Volltext: Hessenland (43.1932)

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Gott gebe mir, worauf ich freudig hoffe, im künftigen 
Jahre wieder so glückliche Tage in Weimar, als sie mir 
dieses Jahr geschenkt wurden! 
Wie wichtig, belehrend und lieb sind mir auch viele 
schöne Abende in Belvedere geworden, durch die wohl 
wollenden Mittheilungen unseres hochgeschätzten Herrn 
Hofrath Meyer, dem ich mich herzlichst verpflichtet 
fühle, und sehr oft schon eine rechte Sehnsucht nach 
seinen Gesprächen gehabt habe. 
Möge der liebe Gott die Ihrigen alle in Seinen 
sicheren Schutz nehmen und Ihnen recht innige Freuden 
an denselben bescheren! Ihrer Frau Schwiegertochter 
empfehle ich mich gehorsamst und kann zugleich, in Be 
zug auf die Latrobe'schen Compositionen versprechen, 
daß ich Mehreres mitbringen werde. 
Leben Sie wohl! Oer Herr segne und behüte Sie! 
Ja, das bitte ich von Gott! 
Mit unbegrenzter Verehrung und der treuesten Liebe 
verharre ich für immer als 
Ewr. Excellenz 
gehorsamster 
treuergebenster G. von Reutern. 
M S. Meine Adresse ist: über Riga nach Lemsal in 
Lievland. 
Lemsal in Lievland den tyiStm Dezember 18,30. 
Etwa einviertel Jahr später, während Reutern 
noch in Livland weilte, entschloß sich Goethe zu der 
gewünschten Inschrift. Ursprünglich hatte er die 
Absicht, sie durch einen Kalligraphen eintragen zu 
lassen, aber Eckermann riet ihm davon ab. Am 
6. April finden wir in Goethes Tagebuch: „In 
schrift auf die von Reuternsche Tafel." Die Verse, 
die Goethe am 22. April 1831 Reutern durch 
Radowiß mit einem Schreiben zugehen ließ, lauten: 
„Gebildetes fürwahr genug! 
Bedürft es noch der Worte? 
Wir sehn des lieben Lebens Zug, 
Durch Stunden schleichts und Orte. 
Die hohe Gabe preisen wir, 
Oie grausam Unheil steuert. 
Auf Weg und Stegen Blumenzier 
Dem holden Freund erneuert. 
Doch jedes Auge, wie es blickt. 
Wird in Bewundrung steigen: 
Oer Geist, erhoben und beglückt, 
In stiller Freude schweigen!" 
Die vorstehenden Verse wurden zum ersten Mal 
in der Taschenausgabe letzter Hand mit folgender 
Unterschrift gedruckt: 
Inschrift 
auf eine von vorzüglichen Miniatur-Bildern 
umgebene Tafel, Lebensereignifse und Zustände 
eines werten Freundes, Baron von Reutern, vor 
stellend, von demselben mit größtem Talent und 
bewunderungswürdiger Sorgfalt ausgeführt. 
April 1831. 
Ebenda finden sich auch die Begleitworte, die 
Goethe beim Absenden jenem Blatte nachrief: 
„Wort und Bilder, Bild und Worte 
Locken euch von Ort zu Orte, 
lind die liebe Phantasey 
Fühlt sich hundertfältig frey!" 
Die Arabeske aber sandte Goethe erst am 
11. Juli 1831 unmittelbar nach Willingshausen 
an Frau Charlotte von Reutern, die sich schon bei 
Frau Ottilie Goethe nach dem Verbleib erkundigt 
hatte, mit folgendem, von seiner Hand unterzeich 
neten Schreiben zurück Z: „Teuerste, gnädige 
Frau! Das an meine gute Schwiegertochter er 
lassene vertrauliche Schreiben hat mich tief im 
Innersten geschmerzt. Indessen ich, von Tag zu 
Tag, hoffte, Ihren Herrn Gemahl bey mir zu 
sehen, so muß ich erfahren, daß er in einer so be 
denklichen, für seine Anverwandten und Freunde 
höchst bänglichen Lage sich befindet. Ein Mann, 
der wegen seiner Eigenschaften und Vorzüglichkei 
ten das beste Geschick verdient, der von mir von 
jeher so viel Vertrauen geschenkt und für den meine 
Hochachtung immer wachsen mußte! 
Wir haben für ihn, sowie, mehr oder weniger, 
für uns Alle mit frommer Zuversicht zu bedenken: 
daß jenes allgemeine Bedrohliche, welches über der 
ganzen Welt schwebt, den Einzelnen oft ganz 
wunderartig vorbeigeht und verschont. 
Das Portefeuille, wonach Sie, wie billig, mit 
Antheil fragen, ist durch die Vermittlung des 
Herrn Obrist von Radowitz zu Berlin, in meinen 
Händen. Ich habe das mir in einem beygefügten 
Schreiben des trefflichen Freundes gewidmete Na 
tur- und Kunstblatt, mit einer gewissen scheuen 
Dankbarkeit in meine Sammlung zu den besten 
gelegt und empfand um so mehr einige Verlegen 
heit, als es mir, geraume Zeit, nicht gelingen 
wollte, seinen wiederholten Wunsch zu erfüllen. 
Ich hatte immer eine Art Scheu, den zwischen den 
herrlich-reinlichen Arabesken gelassenen Raum 
durch Schrift zu verunstalten, besonders da ich der 
Absicht gemäß hielt, selbst zu schreiben und man 
dann doch niemals vor Unglück und Irrthum der 
Feder gewiß seyn kann. Endlich hab ich mir ein 
Herz genommen, und es steht nun, wie es eben ge 
lingen wollte. 
Dieses Hauptblatt ist nun, wie es angekommen, 
sorgfältig eingepackt und steht zu augenblicklicher 
Absendung bereit. Den Namen desjenigen, der, 
von Kassel aus, mir früher dergleichen Kunstschätze 
spedirte, wüßt ich nicht gleich zu finden. Wollten 
Sie mir ihn melden und dem guten Mann einen 
näheren Auftrag geben, so könnte dieser Schatz, 
den ich ungern so lange verwahrte, bald wieder in 
Ihren Händen seyn. Meine gute Schwiegertoch 
ter dankt für das ihr erwiesene Vertrauen und 5 
5) Lebensbild a. a. O., S. 77.
	        

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