Full text: Hessenland (37.1925)

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öfter zu regelrechten Prügeleien ausarteten, und 
durch die Straßen des lieben Städtchens tönte der 
Lärm der Kämpfer. — Die schönste gemeinsame 
Feier im Jahre war entschieden unser sogenann 
tes Examensfeuer. Ursprünglich wohl zur Erinne 
rung an die Leipziger Völkerschlacht aus den 18. Ok 
tober angesetzt, wurde es später mehrere Wochen 
früher gelegt, weil es im Oktober aus dem Fest 
platz, dem Gipfel des Wartebergs, schon etwas winter 
lich war. Heute würde das Fest an dieser Stelle 
schon gar nichr mehr abgehalten werden können, denn 
in der geliebten Heimat ist in den langen Jahren, 
auf die ich zurücksehen kann, nicht nur die Bevöl 
kerung unter der gesetzmäßigen Herrschaft des dürren 
Sensenritters stark verändert, auch die Berge haben 
ein anderes Aussehen bekommen. Die Gipfel der 
drei Warteberge, des Wahrzeichens von Witzen- 
hausen, wie der Habichtswald es von Kassel ist, 
waren früher kahl, nur aus der äußersten Spitze be 
fand sich ein kleines Wäldchen. Heute sind die 
Gipfel bis weit hinunter mit Bäumen bestellt und 
das Landschaftsbild dadurch verändert. Das Feuer 
wurde auf dem Gipfel des ersten Wartebergs ab 
gebrannt. Teertonnen mit Wacholderbeerbüschen 
ausgestopft, bildeten das Brennmaterial. Das Be 
schaffen und Zusammenstellen ergaben für uns Jun 
gen zwei getrennte schöne Feiertage. Zuerst wurden 
die Wacholderbüsche geholt, meistens vom Spon- 
berg von dem Gelände, wo heute der Bahnhof 
Witzenhausen (Nord) liegt. An der Wagendeichsel 
wurde ein langer Strick festgemacht, durchgesteckte 
Knebel dienten zum Anfassen, so daß eine Reihe 
von Jungen die Beförderung besorgen konnte. Die 
Büsche wurden in den Räumen, die heute bie 
Kolonialschule benutzt, einige Tage zum Trocknen 
aufbewahrt. Daun kam der Haupttag: der Trans 
port der Tonnen und Büsche zum Gipfel des Warte- 
bergs, das Aufbauen und das Abbrennen. Der 
Transport besonders durch die steile Wartebergs 
gasse bis zum Gipfel des Berges erforderte viel Vor 
sicht. Die Tonnen wurden, meistens drei Stück, aus 
einander gestellt und mit den Büschen gefüllt. Da 
bei mußte mit Rücksicht auf die Windrichtung das 
Feuerloch an richtiger Stelle stehen. Mit dieser 
Arbeit waren wir den ganzen Tag beschäftigt, wir 
lebten wie die Soldaten im Biwak, zündeten uns 
Feuer an und verpflegten uns so gut es ging. Für 
die Leitung des Festes wurde ein Ausschuß gewählt, 
an dessen Spitze ein Kamerad mit dem Titel 
„Bürgermeister" stand. Gegen Abend kamen unsere 
Lehrer und Angehörigen auf den Berg. Nach ab 
gebranntem Feuer ivurden die Tonnen, noch glü 
hend, den Berg „heruntergekullert" und wir zogen 
mit fröhlichen Liedern zur Stadt zurück. „Prinz 
Eugen der edle Ritter" fehlte dabei niemals. Ich 
habe es die vielen Jahre so oft gesungen, daß ich die 
Verse heute noch alle auswendig weiß. 
Von den Festen, die sonst in Witzenhausen ge 
feiert ivurden, möchte ich dem „Weinlesefest" oder 
„der Weinlese", wie es kurz hieß, noch einige Worte 
nachrufen, weil sie schon lange nicht mehr existiert. 
