Full text: Hessenland (37.1925)

302 
be Boucheporn, eines Korsikaners, der 1809 die 
Tochter des Straßburger Präfekten Lezay-Marnesia 
heiratete. Die beiden anderen Ehen gehören der 
kreolischen, von Martinique stimmenden Familie 
le Camus an. Ich erwähnte schon, daß eine Schwester 
des Staatssekretärs le Camus den General Morio 
geheiratet hatte; eine zweite Schwester heiratete den 
Generaldirektor der Posten Pothau. Pierre A lex - 
andre le Camus selbst, der auf Martinique Pflan 
zer gewesen und während des Prinzen Jérôme Auf 
enthalt auf der Insel mit diesem befreundet worden 
war, wurde nach Johannes von Müllers, des 
Schweizer Geschichtsschreibers, Abgang Minister- 
Staatssekretär, nach heutigen Begriffen also Minister 
präsident und Minister der auswärtigen Angelegen 
heiten. Natürlich verstand er davon ebensowenig als 
Johannes von Müller. Das war ja aber auch nicht 
nötig, denn eine eigene auswärtige Politik durfte 
ja Westfalen nicht führen, darin hing es ja durch 
aus von Frankreich ab. Le Camus war aber jeoen- 
salls der anständigste und ehrlichste unter den in 
Westfalen untergekommenen Franzosen, und sein 
späteres Schicksal ist auch das beste von allen ge 
wesen. Vom Könige Jérôme zum Grafen von 
Fürstenstein ernannt und mit den Tiede zum Fürsten- 
steinschen Lehengütern Fürstenstein, Immichenhain 
und Niddawitzhausen in Kurhessen beschenkt, heiratete 
er am 30. April 1809 Adelheid, Gräfin von Har 
denberg, Tochter des Oberjägermeisters von Har 
denberg, dem Jérôme den Grasentitel verliehen 
hatte. Tie Braut war bis 1806 -Hoffräulein der 
Königin Luise von Preußen gewesen. Als das 
Königreich Westfalen zusammenbrach, blieb le Ca 
mus, dank der Hardenbergschen Beziehungen zum 
preußischen Hofe, in Deutschland, sein Titel als 
Graf von Fürstenstein wurde anerkannt. Durch 
weitere Heiraten kam die Familie, die sich in 
Schlesien ankaufte, in Beziehungen zum höheren 
deutschen Adel; eine Enkelin des Pflanzers von 
Martinique heiratete 1885 den Prinzen Hein 
rich XXVI. Reuß-Köstritz, und ihre Kinder sind als 
Grafen und Gräfinnen von Plauen seinerzeit in 
Reuß j. L. als sukzessionsfähig anerkannt worden, 
wogegen der Fürst Heinrich XXII. Reuß.ä. L. aller 
dings protestierte. 
Betrachtet man nun die während der westfälischen 
Zeit aus den erwähnten 40 Ehen hervorgegangene 
Nachkommenschaft, so findet man das im ersten 
Augenblick überraschende Ergebnis, daß nach den 
kirchlichen Nachrichten nur von 16 dieser Familien 
Kinder zur Taufe gebracht worden sind. Rechnet 
man auch die im Jahre 1813 geschlossenen Ehen 
ab, bei denen bis zürn Ende des Königreichs noch 
keine Geburten möglich waren, so bleibt das Er 
gebnis doch sehr gering und ist nur so zu erklären, 
daß bei dem erwähnten häufigen Garnisonwechsel 
die Geburten in einer anderen Stadt als Kassel er 
folgt sind. In gleicher Weise nrag der Feldzug von 
1812 gewirkt haben, währenddem wohl einzelne 
Frauen zu ihren Eltern zurückgekehrt sein mögen, 
so daß etwaige Geburten in den Kasseler Kirchen 
büchern nicht erscheinen. 
Neben Kassel kamen als größere Garnisonstädte, 
in denen zahlreichere französische Offiziere und auch 
einige französische Beamte einwanderten, nur Han 
nover, Braunschweig und Magdeburg in Betracht. 
Für diese Städte steht mir ein so genaues Material 
wie für Kassel nicht zu Gebote. Nach allem, was 
.ich feststellen konnte, ist aber dort die Wirkung der 
französischen Elemente noch geringer gewesen als in 
Kassel. Auf dem Lande war die Wirkung fast Null, 
da dorthin nur wenige Franzosen kamen. 
Nicht unerwähnt möchte ich folgendes lassen. 
Wenn man die unmittelbar nach dem Zusammen 
bruch des Königreichs Westfalen erschienenen Bücher 
über diesen kurzlebigen Staat liest, dann sollte man 
meinen, unsere gute Stadt Kassel sei damals ein 
wahres Sünden-Babel gewesen. Selbst Wagner, 
der in seinem Buche „Das Königreich Westfalen 
und die Franzosen", Kassel 1813, wohl noch am 
unparteiischsten urteilt, schreibt: „Wie der Hof, so 
lebten auch alle Franzosen. Im Besitze der höchsten 
Staatsämter und einträglicher Landgüter, gestat 
teten ihre Einkünfte ihnen jede Art von Verschwen 
dung. Schwelgerei war das unaufhörliche Ziel ihres 
Strebens. Sie verführten Weiber und Mädchen, 
und opferten selbst schuldlose Kinder ihren viehischen 
Lüsten. Sie unterhielten ein Heer von Maitressen 
und Kupplerinnen, die unter dem Scheine der Ehr 
barkeit sich in gute Familien drängten und deren 
Weiber und Töchter verführten, wurden reichlich 
bezahlt und genossen den Schutz des Staats." Ganz 
so schliinm ist es nun doch wohl nicht gewesen. 
Daß die Franzosen redlich bestrebt gewesen sind, es 
dahin zu bringen, daß es so, wie Wagner schildert, 
gekommen wäre, ist natürlich nicht zu bezweifeln; 
aber an der Biederkeit und Sittlichkeit unserer deut 
schen Bürgerfamilien scheiterten diese Bestrebungen. 
So übersteigt denn auch die Anzahl der in der west 
fälischen Zeit in Kassel jährlich vorgekommenen un 
ehelichen Geburten nur wenig die entsprechende 
Zahl in den vorhergegangenen und nachfolgenden 
Jahren. Wenn, wie erwähnt, die sofort nach dem 
Ende des Königreichs erschienenen Schriften so trau 
rige Schilderungen bringen, so muß man bei deren 
Einschätzung berücksichtigen, daß alle nach einer 
staatlichen Umwälzung erscheinenden, die früheren 
Zustände kritisierenden Schriften zu übertreiben 
pflegen. 
Im ganzen kann ich nach dem Vorgetragenen- 
mich wohl dahin aussprechen, daß die samilien- 
geschichtliche Auswirkung der westfälischen Zeit er 
freulicherweise eine erhebliche nicht gewesen ist. Wir 
wollen hoffen, daß auch in den z. Zt. von den 
Franzosen besetzten Gebieten ein ebenso günstiges 
Ergebnis zu verzeichnen sein wird.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.