Full text: Hessenland (37.1925)

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künstler und Stimmungslandschafter, nach der Technik 
als Impressionisten und Freilichtmaler. Und hat man 
erst das Milieu, die Schule und die Richtung glücklich 
herausgebracht, da macht das Übrige nicht viel Sorgen 
mehr. Thielmann ist nicht so ein von der Umwelt Über 
wältigter und Emporgehobener, nicht sie hat ihn ge 
tragen, sondern er sie, und er ist zu ihr gekommen, weil 
er in ihr die Erlösung seiner schöpferischen Energien er 
sehnte. In diesem Sinne ist seine Pilgerfahrt nach Wil 
lingshausen allerdings der Wendepunkt seines Lebens. 
Dort konnte er so recht seiner Neigung zum Einfachen, 
Natürlichen, Angestammten, Schollenverwandten, Knor 
rigen und 'Kernigen, feiner Andacht zum Kleinen, das 
nicht minder groß sein konnte, nachgeben. Hier fehlte 
jedes Pathos und die Leidenschaften enthüllten sich scheu 
und naiv nur halb. In dem geräuschlosen Menschentum 
und in der idyllischen Natur dieses Wetterwinkels war 
Gemüt und Charakter, Ehrlichkeit, Wirklichkeit und ein 
letzter Abglanz von Romantik. 
Thielmann hat nicht nur sein Leben lang neue 
Motive gesammelt und gehäuft, das zeigt uns die viel 
seitige Ausstellung, die Bilder aus den verschiedensten 
Jahren enthält und deutlich die Hauptlinie der inneren 
geistigen Entwicklung erkennen läßt. Nicht nur aus seinem 
eigenen Nachlaß, sondern vielfach auch aus Privatbesitz, 
von der Stadt Kassel, der Städtischen Galerie, dem 
Landesmuseum in Darmstadt und der Berliner National 
galerie wurden Stücke für diesen Aufbau zusammen 
gebracht. Der frühere Thielmann ist ernster, herber, 
dunkler, realistischer, sorgfältiger. Er ringt mit der Farbe, 
zu der er sich erst nach einer längeren zeichnerischen Bor 
bereitungszeit entschloß, er hängt am Einzelwesen und 
seinem individuellen Seelenausdruck. Das Rein-Mensch 
liche und Schwermütige packt ihn zunächst am stärksten. 
Je mehr er sich aber umtut, um so mehr hellt sich der 
Himmel über und in ihm bei seinen Themen und Ge 
stalten auf. Er wird koloristisch lebendiger, lichtfroher, 
leichter, sensibler, schwungvoller, fließender, er wirkt 
schöngeistiger und abgeklärter. Die Komposition er 
scheint nicht mehr so zufällig und atelierhaft, sondern be 
wußter aufgeteilt und zusammengesetzt. Alles Harte 
und Eckige wird gemildert, mit Schleiern umwoben und 
sonnig überhellt. Man vergleiche einmal die wortkarge 
düstere Unerbittlichkeit des Leids in den „Trauernden" 
mit den „beiden Alten im Fenster", ihrer friedlich-freund 
lichen versöhnten Herbstlichkeit, >vo das Schwälmer 
Schwarz zum silbrigen Grau auf farbigem, klarem hei 
teren Hintergründe geworden, daß man fast an .Hollän 
disches oder Bretonisches denken muß. Mag sein, daß 
für diese Wandlungen Thielmanns italienische Reise mit 
von Einfluß gewesen ist, aber der tiefere Grund ist doch 
>vohl die Liebe zu dem einmal erwählten Schaffenskreis, 
dessen Eigentümlichkeiten er bei einem tieferen Eindringen 
in all das Sinnen und Trachten seiner Menschen von 
innen heraus durchleuchten und adeln wollte. Vielleicht 
hätte der Rastlose auf diesem Wege noch eine letzte Höhe 
des Ausdrucks, die ganze Reife und Vollendung seines 
Altersstiles erreichen können, aber. das vermögen wir 
nur eben noch zu ahnen. 
II. 
Um die Wandlungen der Thielmannschen Maler- und 
Künstlerpsyche eindringlich zu verdeutlichen, hat man 
für die Ausstellung genügend Material gesammelt, dessen 
vollständige Prüfung hier natürlich nicht möglich ist. 
