Full text: Hessenland (39.1927)

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Illustrierte Monatsblätter für Heimatsorsthung, Kunst und Literatur 
Schriftleiter Paul Heidelbach, Kassel. Unter Mitwirkung von Bezirkskonservator Baurat vr. H o l tmeyer, Kassel,- 
Direktor der Landesbibliothek Or. H ops, Kassel,-Lyzeallehrer K e ller, Kassel,-Staatsarchivrat vr. Knetsch,Marburg/ 
Oberbibliothekar Professor vr. Losch, Steglitz,- Schriftsteller Heinrich Ruppe l, Homberg,- Professor vr. Schaefer, 
Kommissar für Naturdenkmalpflege im Reg.-Bez. Kassel,- Geheimrat Unkversitätsprofessor vr. Schröder, Güttingen,- 
Universitätsprofessor Vr. Schwantke, Marburg,- vr. Werner Sunkel, Marburg,- Professor vr. Bonderau, Fulda,- 
Univcrsitätsprosessor vr. W e d e k i n d, Marburg. 
— 3m Einverständnis mit den Vereinen: —— — ——— 
Verein für hessische Geschichte und Landeskunde,- Hessischer Gebirgsverein,- Knüllgebirgsverein,- Deutscher Sprachverein, 
Zweig Kassel,- Verein für Naturkunde, Kassel,- Geologischer Verein, Marburg,- Biologische Vereinigung, Marburg,- 
Gesellschaft für Familienkunde in Kurhessen und Waldeck,- Hessischer Volksschullehrerveretn. 
Bezugspreis vierteljährlich 2.— Mark — — — ■ 
39, Jahrgang Heft 11/12 Kassel, November Dezember 1927 
jpefftfcfye Beziehungen zu Erfurt. Von Bruno !Zacob. 
Das 15). Jahrhundert sah in einem bis dahin 
nicht gekannten Ausmaße die Weitung des hessi 
schen Einflusses ans die Territorien seiner Um 
gebung. Die Soester Fehde stellte Beziehungen 
her zu den Grafen lind Herren in Westfalen und 
an der mittleren Weser, Göttingen und Schwein- 
filrt traten in ein Schutzverhältnis zu Hessen, und 
die wetterauischen Grafen traten wie jene von 
Schwarzburg irr den hessischen Lehnsverband. 
Und zu diesen auswärtigen Beziehungen der 
Landgrafschast kam dann auch noch eine jahre 
lange enge Verbindung mit der Stadt Erfurt. 
Diese Stadt nahm damals eine eigenartige Stel 
lung ein, wie das ja im Mittelalter nicht allzu 
selten war, als der Staatsbegriff sich noch nicht in 
seiner Starrheit herausgebildet hatte und die Ho 
heitsrechte der Territorialfürsten sich vielfältig mit 
anderen Rechten kreuzten oder verbanden. Wahr 
scheinlich sind die Erzbischöfe von Mainz 
durch ottonisches Privileg die Stadtherren von 
Erfurt geworden (man erinnere sich, daß der geist 
liche Besitz damals noch mehr Streubesitz ivar, 
als der weltliche), aber indem der Stadtrat immer 
mehr Befugnisse in seiner Hand vereinigte, ge 
wann er — wie das für eine solche Exklave nur 
zu natürlich ivar — auch für die Stadt eine 
freiere Stellung, als sie sonst Landstädten eignete. 
Und indem die Deutschen Könige der Stadt und 
ihrem Rate die Privilegien bestätigten und Kaiser 
Friedrich II., der Staufer, die Stadt in seinen 
besonderen Schutz nahm, war ihr Charakter dem 
einer Reichsstadt ziemlich ähnlich, zumal Ru 
dolf von Habsburg der Stadt auch noch das Recht 
äs non svoeunäo verlieh. Es war damit eine 
Doppelstellung der Stadt geschaffen, ähnlich jener, 
rvie sie auch andere Frei- und Reichsstädte be 
saßen, die sowohl einem geistlichen Herrn als auch 
dem Reiche schwuren' In mehreren Anschlägen von 
1431 wird Erfurt ausdrücklich unter den Frei- 
und Reichsstädten genannt. Aber auch noch ein 
dritter Faktor ivar bezüglich der staatsrechtlichen 
Stellung Erfurts in Betracht zu ziehen. Das 
Haus Wett in, das seit 1247 außer der Mark 
Meißen auch die Landgrafschaft Thüringen be 
herrschte, geivann in Erfurt eine Stellung als 
Schutzmacht, als Erfurt in dem Kampfe zwischen 
dem Kaiser Friedrich III. und Erzbischof Dieter 
von Mainz gegen ben letzteren sich stellte. Da 
auch Herzog Wilhelm von Sachsen-Thüringen auf 
der Seite des Kaisers stand, so war ja diese 
Schutzherrnstellung die gegebene. 
Aber die Stadt Erfurt suchte sich nun auch 
noch selbst zu sichern. Und sie fand in dem alten 
Rivalen des Mainzer Erzstuhles, in der Land 
grafschast Hessen, den geeigneten Vertragspartner. 
Daneben auch fand Erfurt noch Verbündete in 
den Grafen von Henneberg und Gleichen in Thü 
ringen. 
Was diese Verträge besonders auch für die hes 
sische Geschichte interessant inacht, ist, daß sie die 
e r st e n S ubsi di env ertrüge darstellen, die 
die Landgrafschaft abschloß. Während der Bündnis 
vertrag mit Göttingen sich auf gegenseitiger Waf- 
fenhitfe aufbaute, zahlte in diesem Falle die reiche 
Handelsstadt Erfurt lieber ein laufendes Schutzgeld 
und sicherte ferner noch für den Ernstfall den 
Unterhalt der ihr zuziehenden Streitkräfte zu, ähn 
lich tvie auch im 17. Jahrhunderte noch die reiche
	        
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