Full text: Hessenland (37.1925)

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oder aus beiden zugleich, entstanden sey? dar 
über läßt sich nicht mit Bestimmtheit ent 
scheiden. Nur so viel hat die Untersuchung in 
dieser Hinsicht ergeben: daß Bechstädt zuweilen 
über Brustbeschwerden geklagt habe, daß seine 
Brust nur nräßig gewölbt, seine Lunge aber 
mit dem Brust- und Zwergfelle stark ver 
wachsen gewesen. Bey Menschen aber, die eine 
flache und enge Brust haben, die für die Be 
wegung des Herzens und der Lunge nur wenig 
Spielraum läßt, kann man eine natürliche An 
lage zur Schwermuth schon annehmen. 
Indessen wird auch die weitere Behauptung 
sich rechtfertigen lassen: daß Bechstädt nicht 
blos im Allgemeinen melancholisch gewesen sey, 
sondern auch an einer fixen Idee, wie sol 
ches bey dem Particular-Wahnsinn überhaupt 
der Fall ist, gelitten haben müsse. 
Ein Mensch, der sich in diesem Zustande be 
findet, verwechselt fortwährend Einbildungen 
mit Empfindungen; er faßt irgend ein Bild 
mit Wohlgefallen auf und auf dieses wird, an 
haltend und stark, feine ganze Aufmerksamkeit 
gerichtet. Mit diesem Bilde vergesellschaften 
sich dann eine Menge verwandter Vorstellun 
gen, bis es sich fest in das ganze Gedanken- 
System eingewebt hat und alle anderen Emp 
findungen an Klarheit uitb Lebhaftigkeit über 
trifft. 1 
Ein Gemüthskranker dieser Art handelt in 
Beziehung auf andere Gegenstände durchaus 
vernünftig; auch zeigt sich an ihm, oft in lan 
gen Zeiträumen keine Spur von Schwermuth; 
wenn aber in dem Kranken: die einmal lieb 
gewonnene Idee wieder aufgeregt oder wohl 
gar verletzt wird; so handelt er in Beziehung 
darauf thörigt und unsinnig; er wird in einen 
Zustand excentrischer Empfindlichkeit versetzt, 
welche die Thätigkeit aller anderer vernünftiger 
Vorstellungen lähmt. 
Es scheint daß die Idee, welche seit langen 
Jahren in der Seele des Verstorbenen so tiefe 
Wurzel geschlagen, sich nur auf dessen Dienst 
verhältnisse bezogen und in einem ungeregelten 
Stolze ihren ersten Grund gehabt habe. Denn 
in anderen Vorgängen seines Lebens hat sich 
jene excentrische Empfindlichkeit nirgends ge 
zeigt, wohl aber jederzeit dann, wenn ihm in 
Beziehung auf den Dienst etwas Unangenehmes 
begegnet, oder wenn eine desfalfige trübe Vor 
stellung bei ihm entstanden war. 
In der Zeit der westfälischen Zwischen- 
Regierung war Bechstädt schnell zur Stelle 
eines Oberlakais gelangt; und es gab damals 
eine Menge höherer Hofdienerstellen, zu denen 
er seine Hofnungen unb Wünsche erheben 
konnte. Außerdem hatte die Epoche der Staats 
umwälzungen, und vorzüglich die der fran 
zösischen Revolution, Beyspiele genug der auf 
fallendsten Dienst- und Standes-Erhöhungen 
gegeben! 
In Paris war es zuerst, wo die eingetretene 
große Catastrophe die Hofnungen des Ver 
storbenen gänzlich zu vernichten drohte, in 
Caßel wurde nur noch ein Schimmer derselben 
erhalten: in Wilhelmshöhe und Nendorf schien 
es ihm, als ob auch dieser Schimmer wieder 
erlöschen solle. Überall chatten gleiche Ursachen 
auch gleiche Wirkung! Was aber die Emp 
findlichkeit des Verstorbenen, in dessen Sinnes 
richtung, fortwährend verwunden mußte, war: 
daß er vom Oberlakai wieder jüngster Lakai 
geworden und daß er bis zu seinem Tode Per 
sonen im Dienste über sich sah, die sonst unter 
ihm standen. 
Sobald einmal feststehet: daß ein Mensch, 
welcher sich selbst das Leben genommen, am 
Melancholie oder Wahnsinn gelitten habe: so 
erscheint es nicht mehr angemessen, jene That 
durch ein wichtiges Ereigniß, welches den 
nächsten Anlaß dazu gegeben, nocs) weiter be 
dingen zu wollen. 
Denn so wie die Krankheit eines solchen 
Menschen selbst nur in eingebildeten Übeln 
ihren Grund hat, eben so kann auch das ver 
anlassende Ereigniß nur ein geringfügiges, 
vielleicht auch nur eingebildetes seyn. Der 
jenige zumal, der die Lust am Leben verlohnn 
und sich vielleicht schon Jahre lang mit dem 
Gedanken des freiwilligen Todes vertraut ge 
macht hat, ein solcher bedarf zur Ausführung 
des gefaßten Entschlusses oftmals nichts weiter 
als — einer schicklichen Gelegenheit! Unzählige 
Fälle beweisen die Wahrheit des hier Gesagten; 
und selbst der Fall ist nicht selten, daß Men 
schen, die um ihrer wirklich glücklichen Verhält 
nisse willen von Tausenden ihrer Mitbürger 
beneidet wurden, aus blosem Lebensüberdruß 
sich selbst den Tod gegeben. Eben aus diesem 
Grunde kann daher auch auf den scheinbar 
entgegen stehenden Umstand: daß Bechstädt in 
glücklichen Familien Verhältnißen gelebt habe, 
kein besonderes Gewicht gelegt werden. 
Schon der oben angeführte Vorgang in Nenn 
dorf beweist zur Genüge, wie wenig häusliches 
Glück- und Vater- und Gattenpflicht den Ver 
storbenen von verzweifelten Entschlüßen abzu 
halten vermochte; und wie es ihm damals ge 
nügt, seine Frau und Kinder fremder Vorsorge 
zu empfehlen.
        

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