Full text: Hessenland (37.1925)

so ist auch dies ein Zeichen des nahen Todes. 
Hier dürfte meinem Dafürhalten nach nur die 
Übertragung einer Beobachtung vorliegen: 
wenn ein Tier stark krankt, so fallen die Fliegen 
stark zu; sie mögen wohl die Witterung haben, 
daß der Tod seine und damit auch ihre Beute 
schon ergriffen hat. Die todkündenden Tiere 
dringen aber auch in das Innere des Hauses. 
Wenn dort ungewöhnlicherweise ein Heimchen 
erscheint, so bedeutet das für das Haus einen 
Sterbfall. Hier darf darauf verwiesen werden, 
daß das Heimchen eine der Formen darstellt, 
in die sich die abgeschiedene Seele zu hüllen 
beliebt. Es wäre also immerhin die Annahme 
nicht ganz abzuweisen, daß man in dem so 
ungewöhnlich erscheinenden Heimchen ur 
sprünglich die Seele eines Ahnen gesehen 
hätte, der da kommt, getrieben von dem dump 
fen Empfinden, daß demnächst einer seiner 
Nachfahren zu ihm ins Schattenreich eingehen 
wird. Und wenn in der stillen, schweigenden 
Nacht im Getäfel der Stube der Holzwurm 
(Anobium pulsator) eifrig tickt, so ist auch da 
dem „Wissenden" klar, was das zu bedeuten 
hat: haben ihm doch „die alten Leute" über 
liefert, daß das die „Totenuhr" ist und, wo 
die sich hören läßt, bald jemand stirbt. Klei 
nere Kinder, die noch nicht bewußt reflektieren, 
deren Sinne daher noch allen ^Eindrücken offen 
und zugänglich sind, werden vom Volksglauben 
folgerichtig der Tierheit zugerechnet, d. h. sie 
können gleich dieser zu Todverkündern werden. 
Wenn sie daher im Spiel ein Begräbnis dar 
stellen oder im Chor mit auffälligem Eifer und 
sichtlicher Freude ihre „Lieder ohne Worte" 
singen, so sagen die Erwachsenen, die den: 
Spiele zusehen oder die „Engelstimmen" hören, 
kopfschüttelnd: „Gebt acht, es stirbt bald wieder 
jemand im Dorf." 
9. 
Selbst die liebe Sonne, die doch als die letzte 
Quelle alles Lebens ans der Erde streng ge 
nommen gar nichts mit dem Tod zu tun haben 
sollte, wird dem Glauben an Todankündigung 
dienstbar gemacht. Wenn sie aus umwölkten: 
Himmel plötzlich einen Strahl hervorschießen 
läßt und dadurch ein b e st i m m t e s Haus in 
hellstes Licht setzt, so stirbt bartu bald jemand. 
Allbekannt ist ferner, daß die Zahl „dreizehn" 
eine Unglücks- bzw. Todeszahl ist. Findet es 
sich daher, daß man zu dreizehn am Tisch sitzt, 
so muß einer aus der Tischgesellschaft in 
Jahresfrist sterben. Man leitet .(im Lumda 
tal) manchmal diesen Aberglauben von Jesus 
und seinen Jüngern her, weil von diesen drei 
zehn einer sterben mußte, meist weiß man je 
doch keinen Grund anzugeben. Hierher gehört 
auch der Glaube, daß, wenn eine Tasse, ein 
Teller und dergleichen mitten entzwei bricht, 
dies auf den Tod einer geliebten Person hin- 
weist. Ähnlich, wenn ein Spiegel oder ein 
Fenstervorhang herabfällt oder ein Glas ohne 
erkennbare Ursache zerbricht. (Kehrein, Volks 
tümliches aus Nassau, Ansg. v. 1891 S. 269.) 
Das Krachen der Möbel in der Stube eines 
schwer Erkrankten oder das Herabfallen eines 
Wandbildes deutel dessen Tod an. So wurde 
auch der Tod des „Leichenritters" von Wil 
helm I., des Jagdjunkers Ludwig v. Eschwege, 
dadurch! angekündigt, daß in der Todesnacht 
des Kurfürsten Eschweges Bild von der Wand 
stürzte und im Fallen eine auf der Kommode 
stehende Tasse mit dem Bilde der Löwenburg 
in Scherben schlug (s. den Bericht über einen 
Vortrag von Woringer in der Kass. Allg. Ztg. 
Nr. 73 Jhrg. 1921, 4. Blatt). Ferner gehört 
hierher der ganze Vorstellungskomplex, dem der 
Verfasser dieses Aufsatzes unter der Überschrift 
„Das »zweite Gesicht' in Hessen" gerecht zu 
werden versucht hat. Endlich mag noch eine 
Reihe von Vorstellungen, weil sie an Vorgänge 
in oder nahe dem Hause anknüpfen, gleichfalls 
nn dieser Stelle mitgeteilt sejn. Wer am 
Samstag krank wird, steht von der Krankheit 
nicht mehr auf. Wenn sich Sonntags der Zu 
stand eines Kranken bessert, so stirbt er bald; 
verschlimmert es sich aber mit ihm an dem 
genannten Tage, so wird er in kurzem wieder 
gesund. Ziemlich allgemein läßt mar: daher 
den Kranken nicht am Sonntag zum ersten 
Male wieder aufstehen. Wer „mit den Füßen 
zum Fenster hinaus schläft", d. h. in solcher 
Richtung, daß 'der Blick aufs Fenster geht, 
wird bald, die Beine in dieser Richtung, zu 
Grabe getragen. Wenn die Stubentür von 
selbst auf- und zugeht, so stirbt bald jemand 
im Hause. Klingt die Säge eines Schreiners, 
der die Särge macht, während sie ungebraucht 
an der Wand hängt, so wird bald jemand 
sterben. Auch dies ist wieder ein Beweis für 
das tiefe Bedürfnis des Volkes, die Gegen 
stände zu beseelen: die Säge, die zu so melan-. 
cholrschem Geschäft verwendet wird, fühlt mit, 
ja fühlt es voraus. Was von der Säge des 
Sargschreiners, das gilt von der Schaufel des 
Totengräbers: wenn sie im Hause ihres Eigen 
tümers von selber umfällt, so 'muß dieser bald 
ein neues Grab machen. Im Alter soll man 
nicht zu bauen anfangen; tut man das, so 
391 
!
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.