Im Gegensatz zum Erntefest, das als allgemeines 
Fest der gesamten Bürgerschaft heute noch gefeiert 
ivird, war die „Weinlese" ein Fest der sogenannten 
Honotationen. Diese fahren heute lieber mit der 
Eisenbahn nach außerhalb und vergnügen sich dort 
— eine Eisenbahn aber existierte damals in Witzen 
hausen noch längst nicht. Erst im Frühjahr 1872 
wurde die Strecke nach Münden eröffnet. Das Fest 
wurde eingeleitet durch das sogenannte Weinlese 
frühstück im Rathaussaal — eine feucht-fröhliche 
Kneipe, bei der in Wort und Bild alles, was in 
dem verflossenen Jahre sich ereignet, vorgeführt 
wurde. Die Regie hatte hierbei regelmäßig mein 
Vater, und dadurch kam ich selbst schon als kleiner 
Knirps mir der Weinlese in Berührung. Ich ent 
sinne mich noch wie heute, daß mein Vater 
eines Tages beim Mittagessen zu meiner Mutter 
sagte: „Zieh den Karl morgen mal hübsch an, er 
soll beim Frühstück mitspielen, er soll „verschwin 
den". Meine Mutter wollte über dieses „Ver 
schwinden" genau unterrichtet sein, aber mein Vater 
kam ihrem Wunsch nicht nach. „Wenn ich es sage, 
ist es in der Stadt bald bekannt und macht keinen 
Eindruck mehr." Ich wurde also hübsch heraus 
geputzt, im Rathaussaal beim Frühstück auf einen 
Tisch, der unten herum dicht verhängt war, gestellt. 
Über mich wurde mit allerhand Orakel- und Zauber 
sprüchen ein großer Weidenkorb gestülpt, wie sie zum 
Verschicken der „Kespern" gebraucht wurden. Ich 
kroch dann durch eine Öffnung in der Tischplatte nach 
unten, die Öffnung wurde geschlossen und dann der 
Korb entfernt. Ich war unsichtbar, sichtbar für alle 
aber lag auf der Tischplatte ein künstlich her 
gestelltes Andenken an mich, das tosenden Beifall 
der Tafelrunde erweckte. Auch wichtige Ereignisse 
!der Zeit wurden beim Weinlesefrühstück vorgeführt. 
So erinnere ich mich z. B. noch des „Friedens 
schlusses von Villa-Franca". „Den 
Friedensschluß von Villa-Franca" verkündete bei 
dem Weinlesefrühstück 1859 der Regisseur mit lauter 
Stimme. Zwei Tische standen im Saal, auf dem 
einen, mit Uniform und Maske deutlich dargestellt, 
Kaiser Franz Joseph von Österreich, auf dem andern 
ebenso getreu kopiert Kaiser Louis Napoleon. Die 
beiden Tische wurden näher und näher zusammen 
geschoben, bis die beiden Herren sich gerührt in die 
Arme fallen konnten. Nach Beendigung des Früh 
stücks zogen die schwankenden Gestalten im Zuge 
mit Musik zum Johannisberg, wo Kaffee getrunken 
wurde. In der Hand trug jeder eine lange Stange, 
bis zur .Hälfte mit Weinlaub umrankt. Das Wein 
lesefest wurde durch zwei Weinlesebälle geschlossen. 
Über das Erntefest Jugenderinnerungen zu schreiben, 
hat keinen Zweck, da es heute noch begangen wird 
und bei der Jubelfeier in besonders schöner Form 
gefeiert worden ist. 
Manchmal bescherte uns auch der Himmel ein 
Schauspiel, das unvergessen bleibt. Im Sommer 
des Jahres 1858 Pilgerten allabendlich die Witzen- 
häuser nach der Werrabrücke, um den prachtvollen 
Donatischen Kometen zu bewundern, der mit seinem
	        

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