Full text: Hessenland (43.1932)

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und 1818 erhielt das kurhessische Wappen seine letzte 
Gestalt. ^ 
Nachdem Redner noch auf die HerrschaftS-Wavpen 
von Plesie, Itter, Epstein und Frankenstein, die^nur auf 
einem mauritianifchen Taler vorkommen, Wavpen- 
hclme, Wappenmäntel und Ordenskette» eingegangen, 
schloß er seine Darstellung damit, daß er das Gesamt- 
wappen als eine symbolische Landkarte ansprach, die so 
auch die Entwicklung des Landes symbolisiere. 
Zolldirektor Woriuger ging in der Aussprache noch 
auf einen erwähnten Sondcrfall ein, den man als Rrnnz- 
fchcrz gedeutet hat, wogegen aber die Tatsache spricht, 
daß sich eine ähnliche Form der Wappenhalter auch bei 
einer anderen Gelegenheit fand, wo jene Anspielung 
nicht in Frage kommt. Es handelt sich um die zeit 
weilige Abtrennung von Hanau unter L. Friedrich II. 
vom hessischen Gesamtlande. — Dann konnte Zoll- 
direktor Woringer den schönen und reichen Abend mit 
nochmaligem Hinweise auf die künftigen Veranstaltungen 
gegen %n Uhr schließen. 
Zweigverein Marburg. 
Am Sonntag, dem 29. Mai 1932, unternahm der 
Geschichtsoerein Zusammen mit dem Verein für Heimat 
schutz einen Ausflug nach dem ehemaligen Präm 0 ri 
si r a t e n s e r i n n e n st i f t Altenberg und dem 
Hermannftein bei Wetzlar, nach einem Ziele also, 
das wohl außerhalb des eigentlichen Arbeitsgebiets bei 
der Vereine liegt, aber durch mancherlei Beziehungen 
mit der Geschichte der Landgrafschaft Hessen verbunden 
ist. Oer Mittagszug brachte etwa 2Z Damen und 
Herren nach Wetzlar. Von hier wurde ohne Aufenthalt 
der Fußmarsch nach Altenberg angetreten, das man in 
1V2 Stunden erreichte. In Altenberg erwartete sie 
Herr Privatdozent Dr. Meyer-Bark hausen aus 
Gießen, der sich in dankenswerter Weise als Führer zur 
Verfügung gestellt hatte. In einem kurzen einleitenden 
Vortrag machte er mit den Hauptdaten der Geschichte 
des Stifts bekannt. Es fei hier nur erwähnt, daß es 
um 1180 gegründet, mit Ehorjungfrauen aus Rommers 
dorf besetzt worden ist und eine erste Blütezeit unter 
der Meisterin Gertrud, der Tochter der hl. Elisabeth, 
erlebt hat. 1802 wurde eö säkularisiert und den Grafen 
von Solms zugewiesen, in deren Besitz die Domäne 
heute noch ist. Dr. Meyer-Barkhausen ging sodann 
ausführlicher auf die Baugefchichte ein, für die die noch 
nicht veröffentlichte Chronik des Priors Petrus Oiede- 
rich ans dem 17. Jahrhundert wertvolle Anhaltspunkte 
gibt. Oie Anlage der Klausur ist hier deshalb beson 
ders merkwürdig, weil sie anstelle der sonst üblichen voll 
kommen gegen die Kirche verschoben ist. Eingehender 
wurde der Ostflügcl des Kreuzgangeg mit dem ehemali 
gen Küchenban besichtigt. Hier im Kreuzgang waren 
noch Reste alter Wandmalereien sichtbar. Leider schei 
nen sic bei der Sorglosigkeit, mit der mau in Altenberg 
überhaupt den Verfall und die Zerstörung von Kunst- 
'verkeil einer vergangenen Zeit geschehen läßt, bald den, 
Untergang geweiht zu sein. Oie Kirche entstammt der 
Zeit der fel. Gertrud; .ihre Bauformen gaben Veranlas 
sung zu Vergleichen mit denen der Elisabethkirche in 
Marburg. In sachkundiger Weise erläuterte Herr Dr. 
'.Mcycr-Barkhauscn ini Innern der Kirche ihre Anlage 
(einschiffig mit Querhaus und Chor, Halle im 
Westen mit anschließendem Kapitelsaal. Über der Halle 
die Empore der Chorfrauen mit noch erhaltenem Ge 
stühl). Von den Grabmälern fesselten vor allem die der 
sel. Gertrud und eines Grafen Heinrich von Solms, 
nach de" Feststellungen Dr. Uhlhorns Heinrich IV., 
! J ?> 1 - j" der Kirche verspürte man wieder eine be 
denkliche Vernachlässigung ihrer Erhaltung. Auch sind 
ihr in letzter Zeit mehrere alte und wertvolle Aus 
stattungsstücke genommen worden. 
