Full text: Hessenland (37.1925)

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dort letzte Reflexe aufzufangen und in die feinen Maschen 
des Bildnetzes zu verarbeiten. Auch hierbei kann man 
gewisse Unterschiede zwischen einst und jetzt besonders 
bei den Porträtstudien beobachten. Während früher das 
Malerische eine größere Rolle durch Schattierungen und 
genauere Gesamtausführung spielte, traten allmählich in 
den einzelnen Vorwürfen alle Nebenumftände immer 
mehr zurück und alle Aufmerksamkeit ivurde allein aus 
den Kopf hingelenkt, dessen Beseelung bis ins Kleinste 
den Künstler zu immer stärkerer Verfeinerung und Dif 
ferenzierung trieb. Einen Begriff von seiner Vielseitig 
keit aus diesem Gebiet kann man nur durch die Einsicht 
in die Blätter selbst gewinnen. Schließlich noch ein kurzes 
Wort über den Karikaturisten Thielmann, der 
bei der Ausstellung nicht berücksichtigt wurde. Am be 
kanntesten sind wohl die bei Elwert in Marburg erschie 
nenen Karikaturen über Max Reger, mit dem ihn seine 
eigene musikalische Begabung zusammenführte, wegen 
ihrer verblüffend-knappen Schärfe und Treffsicherheit 
geworden, daneben hat der launige und witzige Meister 
aber für die Mappen der Raabegesellschaft im „Wilden 
Wasser", der Gesellschaft „Pvunzel" und sonst noch für 
manche lustige Stammtisch runde köstliche zeichnerische 
Scherze beigesteuert, die wie alle seine Taten im großen 
und kleinen beredtes Zeugnis ablegen von ferner herz 
erfrischenden gesunden Art, Menschen und Dinge zu sehen. 
Die Vergiftung des Lakaien Bechstädt. V°n Paul Heidelbach. 
(F o r t s 
Der erste der genannten Fälle schien an 
fänglich viel Wahrscheinlichkeit für sich zu 
haben, auch abgesehen davon, daß Verbrecher 
überhaupt nicht vermuthet werden dürfen. 
Zwar hatte der Verstorbene am Tage des 
Balles, wie die Untersuchung ergab, keine 
Speisen oder Getränke zu sich genommen, bei 
denen eineVergiftung auch nur für möglich hätte, 
erachtet werden können; allein es war wohl 
denklich: daß auf dem Balle selbst ein un 
glücklicher Zufall gewaltet habell könne, sobald 
nur das Vorhandenseyn des Giftes im Locale 
des Stadtbaues, außer Zweifel gesetzt war. 
Die hieraus gerichtete Untersuchung gelangte 
bald zu dem Resultate: daß der Wirth Schrö 
der im Stadtbau von der Fiedlerschen Apotheke 
dahier Gift zur Vertreibung der Ratten er 
halten habe. Außerdem brachte man in Er 
fahrung, daß die Ehefrau des Kaufmanns 
Reinhard dahier, welche ebenfalls dem Balle 
beigewohnt, nach dem Genusse von Getränken, 
daselbst plötzlich krank geworden sey. 
Indeß ergab sich durch Vernehmung des 
Arztes der Ehefrau Reinhard, daß derer: Üebel- 
befinden nur vorüber gehend gewesen und in 
anderen Ursachen, als dem Genusse von Ge 
tränken, seinen Grund gehabt habe. 
Hiernächst aber wurde ausgemittelt: daß der 
Wirth Schröder das erhaltene Gift nicht in 
die Schenkzimmer, sondern in andere Theile 
seiner Wohnung gelegt habe. 
Dessen weitere Angabe: daß dieses Gift 
stets von ihm vorsichtig bewahrt worden sey, 
und daß sich daher auch der Rest desselben 
versiegelt in seinem verschlossenen Comtoir 
befinde, ivurde ebenfalls näher untersucht und 
gegründet befunden. 
Dennoch blieb man hier bey nicht stehen, 
sondern untersuchte noch näher, ob der Zucker, 
aus welchem der Grog bereitet worden, ge- 
tz u n Q.) 
stoßen, oder in Stücken gebraucht worden sey. 
Es ergab sich das Letztere, und daß der Zucker 
zu allen bereiteten Getränken aus einem und 
demselben Gefäße genommen worden sey. 
Da nun überdem keine andere, auf dem 
Balle anwesend gewesene Person, nach dem 
Genusse von Getränken krank geworden war, 
selbst nicht die Beyläufer uni) Aufwärter, 
welche die Überbleibsel jeder Gattung von Ge 
tränken aus den Gläsern zusammen gegossen 
und getrunken; so mußte die erste Vermu 
thung, daß eine Vergiftung aus Unvorsichtig 
keit stattgefunden habe, ihr ganzes Gewicht 
verliehren. 
Die Untersuchung des zweyten unterstell 
ten Falles: daß nemlich an Bechstädt ein 
Giftmord begangen worden sey, war mit 
manchen Schwierigkeiten verknüpft. 
Um geringfügiger Ursachen willen wird sel 
ten ein Mord, ain seltensten ein Gistnwrd be 
gangen. Nicht allein die eigene Ruchlosigkeit 
der That, sondern auch die Größe der an 
gedrohten Strafe begründen die rechtliche Ver 
muthung: daß ein solches Verbrechen nur durch 
die dringendsten äußeren Reitze und eine, bis 
zur höchsten Leidenschaft gesteigerte rechtwidrige 
Begierde, sein Daseyn erlangen könne. 
Man durchging die Fälle der Möglichkeit; 
aber es war nicht abzusehen, welche Begierde 
aus dem Tode des Bechstädt ihre Befriedigung 
erhalten, oder welcher wesentliche Vortheil dem 
Verbrecher aus der That hätte erwachsen 
können. 
Vor allen: andern schiel: noch am glaub 
lichsten zu seyn, daß irgend Jemand eine harte 
Beleidigung zu ahnden gehabt, und so durch 
Rache zur That fortgetrieben sey. Aber alle 
Personen, die den: Verstorbenen von seiner 
frühen Jugend an nahe gestanden, und viele 
Andere, die mit und neben ihm gedient, geben
	        
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