Full text: Hessenland (37.1925)

ihnen selbst Friedrich Schlegels Trauerspiel „Alarcos" 
aus und rief während der Aufführung von seiner Loge 
aus drohend in den Zuschauerraum: „Man lache nicht", 
als heitere Ablehnungsgelüste bemerkbar wurden. 
Warum das hier erwähnt wird? Weil der Leitung 
unseres Staatstheaters ein gut Teil dieser goldenen 
Goetheschen Rücksichtslosigkeit zu wünschen ist. Wenn 
es erst soweit gekommen ist, daß es auf Wunsch (oder 
Drohung?) gewisser Kreise der Theaterbesucher zur Ab 
setzung eines Dramas kommt (Pirandello: „Sechs Per 
sonen suchen einen Autor"), ganz abgesehen von der 
Tatsache, daß diese Bühnendichtung anderswo volle 
Häuser erzielt, wenn erst literarische Klüngel und Ge- 
schmäckler, vielleicht gar politische Strömungen, gebiete 
risch Einfluß verlangen, wenn der Spielleiter nicht 
mehr selber weiß, wann ein Stück für den Abbau reif 
ist, dann, verehrter Oberregisseur, such dir ein anderes 
Königreich .. . wie ja auch geschehen >vird. 
Alfons Pape geht nach München. Ist das mittler 
weile zur Tatsache geworden, verlieren ivir einen klugen 
und überaus regsamen Spielleiter, der langsam und 
stetig bemüht war, den Spielplan ans der Gebunden 
heit des ehemaligen Hoftheaters in freiere Formen zu 
führen, der den neuzeitlichen Richtungen Einlaß ver 
schaffte, ohne gleich mit jedem auftauchenden Ismus 
durch dick und dünn zu gehen. Selbstverständlich kann 
es ein Spielleiter nicht allen recht machen, am ivenig- 
sten seinen engeren Kunstkollegen. Auch für sie gilt 
das Wort Mephistos, daß kein Mensch den alten Sauer 
teig verdaut. Und manches auch, was wir Außen 
stehenden erlebten, erschien nicht recht verständlich: der 
erste Charakterdarsteller, ohne Zweifel ein Künstler von 
seltener Tiefe der Auffassung, wird gar nicht oder in 
kleineren Aufgaben beschäftigt, während sich die Spiel 
leitung in derselben Zeit bemüht, dem jugendlichen Helden 
den Übergang zum Charakterfach zu erleichtern. 
Mit dem Beginn des neuen Jahres sah cs im Schau 
spiel herzlich öde aus. Die Neueinstudierung des „P r i n- 
z e n von Homburg", die noch in die Weihnachtstage 
des vergangenen Jahres fiel, war die letzte Höhe. Die 
Dichtung als Festgabe zu Weihnachten mag zunächst 
absonderlich erscheinen, und die Aufführung war in der 
Tat zuerst eine Vorprobe für Papes ernste Bewerbung 
in München, aber doch war es mehr als eine bloße Ver 
quickung des Angenehmen mit dem Nützlichem Wieder 
zeigte es sich, daß eine wirklich große Dichtung nicht auf 
Zeitlichkeit eingestellt bleibt, daß hier unvergängliche 
Werte zu uns sprechen, die das Engpreußische dieses 
Schauspiels in Schatten stellen, und wenn am Aus 
gange der Dichtung noch - so laut die brandenburgische 
Verherrlichung zu uns tönt, eines bleibt sicher, wenn 
Staaten blühen und vergehen: straffe Selbstzucht, die 
nötig ist, wenn ein Gemeinwesen bestehen will, aber 
neben ihr muß der Mut zum Opfer für die Gesamt 
heit, muß die versöhnende Macht der Güte stehen. 
Nichts verkehrter deshalb, als das Kleistsche Schauspiel 
auf einseitig nationalistischer Grundlage aufbauen. Pape 
hat vielleicht den besten Willen gehabt, diese Einstel 
lung zu vermeiden, die Gliederung des Ganzen in eine 
farbige, lebendige Reihe von historisch-romantischen Bil 
dern bedeutete mehr eine Zuspitzung des oben angedeu 
teten ethischen Gehaltes. Leider konnte es hier nicht ganz 
gelingen, da er zwar für den Prinzen über einen 
Künstler (Kurt llhlig) verfügte, der sich in leidenschaft 
licher Flamme gern verglüht, der in der Darstellung der 
Todesfurcht am menschlichsten wirkte, in der Ergebung 
in den Staatswillen starkes Gefühl offenbarte — aber 
sein Gegenpart, der Kurfürst (Joh. Schräder), blieb 
Kurfürst, hausbacken, derb, wie es die Natur dieses Dar 
stellers ist, der Staatsmann, der gütige Mensch, kam 
zu kurz. 
