Full text: Hessenland (43.1932)

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in die eigene Hand nahm, als man nm 1200 den 
Ort mit Mauern umzog, noch dentlicher aber, 
als man sich dem stanfisch gesinnten Abt entgegen 
stellte nnd dnrch den Gegenkönig der Stanfer, 
Wilhelm v. Holland, 1249 sich „dieselben Frei 
heiten, die andere Städte anch haben", bestätigen 
nnd 1225 znr freien Reichsstadt, die in des Königs 
und des Reiches Schutz stand, erklären ließ. Seit 
dieser Zeit führte man anch in selbstbewußtem 
Stolz ein eigenes Siegel der Stadt. 
Es ist verständlich, wenn sich die Stadt bei sol 
cher Frontstellnng gegen ihren Landesherrn nach 
Hilfe nmsah. Sie fand sie bei dem Landgrafen, 
der, wir sahen das vorhin, selbst in ständigem Ge 
gensatz znm Stifte stand, der anch die notwendige 
Macht hatte nnd nicht allznsehr entfernt saß. 
Von frenndschaftlichen Beziehungen beider 
hören wir ans den Urkunden allerdings erst vom 
zweiten Drittel des 14- Jahrhunderts an, wir dür 
fen sie aber getrost früher ansetzen. 1337 beglaubigt 
der Landgraf ans Bitten der Stadt ein Abts 
privileg. 1349, als Kaiser Karl IV. bei ihm ans 
Besuch weilt, bestätigt dieser der Stadt Hersfeld 
die Exemtion (Befreiung) vom Landgericht, wobei 
eine frenndliche Vermittlnng des Landgrafen für 
die Stadt anznnehmen ist. 1364 hatte Friedrich 
v. Schlitz angebliche Fordernngen, die er an die 
Stadt hatte, dadnrch eingetrieben, daß er Hers 
feldische Warenzüge beranbt hatte. Die Land 
grafen Heinrich II. nnd sein Sohn Otto (der 
Schütz) nahmen sich, znmal der Überfall anf land 
gräflich hessischer Straße geschehen war, der Stadt 
an nnd verlangten von dem Schützer Wieder- 
heransgabe der Beute. 
Dentlicher noch trat die Frenndschaft zwischen 
Stadt nnd Hessen zntage, als sich nnter Abt Bert- 
hold v. Völkershausen die Gegensätze zwischen Stift 
nnd Stadt nnheilvoll verschärften. Eö ist das Helden 
zeitalter der Stadt, in der man die hochgemnte 
Schrift von den stolzen alten Rechten nnd Gewohn 
heiten der Stadt, die man in 33 Punkte znsammen- 
faßte, dem Abt entgegenhalten, jene Zeit, da man 
ihm, dem Landesherrn, der mit seiner Ungnade ge 
droht hatte, das trntzige Wort znrnfen konnte: Sie 
hätten so hohe Manern nnd tiefe Gräben, täte es 
not, sie wollten schon wieder zn Gnaden kommen. 
Aber nicht nnr zwischen Stadt nnd Stift, son 
dern anch gleichzeitig zwischen Stift nnd Landgraf 
schaft hatte sich die Feindschaft zugespitzt. Damals 
hatte sich der Sternerbnnd gebildet, in dem sich die 
vielen kleinen Herren nnd Ritter, die sich von der 
immer stärker werdenden Landgrafschaft bedroht 
fühlten, zn Schntz nnd Trutz znsammengeschlofsen 
hatten. Anch der Abt von Hersfeld, Berthold von 
Völkershausen, gehörte zn ihnen nnd das führte 
wieder den Landgrafen nnd die Stadt enger zu 
sammen. 
Sternerritter hatten im Hessischen geplündert, 
vor dem Klanötor von Hersfeld bei der Klanskirche 
wurden sie von landgräflichen Truppen ereilt und 
ihnen die Bente wieder abgenommen. Die Hers- 
felder rührten nicht einen Finger für die Sterner 
und hielten ihnen ihre Tore verschlossen. Bald dar 
auf stießen an derselben Stelle wieder Hessen und 
Sterner zusammen, diesmal ging eö den Hesten 
schlecht. Da öffneten ihnen die Hersfelder die Tore 
und nahmen sie schützend anf. Za, als anf dem 
Heerznge gegen die Hanptfeste der Sterner, den 
Herzberg, die verbündeten Landgrafen von Hessen 
und Thüringen zurückgedrängt wurden und letz 
terer, die Feinde anf den Fersen, am Zohamiistor 
zu Hersfeld drängend um Einlaß bat, da wagten 
die Bürger, wie der Chronist sagt, das Abenteuer 
und ließen die Flüchtigen ein. Eö war eine glatte 
Absage an den Abt, der sich als zu dem Sterner- 
bnnde gehörig, also als Feind der Landgrafen, be 
kannt hatte, und ein offenes Bekenntnis zu Hessen. 
Hersfelds Verdienst war nmfogrößer, als seine 
Stellungnahme diese einzige bedeutendere Unter 
nehmung des Sternerbnndes, die bei seiner Viel 
gliedrigkeit mühsam zustande gekommen war, als 
Fehlschlag enden ließ und damit den Bund selbst 
zerschlug. Das Band aber zwischen Stadt um) 
Landgraf knüpfte sich enger. Nach anfänglichen 
Zögern ( man liebte damals rechte drastische Ver 
gleiche): „Sie säßen wie Schafe zwischen den Wöl 
fen" (so meinten die Bürger), kam der erste Schutz- 
vertrag mit Hessen zustande. Die Stadt erhielt für 
die Dauer des Sternerkrieges eine landgräfliche 
Besatzung und einen landgräflichen Amtmann und 
das Privileg der zollfreien Wareneinfnhr in alle 
hessischen Lande. 
Die Abtei stellt sich unter Hessens Schuß 
1383 und 1432. 
Können wir es dem Landesherrn, dem Abt, ver 
danken, daß er gegen seine so unbotmäßige Stadt, 
die seinen Feind in ihren Mauern aufnahm, vor 
ging? Es kam zu den Kämpfen, in denen die 
Vitalisnacht von 1378 nur das Vorspiel bedeutet. 
Als man dann aber anf beiden Seiten feine Kräfte 
erschöpft hatte und nicht weiter konnte, mußte 
schließlich dnrch einen Dritten, Stärkeren, Über 
legenen der Zwist ans der Welt geschafft wer 
den. Das konnte nach Lage der Dinge nur der hes 
sische Landgraf sein. Er hat ihn anch dnrch seinen 
Spruch, der gar nicht so sehr zu Ungnnsten des 
Abtes ansfiel (1381), beendet. Seitdem ist eine 
Annäherung zwischen Stift und Landgraf fest 
zustellen. Vielleicht hatte der Abt nun erkannt,
	        

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