Full text: Hessenland (37.1925)

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Aufgabe glänzend gelöst. Hellmuth S ch u b e r t hatte 
grelles Licht und düstere Stimmung den beiden Ton 
höhen der Dichtung glücklich angeglichen. Das Ratten- 
uno Mottenreich des Theaterdirektors konnte in der 
Ranmbeschränkung kaum besser gedacht werden. Eine 
schauspielerische Glanzleistung des Abends war neven der 
stark innerlichen Mutter John Anna Reichhardts 
und dem pathetisch-romantischen Hassenreuter S ch eur- 
manns, die Polin Piparkarka der Martha K r u l l. 
Hier schuf .sich Wucht der Leidenschaft, verbunden mit 
kluger Erfassung und Packeno sicherer Zeichnung ge 
bieterisch Geltung. 
Ein noch größeres Wagnis war die Aufführung von 
Ibsens „Klein Eyolf", an dem seltsamerweise 
auch das Staatstheater vorbeigegangen ist. Es ist das 
Werk tief ethischer Prägung, ein Vermächtnis des alt ge 
wordenen Dichters, der von „Rosmersholm" kommend, 
Adelsmenschen sucht, die entsagen können. Verzichtet aus 
eigenes Wohlbehagen, das ihr nicht verdient habt, ver 
zichtet zu Gunsten der Kinder der Ärmsten, zu Gunsten 
des zukünftigen Geschlechtes. Das könnte für viele von 
uns eine ernste Bedeutung haben. Chmelnitzky war 
mit feinem Verständnis auf die verborgenen Schwm- 
gungen der Seelenkämpfe zwischen Gatten, zwischen Ge 
schwistern, deren Liebe doch nicht rechte Geschwisterliebe 
ist, eingegangen. Mit dieser Leistung hat das „Kleine 
Theater" den Befähigungsnachiveis für Kammerspielkunst 
erbracht. Annemarie Loose, die wieder als Gast 
gewonnen war, fehlte ztvar als Rita des ersten Aufzuges 
das starke Blut, desto wundervoller bot sie die Trauernde,- 
Überwindende, und Clasens Alfond war, wie stets bei die 
sem Künstler, klar durchdacht und mit dem Herzen ergriffen. 
Für den Kasseler Goethekreis war die Aufführung des 
„ U r f a u st " ein Erlebnis. Der hundert Jahre ver 
staubt vergrabene Schatz aus des Dichters dumpfen uno 
hellen Jugendtagen, von Erich Schmidt entdeckt, ist dann 
an zahlreichen Bühnen ins helle, allzu helle Licht gestellt. 
Gewiß nicht im Smne des Meisters. Denn >vas aus 
dem Urfaust lebendig bleiben sollte, hat der Dichter m 
das „Fragment" und in der Tragödie von 1808 über 
nommen. Der künstlerische Beirat der Kammerspiele 
hielt deshalb eine entschuldigende Vorrede, in der betont 
wurde, daß die kleine Bühne den „Werdenden" gelten 
solle, und 0er junge Goethe gehörte zu diesen Glücklichen, 
die nach einem bekannten Goethewort immer dankbar 
sind. Darum durfte auch die Aufführung dieses Jugend 
sturms begrüßt werden, die den Herrn Professor und 
Doktor gar jung zeigt, wirklich jung mit dem lachenden 
Idealismus der Sturm- und Drangzeit, wo noch „Freund 
schaft, Liebe, Bruderschaft" dem „Verstand und rechten 
Sinn" vorgezogen wurde, wo uns seines Liebesstammelns 
Raserei weit glaubhafter erscheint als den durch Hexen 
kunst verjüngten gelehrten Herrn. Dieser Jugendsturm 
durchtönte, durchbrauste auch die Aufführung, die 
Chmelnitzky mit Geschmack leitete, ja die „Erdgeist"- 
Erscheinung, von der man zivar nichts sah, aber desto 
Besseres hörte — Chorstimmen sprachen die feierlichen 
Rhythmen wie aus weiter Ferne klingend — diese Dar 
stellung dürfte vorbildlich iverden. El äsen als Faust 
war ganz Himmelsstürmer, glühte von innerer Leiden 
schaft, Annemarie Loose hatte in der Kerkerszene, die 
in ihrer farbigen Prosa weit elementarer wirkt als in 
der Versübertragung, ihr blond-sanftes Frauentum ab 
gelegt, diese Seelenkämpfe mit dem letzten Aufschrei muß 
ten aufs tiefste erschüttern. Auch Scheurmanns 
Mephisto hatte die jugendliche Wandlung zum dämonischen 
Hofmann mitgemacht, und Marie Wolfs trug als 
Martha ein Mäsklein zum Entzücken, sie war vielleicht 
die größte künstlerische Gabe des Abends. 