Nach Pirandellos Abdankung machte die Theater 
leitung all denen eine Freude, die am liebsten die Glanz 
zeit Georg Kothes Wiederaufleben sehen möchten, als der 
„Veilchenfresser" noch die Herzen aller Backfische be 
zauberte. Presber-Steins gemeinsame Komödie: „Die 
selige Exzellenz", die schon vor länger als zehn 
Jahren entzückt hatte, feierte fröhliche Auferstehung. 
Von dem Geiste des klugen, immer noch nicht ganz über 
wundenen Eugen Scribe geht etlvas durch dieses duftige 
uni) auch geistvolle Stück. Bolingbroke und die ränke 
spinnende Herzogin sind am Hofe einer Durchlaucht neu 
erstanden, llnd wenn es auch kein Heldenstück war, was 
die Spielleitung hier bot, so war es doch kein verlorener 
Abend. War doch Gelegenheit geboten, Adolf Jürgensen, 
den jugendlichen Siebenziger, in einer seiner besten 
Rollen zu bewundern, wie er einen geriebenen Diplo 
maten fein betont, lebendig schuf. 
Anfang Februar kam dann die einzige Neuaufführung 
dieser schauspielarmen Wochen: Bernhard Shaw, der 
Vielgenannte, dessen Aufführungsziffer größer ist, als die 
aller deutschen Dichter der lebenden Generation, kam zu 
Worte. Aber vorsichtigerweise nicht mit seinem jüngsten 
Werk, der „Heiligen Johanna", sondern mit einer fast 
vergessenen Tragikomödie aus dem ersten Aufstieg seiner 
Bühnenlaufbahn. „Der Teufelsschüler" (Oeviw 
Oisciple). In der Vorrede zu diesem Werk berichtet 
Shaw aus seiner sozialistischen Zeit: „Ich habe mich 
dem britischen Publikum zum ersten Male auf einem 
Wagen im Hydepark beim Geschmetter eines Orchesters 
von Blechinstrumenten vernehmbar gemacht." Diesem 
Drum unö Dran ist er treu geblieben. Durchs Sprach 
rohr ruft er sein Publikum an, und laut knallt die 
Peitsche des bissigsten Satirikers denen, die es nicht 
hören wollen, um die Ohren. Hier nimmt der Dichter 
ein von ihm oft beleuchtetes Thema auf, das soge 
nannte Heldentum, das offizielle, das er nicht genug ver 
spotten kann. Hier ist's ein Teufelskerl aus dem 
Volke, ein in frommen Augen Verlorener, in einem nord 
amerikanischen Städtchen. Man schreibt das Jahr 1777; 
die Union ringt sich los von englischer Herrschaft. 
Der englische General will durch Schrecken siegen und 
läßt in jedem Ort, den seine tapfern Rotröcke durchziehn, 
einen Anführer der Rebellen kurzerhand hängen. Ta 
soll in Dingsda auch der Pastor baumeln. Richard 
Dudgeon, unser Teufelskerl, warnt den Gefährdeten und 
wird, da er in Abwesenheit des Pastors gemütlich mit 
der hübschen Pastorin am Teetische sitzt, von den Sol 
daten für den Gesuchten gehalten, verhaftet, und nun 
soll er am andern Tage als Pastor sterben. Er fügt 
sich seelenruhig dem Schicksal, denkt nicht daran, den 
hohen Gerichtshof ob des Irrtums aufzuklären, wird auch 
nicht wankend, als er merkt, daß die blonde Pastoren 
frau ihn wegen seines Heldentums zu lieben vermag, legt 
sich selbst den hänfenen Strick um den Hals, wird aber 
im letzten Augenblick von dem Pastor gerettet, der — echt 
Shaw — über Nacht zum Führer und llnterhändler der 
stärkeren Aufständischen geworden ist. 
Eine besonders große Aufgabe war die Wiedergabe 
dieser Komödie nicht, die Berend ohne eigene Zutat spielen 
ließ, wie es sich für Shaw gehört, d. h. die Kaltblütig 
keit des irischen Dichters, seine derbe Spottlust, un- 
gemildert dem mehr erstaunten, als verständigen Zu 
schauer vorsetzt. Mit dem Darsteller des Teufelsschülers 
steht und fällt die Dichtung; daß hier Kurt llhlig in 
seiner Naturwüchsigkeit, seiner prachtvollen Draufgänger 
laune am rechten Platze war, zeigte der Beifall. Auch 
sonst sah man viel Gutes in dieser Aufführung, alle
        

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