Volltext: Hessenland (37.1925)

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fehden sind. Dennoch' weiß Grimm: „Es gibt 
ein stummes Geschehen bei den Menschen, dein 
kein Stift folgen kann. Ein Schieben und Ver 
schieben, ein Zexflattern und Sammeln, ein 
Lösen und Knüpfen der Schicksalskräfte in den 
Seelen, tiefer als die tiefsten Grübler graben, 
und langsamer, als die vorsichtigsten Gedan 
ken sich reihen können." 
Der stärkste Beweis für die erstaunliche 
Einfühlung Grimms in das Wesen Südafri 
kas ist zweifellos die märchenhaft anmutende 
und doch wieder ganz handfeste „Geschichte dorr 
Mkulu und £nii und den fünf guten Leuten 
des zahmen Tiervolks", worin, durchaus in 
der Perspektive des Denkens und Fühlens 
der Eingeborenen, erzählt wird, wie ein Busch 
mann sich aufmacht, um den aus Bosheit an 
die Engländer verratenen, nun so vermißten 
Hausgenossen, einen verkommenen Deutschen, 
in Begleitung eines Hundes, eines Affen, 
einer Meerkatze, eines Raben und ciuc§ Kra 
nichs vom Kommandanten eines weit entfern 
ten Gefangenenlagers — natürlich ergebnis 
los — freizubitten. Die auch dein Umfange 
nach erheblichste Steigerung der tragischen Epik 
erreicht Grimm in der „Olewagen Saga", die 
das typische Schicksal des von den Engländern, 
wiewohl inr Einzelfalle unbewußt, verfolgten 
Burengeschlechts gestaltet, das, nach wieder 
holter Flucht vor dem Krieg und Aufgabe der 
Siedlung, auf Vater und Tochter dezimiert, 
im Endkampf zusammenbricht. Es ist nicht 
ein Heroismus der politischen Gesinnung, dem 
hier das Lied — im Rhythmus einer feier 
lichen, wiewohl immer nur vom Zug, vorn 
Bauen, vom Vieh, vom Verlust und vom Ge 
winn redenden Prosa — gesungen wird, son 
dern das Heldentum einer Beharrlichkeit, die 
um des nüchternsten, privatesten Zieles willen 
allen Schickfalsschlügen trotzt und immer wie 
der von vorne beginnt, bis es eben gänzlich 
zu Ende ist und nichts mehr bleibt als ein un 
seliges Sterben, dessen fast wortloser Jammer 
tiefer ins Herz greift als die pompösesten 
Klagegesänge. . . 
Hans Grimm hat noch „Die Olsucher von 
Vom Kasseler Schauspiel. 
Der weiland Theaterdirektor Goethe hat mit dem 
leichten Bölkchen des Weimarer Musentempels manchen 
Ärger gehabt. Er kannte die Psyche seiner Schauspieler 
und darum hat er sie nie im eigentlichen Sinne auto- 
kratisch behandelt, er ehrte in ihnen die Künstler. 
Ganz anders ist seine Stellung dem damaligen Pub 
likum gegenüber. Die Urteilslosigkeit der Menge bereitet 
Duala" geschrieben, ein Buch, worin er im 
Auftrag der deutschen Regierung und auf 
Grulld objektiven Studiums die Zustände im 
französischen Konzentrationslager von Abo- 
tney ^Ost-Afrika) schildert, und „Afrikafahrt 
West", eine kulturpolitische Monographie, 
die den Auswanderer vor allem auf den la 
tenten deutsch-britischen Gegensatz in Afrika 
vorbereiten soll. Diese Arbeiten haben eine 
vorwiegend zeitliche und allenfalls geschichtliche 
Bedeutung. Das Gleiche gilt von den unter 
den: Titel „Erlebte Politik" gesammelten Auf 
sätzen, die, ohne imperialistisch zu sein, beu 
Anspruch Deutschlands auf einen seiner Be 
völkerungsbewegung entsprechenden „Platz an 
der Sonne" betätigen. Dieser Tendenz er 
mangelt auch nicht der Romail „Volk ohne 
Raum", der, wie der Dichter selbst ankündigt, 
das enthält, was einer im Auslande unb- in 
der deutschen Kolonie erfuhr für sein Heimat- 
I entb. 
Die Reflexion ist aber nicht das, was im 
Schaffeir Hans Grimms entscheidende Antriebe 
gibt. Deshalb ändern derartige Veröffent 
lichungen nichts an der historischen Be 
tz e u t u n g dieses he s fischen Dichters 
für das deutsche Geistesleben, einer Bedeutung, 
die schon jetzt formuliert werden kann, und 
zwar in dem Sinne, daß Hans Grimm zuerst 
und gleich mit der Kraft einer als klassisch 
anzusprechenden Reife der Gestaltung inte des 
Erlebens die südafrikanische Welt dem deut 
schen Geist erschlossen hat. Mit dieser Tat 
zugleich rückte er in die erste Reihe nicht nur 
der zeitgenössischen, sondern der deutschen Er 
zähler von Rang schlechthin, insonderheit jener 
Gattung, die in Heinrich von Kleist, dem 
Novellisten, ein geschichtliches Vorbild erblickt, 
ohne jedoch an dessen Problematik teilzuhaben. 
Aber auch für Grimm ist das schöpferische Tun 
ein Kampf, ein Jakobsringen um den Segen 
einer höheren Gewalt, von dem zuletzt doch 
alles Gelingen abhängt. Daß er dies erkannt 
und daraus den Willen zur Demut gewonnen 
hat, läßt seine Leistung in um so hellerem Licht 
erscheinen. 
ihm kaum Verdruß, eher hat er für das vielköpfige 
Ungeheuer gesunde Verachtung. „Das Publikum will 
ein für alle Male determiniert sein und findet sich bei 
aller lebhafter Opposition doch zuletzt in die Sache." 
Wenn er dem Geschmack der Zuschauer folgen ivollte, 
konnte er jeden Abend Kotzebue aufführen; so zwang 
er sie zu Besserem und Höherem in der Kunst, nötigte
        

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