten Jn- 
ventare zu Hilfe nehmen 15 ). 
13) Lennep, Abhandlung von der Leyhe zu Land- 
siedelrecht, 1769, Cod. prob. Nr. 52. 
1 4 ) St. 21 . Marburg, Deutschorden, Akten, Güter 
(Stedebach). 
13) St. A. Marburg, Deutschorden, Akten, Güter 
(Stedebach): Prozesse (Promemoria betr. den Freihof 
Stedebach 1742/52). 
Danach führte der Eingang zur Burg über eine 
Zugbrücke durch ein starkes rundbogiges Tor mit 
besonderer kleiner Eingangstür. Der Eintretende 
fand im Erdgeschoß des Gebäudes zur rechten Hand 
zwei unterkellerte Ställe. Wendeltreppen führten 
zum ersten und zweiten Stockwerk, die beide als 
Fruchtböden benutzt wurden. Im Gebäude links 
waren im Erdgeschoß Küche, Speisekammer und 
Schmiede untergebracht. Auf einer steinernen 
Wendeltreppe gelangte man zu den Räumen des 
obern Stockwerks, von denen die Gestndestube, 
einige Kammern und in der Mitte eines Gangs 
em heimlich Gemach, ein Abort, Erwähnung fin 
den mögen. Die Bezeichnung des Turmes neben 
Rundel als Kerker deutet den Zweck an, dem er 
wohl zuletzt ausschließlich gedient hat. Daö erste 
Stockwerk des Mittelbaus enthielt außer einer 
Kammer und einem zweiten heimlichen Gemach die 
gedielte, von zehn Fenstern erhellte Herrenstube. Zu 
ihr gelangte man auf einer steinernen Treppe, die, 
mit einem Geländer und Schieferdach versehen, 
von außen hinaufführte. 
Aus dem Bild selbst ergeben sich nur dürftige 
Anhaltspunkte für die Baugeschichte. Die quer 
rechteckigen Scharten des Turmes weisen wenig 
stens für die Entstehung dieser Bauteile in das 
Ende des 13. Jahrhunderts. Solche Scharten fin 
den sich auch an den Bollwerken der Befestigungs 
anlagen, die der Baumeister Hans Jakob von Ett 
lingen für Landgraf Heinrich, Hans von Dörn 
berg, Johann Schenk zu Schweinsberg u. A. ge 
baut hat 73 ). Es ist daher nicht ausgeschlossen, daß 
Ettlingen ebenfalls an diesem Bau beteiligt war. 
Die Vermutung findet ihre Stütze auch darin, 
daß, wie von 1456—1473, i° auch von i477 ab 
Herr Martin Schenk zu Schweinöberg in Stede- 
bach, das ihm mit seinen Höfen eingetan war, 
seinen Sitz hatte. Da er zu den Räten des Land 
grafen gehörte 16 17 18 ), find die Beziehungen auch znm 
landgräflichen Baumeister leicht gefunden. 
Der Erker zeigt Formen des 16. Jahrhunderts. 
Wir können denn auch nachweisen, daß der Land 
komtur Johann von Rehen (1343— 1570) einen 
Umbau vorgenommen hat, der in besonderem Maße 
den (Mittelbau veränderte 73 ). Er ließ 1333 und 
r 336 Teile des Baus einreißen und den „neuen 
Vau" mit der Herrenstube, der dazu gehörenden 
Kammer und den Erker herstellen. Für die innere 
Ausschmückung sorgten Marbnrger Künstler und 
Handwerker. Meister Georg Thomas von Ba- 
16) Küch, Hang Jakob von Ettlingen. Hefsenkunst, 
1921, S. z 4 ff. 
17) Gundlach a. a. O. S. 2 z 4 - 
18) Ausführliche Baurechnung in der Trappeneirech 
nung von 1555/56.
	        

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