Full text: Hessenland (43.1932)

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Avignon sitzend, dem Kaiser 1324 den Bannstrahl 
entgegenschleuderte. Feinde ringsum, Not im 
Lande — und leere Kasten. Zwar hatte Ludwig 
mächtige Fürsten und einen großen Teil der Reichs 
städte für sich, vor allem der Bürger hing ihm an, 
und das gab ihm einen Rückhalt. Ein Zug nach 
Rom hatte ihm 1328 die heißersehnte Kaiserkrone 
eingebracht, aber auch Unsummen verschlungen. 
3tmj waren seine Mättel völlig erschöpft, zumal 
ihm, der von Hause aus arm war, eine reiche Haus 
macht nicht zur Seite stand. Zn seiner Not ver 
schleuderte er Reichsgut, Regalien und Rechte. 
Kaum ein Kaiser hat je das Gut so mit vollen 
Händen weggeben müssen wie Ludwig. Verpfän 
dungen und Verkäufe waren an der Tagesordnung. 
Hatte er doch zum Beispiel eben erst, wenige Tage 
vor der Verleihung der Stadtrechte an Schweins 
berg, einen Schuldschein über 4000 Pfund Heller 
für zwei Frankfurter Bürger ausstellen müssen. 
Nun werden wir auch verstehen, weshalb der Kai 
ser Stadtrechtsverleihungen in diesen Zähren in so 
großer Zahl vornahm. Zählen wir doch von 1329 
bis 1332 an die 30 solcher Verleihungen, unter 
andern an Diez, Darmstadt, Gleiberg und Eltville. 
Das brachte Geld in die kaiserlichen Kasten. Auch 
die rigorose Ausbeutung des Zudenschutzmonopols 
verfolgte den gleichen Zweck. Am selben Tage, an 
dem er Schweinsberg das Frankfurter Stadtrecht 
verlieh, erlaubte Ludwig dem Ruprecht Schenk 
auch die Anfiedlung von vier Juden in der neuen 
Stadt, auch dies sicher nur gegen klingende Münze. 
Aber Schweinöberg wurde durch die Verleihung 
von Frankfurter Recht nicht etwa freie Reichsstadt. 
Eifersüchtig wachten die Frankfurter darüber, daß 
ihren Rechten durch allzu häufige Vergabung kein 
Abbruch geschah. So zwangen sie den Kaiser schon 
am 3. März 1332 zu der Erklärung, daß die an 
einige Städte, Markte und Dörfer erteilte Frei- 
beit nicht den Sinn habe, als sollten diese nun aller 
Rechte Frankfurts und anderer Reichsstädte teil 
haftig werden; vielmehr sollten sie diese Freiheit 
nur an Wochenmärkten haben und ihr Urteil nach 
der Stadt Recht suchen, deren Freiheit sie erhielten. 
Wie kam nun aber gerade der Kaiser dazu, 
Schweinsberg zur Stadt zu machen? Eine Er 
innerung an vergangene Zeiten mag da mitgespielt 
haben. Schweinsberg war erwachsen auf altem 
Reichsgut, das sich in den fruchtbaren Talgründen 
von Nterlau im Süden bis TFohra im Norden, be 
sonders um Seelheim und Amöneburg bis ins 10. 
Jahrhundert .zurückverfolgen läßt. Teile dieses 
Reichsguteö, so auch Schweinsberg, besaßen die von 
Merlau. Zm Wappen führten sie den Adler des 
Reiches. Durch Heirat mit einer Tochter dieser 
Familie kam Gunthram aus dem Geschlechte der 
Vögte von Marburg, zeitweilig auch von Grün 
berg genannt, kurz vor 1200 in den Besitz von 
Schweinsberg, das 1213 zum ersten Mal urkund 
lich erwähnt wird. RUit ihm kam das Geschlecht 
in Schweinsberg zur Herrschaft, dem die Burg als 
Ganerbenbefitz noch heute gehört. Ilm 1239 er 
warben sie das Schenkenamt der thüringisch-hessi 
schen Landgrafen und nannten sich fortan Schen 
ken von Schweinsberg. Zn jenem Gunthram ha 
ben wir wohl auch den Erbauer der Burg Schweins- 
berg zu sehen, der heute in Trümmern liegenden 
ältesten Befestigung, der Oberburg. Später hat 
man die Burg weiter stark befestigt und vergrößert. 
Zu ihren Füßen entwickelte sich das sogenannte Tal, 
ein wohl anfangs bäuerliches „suburbium", das 
offenbar je länger je mehr städtischen Charakter 
annahm. Diese Entwicklung veranlaßte wohl auch 
jenen Ruprecht, den Urenkel des ersten Gunthram, 
das Stadtrecht für Schweinsberg zu erwerben. 
Hatten die Schenken dabei große Hoffnungen 
auf die Entwicklung ihres Städtchens gesetzt? Wir 
wissen es nicht. Jedenfalls blieb Schweinsberg 
immer ein kleines, stilles Landstädtchen, von den 
größeren, günstiger gelegenen Nachbarn Marburg 
und Kirchhain bald überflügelt. Das hatte seinen 
Grund. Es hatte die Stadtherrn unmittelbar über 
sich; die waren tapfere Kriegsleute und gute Ver 
walter ihres Grundbesitzes. Zn ihrer Hand lagen 
llnter- und Obergericht, sie setzten Bürgermeister 
und Schöffen ein. Von Bürger f r e i h e i t haben 
sie wohl nicht gern etwas hören wollen. 
Es hat lange, bis ins 16. Jahrhundert gedauert, 
bis Schweinsberg, auf freiem Eigen der Schenken 
errichtet, unter die Botmäßigkeit der Landgrafen 
geriet. Schreibt doch noch um 1340 Landgraf Phi 
lipp der Großmütige an den Grafen Bernhard von 
Solms: „wir haben an dem schloß Schweinsberg 
ein erblich gemeine öffnung (d. h. in Kriegszeiten 
ein Besetzungsrecht), und die nicht anders, dan zu 
unsern nöten, und ihnen den Schenken solches 
schlofses halben weiter nicht zu gebiethen noch zu 
verbiethen"; nur ein Kurfürst, „wie Ir vielleicht 
mögt seyn", fügt er spöttisch hinzu, habe ihnen zu 
befehlen. 
Aus den späteren Schicksalen der Stadt nur 
ein paar Bilder. 1368 hatte ein Brand 60 Häu 
ser zerstört, doch war der Schaden offenbar bald 
überwunden worden. Unsäglich Schweres aber hat 
ten Burg und Stadt im dreißigjährigen Kriege 
durchzumachen. Plünderung folgte auf Plünderung, 
und Einquartierung auf Einquartierung; und 1633 
bis 1634 nistete sich ein unheimlicher Gast ein: 
die Pest. Aber erst der 6. Juli 1633 sollte zum 
schwärzesten Tag in der Stadtgeschichte werden. 
Wenn wir den nüchternen, sachlichen Bericht des
	        

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