Ein im Freien abgehaltenes Kaffeestündchen brachte 
allen die notwendige Stärkung. Auf deni Wege nach 
Hermannstein boten sich überraschend schöne Ausblicke 
nach Wetzlar, dem Kalsmunt und dem rückwärts 
Schauenden nach dem Schlosse Braunfelg. Doppel» 
reizvoll erschien die Landschaft in der eigenartigen Be 
leuchtung der jetzt nur spärlich die Wolken durchdringen 
den Sonne. Bald tauchte auch der Hermannstein mil 
seinen beiden starr emporragenden Kaminen auf. An 
der Oillbrücke wurden die Nachzügler erwartet, dann 
stieg man zur Burg hinauf. An gut gewählter Stelle, 
in Angesicht des gewaltigen Donjon, hielt Herr Archiv 
rat Dr. Uhlhorn aus Marburg eineu Vortrag, in dem 
er in trefflicher, klarer Weise die politischen Verhält 
nisse darlegte, aus denen heraus der Bau hier am Ein 
gang des Oilltals seine Erklärung findet. Oie Grafen 
von Solms, von früh an mainzisch gesinnt, gerieten da 
durch in Gegensatz zu Hessen, um so mehr noch, als die 
Absicht der Landgrafen hervortrat, sich der Hauptver 
kehrsader des Solmser Landes, der „Hohen Straße", zu 
bemächtigen, die den Handel von Frankfurt über Wetz 
lar nach Köln leitete. Solms hatte ein Lebensintcrefse 
daran, die beiden festen Punkte am Ein- und Ausgang 
der Straße durch die Grafschaft, Wetzlar und den Grei 
fenstein, zu gewinnen. Wetzlar geriet iZ 75 in die Hand 
des Grafen Johann von Burgsolms. Sofort wandte 
sich Landgraf Hermann von Hessen gegen Solms. Hatte 
er in der durch Kauf erworbenen Burg Königsberg ini 
Norden der Grafschaft schon einen festen Stützpunkt, so 
legte er jetzt nahe bei Wetzlar an der Dill bei dem 
Dorfe Mühlheim eine Befestigung an, den nach ihm be 
nannten Hermannstein. In einfachster Form vom Bau 
»icister Tile von Frankenberg erbaut, bestand sie nur in 
einem Turm, allerdings von gewaltigen Verhältnissen, 
der in mehrere von Kreuzgewölben überdeckte Stock- 
werke geteilt gegen die Angriffsseite nach NO. noch durch 
eine massive Vorlage verstärkt war. Wir haben im 
Hermannstein einen der hessischen Stellung vorgeschobe 
nen Beobachtunggposten zu sehen, der aber auch zur 
Straßensperrung geeignet war. Oer von Hessen mit 
dem Bau beabsichtigte Zweck wurde voll erreicht: die 
Solmser wurden zum Frieden gezwungen, i486 erhielt 
Solms die halbe Burg zu Mannlchn, inußte aber seinen 
Teil an die Schenken zu Schweinsberg weiterverleihen. 
Die Schenken behielten von da ab die Burg bis heute 
in Besitz. Sie errichteten, um dort besser wohnen zu 
können, ein Herrenhaus, den jetzt zerfallenen unteren 
Bau. Beim Besteigen des Turms, das von der Schenk- 
schcn Verwaltung freundlichst gestattet worden war, gab 
Herr Dr. Meyer-Barkhaufen noch einige ergänzende 
Ausführungen zur Baugeschichte. Lohnend war der Blick 
in dag für die Grafschaft Solms schicksalsvolle Dilltal. 
Das nahe Wetzlar wurde nach dem Abstieg von der 
Burg bald erreicht. Don hier führte der Zug die Teil 
nehmer des .Ausflugs, auf dem durch Anschauung und 
belehrende Vorträge an den Stätten, die Frömmigkeit 
und Politik geschaffen hatten, der Sinn für die Heimat- 
geschichte geweckt und ihr Verständnis außerordentlich 
vertieft werden konnte, wieder nach Marburg zurück. 
Als weiteres Ziel hatte der Verein am 16. desselben 
Monats Biedenkopf, die Burg und die Sammlungen 
daselbst in Aussicht genommen. Im Gegensatz zu den 
anderen Ausflügen war die Teilnehmerzahl diesmal nur 
klein. In Biedenkopf wurde sie durch eine Anzahl von 
Geschichtsvereinsfreunden aus Biedenkopf und Oillen-
	        

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