Full text: Hessenland (37.1925)

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Untersuchung auch feilt anderes Ergebniß als 
die Ausmittelung des Betragens des Bechstädt 
nach seiner Vergiftung gehabt hätte, so würde 
dieses doch allein schon zu reichen, um ein 
auf Menschenkunde gegründetes Urtheil zu 
leiten. 
Ein vollständiger Beweis des begangenen 
Selbstmordes, wie er nach den strengen Regeln 
der Rechtswissenschaft gefordert werden könnte, 
war im vorliegenden Falle nicht wohl zu er 
warten. Doch hat die Untersuchung nicht blos 
den völligen Ungrund vieler, in öffentlichen 
Blättern ausgestreueter Gerüchte dargethan; 
sondern auch den Beweis des begangenen Selbst 
mordes bei dem Zusammentreffen so vieler 
Gründe der höchsten Wahrscheinlichkeit bis zu 
dem Grade erbracht, daß zur moralischen Über 
zeugung nichts mehr ermangeln dürste. 
Indem ich jedoch die hier ausgesprochene 
unzielsetzliche Meinung dem allerhöchsten Er 
messen Eurer Königlichen Hoheit ehrerbietigst 
unterwerfe, ersterbe ich in tiefschuldigstem 
Respect, 
Eurer Königlichen Hoheit, 
Caßel, 
am 18ten Merz, 
1822." 
Es wurde schon gesagt, daß dieser — nicht 
unterschriebene — Untersuchungsbericht das 
einzige amtliche Schriftstück darstellt, das uns 
nach Verschwinden der Gerichtsakten über den 
Fall unterrichten kann. Und aus diesen Bericht 
hin, der offensichtlich alles unterstreicht, was 
für einen Selbstmord sprechen könnte, wurde 
auch in einer öffentlichen offiziellen Erklärung 
ein solcher angenommen. Allein die öffentliche 
Meinung — und mit ihr der Kurprinz selbst — 
ließ sich durch diese Erklärung nicht beirren, 
sie hielt mit Zähigkeit daran fest, daß das dem 
Kurprinzen zugedachte Gift dessen Lakaien hin 
gerafft habe und daß eben nur die Gräfin 
Reichenbach ein Interesse an der Beseitigung 
des Thronfolgers haben konnte. Der Fall wird 
wohl für alle Zeiten unaufgeklärt bleiben, mau 
kann sich für die eine oder die andere Deutung 
entscheiden. Ob wirklich das Familienglück 
Bechstädts so groß war, wie es der Bericht und 
auch die im Wochenblatt für die Provinz 
Niederhessen am 9. Februar 1822 veröffent 
lichte Todesanzeige der Witwe annehmen läßt, 
mag aus triftigen Gründen dahingestellt bleiben. 
Andererseits möchte ich noch auf ein Moment 
hinweisen, das bisher nicht bekannt war und 
das mir, durch den vorliegenden Aufsatz veran 
laßt, ein Leser unter Vorlage der betreffenden 
Aktenstücke und Briefe mitteilte. 
Ter 1801 zu Rothenditmold geborene Kunst 
gärtner George Müller, der mehrere Jahre in 
Wilhelmshöhe beschäftigt war, nahm später in 
Süddeutschland Stellung. In Straubing sah den 
ausfallend stattlichen und schönen jungen Mann 
die Gräfin Reichenbach und forderte ihn auf, in 
ihre Dienste zu treten. Müller folgte dieser Auf 
forderung und wurde in Kassel Lakai der Gräfin, 
verheiratete sich und siedelte dann, als die Grä 
fin aus Kassel vertrieben wurde, mit dieser unter 
Zurücklassung seiner Familie nach Frankfurt 
am Main über. In den zärtlichsten Briefen an 
seine Frau wird er nicht müde, den Zeitpunkt 
der Übersiedlung von Frau und Kindern nach 
Frankfurt herbeizusehnen. Nach erfolgter Über 
siedlung bezieht die junge Familie eine be 
scheidene Wohnung in Sachsenhausen. 1831 
ernennt die Gräfin Müller zu ihrem Haus 
meister gegen ein lebenslängliches Gehalt von 
600 Gulden und sichert gleichzeitig dessen Ehe 
frau im Fall seines früheren Ablebens eine 
Pension von 200 Gulden zu. Zwei Jahre später 
wurde Müller aus seiner Privatwohnung 
abends gegen 6 Uhr zur Gräfin ins Palais be 
stellt und bleibt seitdem spurlos verschwunden. 
Die trostlose Gattin, deren fieberhafte Nachfor 
schungen ergebnislos bleiben, ist überzeugt, daß 
ihr Gatte von der Gräfin beseitigt wurde, eine 
Annahme, die auch heute noch von den Nach 
kommen geteilt wird. Nach Aussage der Gräfin 
ist ihr Hausmeister „entwichen und mutmaßlich 
tot". Bereits im März 1833 teilt der Geheime 
Finanzrat Deines der Witwe im Auftrag der 
Gräfin mit, daß diese ihr eine Pension von 
350 Gulden aussetzen werde, sobald sie sich 
bereit erkläre, ihren Wohnsitz von Frankfurt 
„nach Rothenditmold oder der dortigen Ge- 
gend"zu verlegen; auch solle ihr in diesem Falle 
eine besondere Umzugsunterstützung von 100 
Gulden bewilligt werden. Die Witwe siedelte 
darauf nach Kassel über. Der Verbleib ihres 
Mannes blieb bis heute unaufgeklärt. 
Eine Schuld der Gräfin Reichenbach läßt 
sich in keinem der beiden Fälle, die aller Wahr 
scheinlichkeit nach nie aufgeklärt werden, er 
weisen; immerhin bleibt es ein seltsames Zu 
sammentreffen, daß sich in einem elf Jahre 
umspannenden Zeitraum zwei so rätselhafte 
Fälle im Bannkreis der Gräfin ereigneten.
        

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