Full text: Hessenland (37.1925)

HejsenlanH 
Illustrierte MnatsbMer für Heimatsorschung, Kunst und Literatur 
Schriftleiter Paul Heidelbach, Kassel. Unter Mitwirkung von Bezirkskonservator Baurat Dr. H o l t m ey er, Kassel,- 
Direktor der Landesbiblkothekvr. Hopf, Kassel,-LyzeallehrerKeller, Kassel,- Staatsarchivrat vr. Knetsch,Marburg,- 
OberbibliothekarProfessor Or. Losch, Steglitz,- Schriftsteller Heinrich Ruppel, Homberg,- Professor vr. Schaefer, 
Kommissar für Nalurdenkmalpflege im Reg.-Bez. Kassel,- Geheimrat Universitätsprofessor vr. Schröder, Göttingen,- 
Universitätsprofeffor vr. Schwantke, Marburg,- Werner Sunkel, Marburg,- Professor vr. Vonderau, Fulda,- 
Universitätsprofeffor Or. W e d e k i n d, Marburg. 
— 3m Einverständnis mit den Vereinen: 
Verein für hessische Geschichte und Landeskunde,- Hessischer Gebirgsverein,- Knüllgebirgsverein,- Allgemeiner Deutscher 
Sprachverein, Kassel,- Verein für Naturkunde, Kassel,- Geologischer Verein, Marburg,- Biologische Vereinigung, Marburg,- 
Gesellschaft für Familienkunde in Kurhessen und Waldeck,- Hessischer Volksschullehrerverein. 
" Bezugspreis vierteljährlich 2,— Mark > 
37. Jahrgang Heft 12 Kassel, Dezember 1925 
SobCUlfuttötÖiUnCJ* Ein Stück hessischen Volksglaubens. Von Heinrich Franz. 
(S ch 
Auch in der Tierwelt 6 * * findet der hessische 
Volksglaube einen Orakelspender, der die Zahl 
der Lebensjahre und damit indirekt den Zeit 
punkt des Todes kündet. Es ist der geheim- 
nisvollste Vogel des deutschen Waldes, der 
Kuckuck. Gerade dieses Geheimnisvolle im 
Leben und Treiben des Tieres, dessen ein 
tönigen, aber nicht unmelodischen Ruf alljähr 
lich viele Hunderttausende hören und als Lenz- 
botschast freudig begrüßen, während doch an 
dererseits nur ganz wenige den überaus scheuen, 
feinhörigen Flieger einmal auf einen Augen 
blick zu Gesicht bekommen, wird es gewesen 
sein, was ihn für den naiven Volksglauben 
zum Propheten gemacht hat. Wenn man ihn 
im Frühling zum ersten Male rufen hört, wird 
ihm daher folgende Frage vorgelegt: 
„Kuckucksknecht, 
Sag' mir recht, 
Sag' mir wahr, 
Wieviel Jahr, 
Daß ich noch mög' usfahr" (leben). 
6 Mögt (Germ. Mythologie 35 u.) verweist zur Er 
klärung der Tierprophetie aus zwei llmstände, einmal, 
daß der Volksglaube der abgeschiedenen Seele weissagende 
Kraft zuschreibt, sodann, daß diese besonders gern Tier 
gestalt annimmt. Durch die „Sprache" der Tiere, d. h. 
das Krächzen der Eule, das Heulen des Hundes usw. 
prophezeit danach die aus dem Menschen entwichene 
Seele noch heute die Zukunft. Die btr. Tiere, wie man 
das früher getan, zu „heiligen" Tieren gewisser Gott 
heiten zu machen, geht insofern nicht an, weil die Tier 
prophetie erwiesenermaßen älter ist als die Gottheit, der 
man sie zuzuschreiben pflegte. 
uß.) 
oder in etwas anderer Fassung: 
„Kuckucksknecht, 
sage recht, 
wieviel Jahre 
gut und schlecht." 
Wie vielmal der Kuckuck dann ohne Unter 
brechung ruft, so viel Jahre hat der Fragende 
noch zu leben. 
Was so der Kuckuck wenigstens in zweiter 
Linie, nämlich Todverkünder, das ist, wohl 
lvegen ihres mißtönenden Schreis, die Elster 
oder Atzel von vornherein: ihr Geschrei in der 
Nähe eines Hauses bedeutet einen Todesfall 
in der Familie, und selbst wenn das „Un 
glücks- und Hexentier" nur quer über ein Dorf 
fliegt, so stirbt bald jemand in ihm. Indes 
auch die Elster ist noch llicht der Todverkünder 
im strengstell Sinn des Worts, diese Rolle, die 
des Totenvogels oder Leichhuhns, weist der 
Volksglaube vielmehr einstimmig dem Käuz 
chen bzw. der Eule zu? Wenn also ein Käuz 
chen auf einem Hause oder in seiner Nähe hart- 
lläckig seinen Klageruf ertönen läßt oder gar 
gegen die erhellten Scheiben, wie man in Ober 
hessen sagt, „flastert", dann fühlt man erschau 
ernd, daß es mit dem Kranken zu Ende geht, 
7 Mdl. (ksl. Qberhesscn). Eine der genannten Quellen 
redet zweimal vom „Uhu". Sie meint damit doch wohl 
die Schleiereule. Denn die große Eule, die man Uhu 
nennt, haust, so viel mir bekannt, nur in der Tiefe der 
Bergwälder und kommt nicht in die Nähe der mensch 
lichen Wohnungen.
        

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