Endlich darf noch die Uraufführung von Fritz Steins 
„Krallen" aus die Habenseite der Kleinen Bühne 
verbucht werden, worüber freilich der Kassierer anderer 
Meinung sein wiro. Es ist das Werk eines Jungen, eines 
der vielen, die im Schmerz tvühlen, leidenschaftlich Ge 
fühle zusammenballen. In der Fabel ist er stark von 
Schönherr beeinflußt. Aber tvas bei dem Österreicher 
erdverwachsen, dem Menschlichen verpflichtet bleibt, ist 
bei Stein sorgfältige Konstruktion, Psychologie von des 
Gedankens Blässe angekränkelt. Seine Heldin ist eine 
Dirne, diese Nadja hat Blut vom „Weibsteufel". Sie 
möchte hinaus aus dem Schmutz ihres Daseins, hinauf 
zum Licht. Doch die Krallen der Sünde halten sie uno 
die Männer fest, die sie begehrend umschleichen. Es firtö 
sämtlich Weibgesellen, der Schiffer, der Gendarm, der 
junge, seltsame Idealist, der zum Mörder geivorden ist, 
weil er das Tier im Menschen haßt, der eher in ein Irren 
haus gehört, denn in ein Drama. Er erwürgt am Ende 
auch Nadja, bekennt seine Tat in selbstzerfleischender 
Ekstase und bricht unter der Faust des Gendarmen zu 
sammen. Diese Menschen im engen, dumpfen Raum 
eines Schleppkahns zusammengedrängt, dazu Laute tieri 
scher Brunst, vergebliche Bemühungen eines halbver 
blödeten Schiffers, seine Mannheit zu beweisen, Ver 
zweifelte und Vernichtete, und wir haben die unerquick 
liche Umwelt dieses Dramas. Und doch soll das Bemühen 
der Spielleitung, dieser wenn auch verfehlten Dichtung 
eine würdige Stätte zu bereiten, anerkannt werden. 
Was im „Kleinen Theater" der anderen Muse, die 
jenseits der heiligen Neun ihr fröhliches Zelt aufgeschlagen 
hat, geopfert wurde, ivar mit gleichem künstlerischen 
Ernst ergriffen, rauschte aber schneller vorüber, als es 
Direktor und Kassierer vielleicht angenehm ist. Walter 
Harlans „Jahrmarkt zu Pulsnitz" mit 
seinem stillen, feinen Humor, der allerdings durch das 
Groteske der einzelnen Gestalten fast Verschüttet wird, 
hätte beim Zuschauer mehr Verständnis finden dürfen. 
Ein vielversprechender Versager war Ludwig Fuldas 
neuester Schwank „Der Ehevulkan", der trotz 
liebevollen Eingehens aus die Wünsche des Theater 
besuchers von heute nur Wiederholungen bringen konnte 
von besserer Komödie früherer Zeiten, der trotz der man 
nigfachen geistreichen Anmerkungen zum modernen Leben 
keine Höhe wurde, sondern diesmal ein „Fuldatal" 
blieb. Da versteht Kurt G ö tz sein Handwerk besser. 
Seine „Tote Tante und andere Begeben 
heiten" sind zwar ein dramatisches Nichts, aber so 
voller köstlicher Einfälle und lachender Wirklichkeit, daß 
man dem Dichter gern die absonderlichen Reitersprünge 
verzeiht. Seine Satire gegen die kitschige, falsche Roman 
tik im „Märchen", gegen die heuchlerische Moral in der 
ganz im Simplizissimusstil gezeichneten „Toten Tante" 
haben das befreiende Lachen für sich. Mit einem „Spiel 
zwischen Scherz und Ernst" kamen dann noch die beiden 
Lothar und B a ch w i tz und nannten das Ganze 
„Die javanische Puppe". Aber der zu Ernst 
gehobene Finger ist nicht recht glaubhaft: gestörte Hoclp- 
zeitsnacht, der junge Ehegemahl ein Paragraphenschuster, 
die junge Frau mit Vergangenheit in allerlei entzückenden 
Verkleidungen, das sind schließlich ein paar neue Aus 
stattungsstückchen zu einem bekannten Spiel. — Aus dem 
Künstlerkreise des Kleinen Theaters ist es besonders die 
lebendige, temperamentvolle Li R i m b ö k, die diesen 
Komödien den Geschmack des Mondänen verleiht, mit ihr 
die Schauspieler Fred M e r l i tz mit wechselndem Ge 
schick ; Willi B r a u n e, Hans K l e i n a u und die aus 
gezeichnete, wandlungsfähige Martha K r u l l, die meist 
greifbaren, köstlichen Gestalten zum eigenen Leben ver 
helfen. A. L a t w e s e n.
        

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