Von den Gemälden seien zunächst genannt: die 
noch etwas genrehaft und konventionell anmutende hübsche 
Szene „Großvater an der Wiege", Thielmanns erstes 
Bild, das verschwommene „Im Atelier", der „schlafende 
Mann am Tisch" in alter Manier und die Profilstudie 
„Zwer alte Männer", letztere beide dunkeltonig und gleich 
förmig gehalten. Dann die schon bedeutend lebhaftere 
Gruppe der „Drei Schwälmer Juugen" und die be 
rühmte „Langgönserin" (Mädchen aus Oberhessen in 
Abendmahlstracht), in der die Kraft bildhafter Meuschcn- 
darstellung höchster Konzentration zustrebt. Mit der 
„Rückkehr Philipps des Großmütigen" versuchte sich 
Thielmann auch als Historienmaler, aber das Aktive und 
Dramatisch-Zugcspitzte dieser Gattung lag ihm nicht 
recht. Sein Haupterleben knüpfte an die Feste, die 
Freuden- und Schmerzenstage der Schwälmer mit ihren 
wechselnden Gestalten, Trachten, Farben und Stim 
mungen an. Die „Trauernden" und „Alten im Fenster" 
wurden schon genannt. Der „Kirchgang", sicher raum 
gegliedert und von plastischer Silhouettenwirkung, und die 
etwas steiferen „Taufgang" und „Nach der Taufe" be 
ruhen mehr auf Flächeneiudrückeu, während das farb 
strotzende „Beim Fest" und „Die Mädchen im Fest 
staat" uns die unmittelbare Nähe und Bewegtheit pul 
sierenden Lebens in der gebändigten Art Thielmanns 
offenbaren. Matter sind die von leichtem Sorgengrau 
überspielten „Drei Mütter", während im „Kirmestanz" 
alles in gleitende Farbenflut aufgelöst scheint. Die gra 
vitätische „Festrede" hat humoristisch-satirischen Ein 
schlag. Die „Gemeinderatssitzung" mit ihren Gegensätzen 
von Jung und Alt und ihrer zwanglosen Anordnung ist 
ein vortrefflich gelungener Ausschnitt. Sonst sei noch an 
das zarte, duftige Frühlingsbild „Mutter mit Kind in 
der Gartenlaube" erinnert, das Thielmanns Gattin und 
Kind darstellt. 
Im Landschaftlichen arbeitete Thielmanns Hand nicht 
so selbstverständlich und mit unfehlbarem Griff, anmutig 
wohl, aber meist blaß und typisch, weil ihm hier die 
tiefsten Blicke versagt blieben. Die Naturansichten sind 
ihm nicht Evangelium an sich, sondern nur etwas in 
diesem, nur Staffage, Hintergrund, Rahmen, Mittel, im 
besten Falle Abbild für das in sie hineingestellte Menschen 
tum. Darum kann er sie nicht beziehungslos betrachten, 
muß er Menschen, Dampfer oder sonst etwas in sie 
hrneinpflanzen, das ihnen Halt und Bedeutung gibt. 
Im „Bauernfrühstück" ist das Landschaftliche schon von 
der bäuerlichen Gruppe unter dem Baum überwunden, 
während in der „Landschaft mit altem Mann" geheim 
nisvolle Fäden zwischen der Unrast des Wegmüden und 
dem Schillern der Horizonte gesponnen sind. Sonst bietet 
die Ausstellung die herbe Weite der „Landschaft bei Wil 
lingshausen", die Gegend bei Wabern, an der Antrest, 
am Wasser bei Münden, eine blühende Weserpartie und 
andere schwellende, saftige Wald- und Wiesenstücke. 
In den Aquarellen, die meist der späteren Zeit 
angehören, ist zeichnerische Feinheit mit einer gesteigerten 
Farbenfreude vereint, so daß sie gegenüber den Gemälden 
entschieden einen glänzenderen, prächtigeren, eleganteren 
und gewinnenderen Eindruck machen. Es finden sich 
allerdings auch mehr schummerig gehaltene neben den 
helleren, die sich merklich der neuimpressionistischen Licht 
ekstase Paul Baums nähern. Die Sujets sind auch hier 
sehr verschieden, besonders herausgehoben seien „Im 
Gartenhaus", das auf der großen Orangerie-Ausstellung 
1922 hing, „Tanzpause", „Veteranen" und die Studie 
zur „Langgönserin". 
Bei den Radierungen, Bleistift- und Rötel- 
Zeichnungen des Graphikers, die in großer Zahl 
ausgelegt sind, bewundert man bei aller Weichheit und 
graziösen Zartheit der kultivierten Strichführung die hel 
sichtige, klare und überzeugende Schilderungskunst, die 
selbst in die verborgensten Winkelchen hineinblickt, um
	        

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