Full text: Hessenland (37.1925)

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Ein Kasseler Kunsthandwerker. 
Ältere Leute sollten eigentlich immer Lebens 
erinnerungen aufzeichnen, schon den Enkeln zu 
Dank, denen damit vieles vertraut bleibt, was 
sonst der Ahn für immer mit sich in wie Nacht 
des Schweigens genommen hätte. Aber auch 
die Allgemeinheit hat ein Interesse an solchen 
Memoiren persönlichster Art, denn für die 
Haupt- und Staatsaktionen stehen uns andere 
Quellen zur Verfügung, aber auch die schein 
bar unbedeutenden 
Dinge runden sich 
für den Freund der 
Kulturgeschichte zu 
einem keineswegs 
unbedeutenden 
Ganzen, und oft 
vermag eine kurze 
Bemerkung irgend 
ein Zeitbildchen 
blitzartig zu er 
hellen. 
Der leider nur 
kleinen Zahl ge 
druckter Lebens- 
erinnernngen von 
Kasselanern reihen 
sich jetzt diejenigen 
des 1903 verstorbe 
nen Malers Rein 
hard Hochnpfel an, 
dessen Enkelin in 
dankenswerter 
Weise seiire Nieder 
schriften in geschick 
ter Bearbeitung 
und Ergänzung 
herausgab.* Wäh 
rend Hochapfel bis 
zu seiner Verhei 
ratung ziemlich zu 
sammenhängend über sein Leben selbst berichtet, 
beginnen dam: die Mitteilungen der Heraus 
geberin, die auch einige Gedichtproben des 
Großvaters beifügt und vor allem durch einen 
reichen Bildschmuck das höchst achtbare Können 
dieses altkasseler Kunsthandwerkers veranschau 
licht. 
Reinhard — die Braut nannte ihn Rein 
herz — Hochapfel wurde am 28. April 1823 
zu Kassel als Sohn des Hofschlossermeisters 
* R e i n h e r z, Lebenserinnerungen eines kunstsinnigen 
Handwerkers aus dem Hessenlande, herausgegeben von 
Pauline Fischer. Melsungen (Heimatschollen-Verlag) 1924. 
Heinrich Hochapfel geboren. Wie es zur Bieder 
meierzeit in einer wohlhabenden Kasseler 
Handwerkerfamilie zuging, wie und ivas die 
Kinder auf dem Meßplatz, der Bellevue und 
in der Kattenburgruine spielten, wie die ersten 
Versuche in der Tanzkunst geübt wurden, wie 
es in der Bürgerschule am Königsplatz aussah, 
das wird in aller Schlichtheit prächtig geschil 
dert. Der Vierzehnjährige beginnt dann seine 
schwere Lehrzeit 
bei einem Deko 
rationsmaler, die 
aber schonimersten 
Jahr durch eine 
ergötzliche Winter 
reise nach Jesberg 
angenehm unter 
brochen wird. Der 
Lehrling, der u. a. 
bei der Innen 
dekoration des 
Ständehauses und 
der Synagoge hilft, 
ist gleichzeitig auf 
der Akademie Schü 
ler von Ruhl und 
Henschelund kommt 
dadurch in eine 
Gruppe junger 
Maler und Dich 
ter, die schon durch 
ihre langen Haare 
und schäbigen 
Sammtröcke sich 
zur Boheme be 
kennen und in der 
„Bellevue", wie sie 
eine Hinterhaus- 
mansarde am Gra 
ben benennen, zu 
sammenkommen. Noch nicht achtzehnjährig 
wird er mit größeren Wandmalereien in 
einem benachbarten Schloß betraut, wo er zum 
ersten Mal einen Blick ins Leben tut. Im März 
1843 tritt er die Wanderschaft an. Wiesbaden, 
Frankfurt, wo er im Palais des vorletzten hes 
sischen Kurfürsten arbeitet, Mainz, Köln sind 
die Etappen. 1846 geht er nach London, wo 
er fast wahrend seines ganzen Aufenthaltes an 
der Innendekoration des Britischen Museums 
beschäftigt ist. Mit 16 Talern war er herüber 
gekommen, mit ebensoviel Pfund Sterling kehrt 
er zurück, muß aber in München, seinem Ziel, 
Reinhard Hochapfel. (Nach dem Gemälde von Walter Merkel 1892.)
        

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