Volltext: Hessenland (37.1925)

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„Der allerreichlichste Gewinn 
Ist kommen von den schweren Tagen, 
Da ich mußt wehren mich und schlagen. 
Da wuchs der Seele Flügelkraft, 
Da war's, wo ich am Glück geschafft." 
Es gibt für viele von unseren lebenden Dich 
tern eitlen untrüglichen Prüfstein ihrer Welt- 
und Lebensanschauung, ihres Künstlertums. 
Das ist ihr Verhalten gegenüber dem Außer 
gewöhnlichen, das unsere Zeit in die Wag- 
j'chale warf, dem Kriege. Ich gestehe gerne zu: 
Es ist mairch Echtes, tief Empfundenes auf 
gequollen aus deutscher Brust. Aber der 
Menschheit ganzer Jamtner faßt einen an, 
wenn man die Gesamternte jener furchtbareir 
Tage übersieht. Wie mancher wurde losgeris- 
sett aus den festen Grenzen seines Dichtertums, 
setzte seineu Fuß auf Bahnen, die ihm fremd 
bleiben mußten, weil sie jenseits von seinem 
Wollen und Können lagen; aber auch sie woll 
ten nicht hintenan stehen im Chore der Zeit. 
Wer selbst jahrelang umhergeworfen wurde im 
Rätselrachen des Ungeheuers Krieg, der kantl 
ermessen, wieviel leeres Pathos, wieviel Falsch- 
Gesehenes und Oberflächliches als echte Münze 
durch die Lande ging. 
Und das zeugt für Bertelmanns gefestigtes 
Künstlertunr, daß er sich nicht aus seinen ur 
eigensteil Bahnen reißen ließ, obwohl ihm 
Helden- und balladenhafte Klänge nicht fremd 
waren. Diesen tief empfindenden Menschen hat 
der Krieg im Innersten ergriffen; denn ihm 
war die Liebe zu Land und Volk nicht eine 
herkömmliche Sache, die man im Gebaren 
und auf den Lippen trug, weil es das Gebot 
der Stunde war. Ihm war es heilige Flamme, 
die auf längst errichtetem Altar im Heiligtum 
brannte. In Sprüchen und Liedern ringt sich 
ihm los, was! er mit hellem Dichterauge von 
seines Volkes Kraft und Dulden sah, und zu 
besonderer Höhe hebt er sich da, wo er seiner 
Amtsgenossen Halten und Kämpfen, Ringen und 
Dulden, Qualen, Sterben und Tod verklärt. 
Aber von dem Lyriker Bertelmann können 
wir nicht scheiden, ohne noch ein Wort zu 
sagen über seine Stellung zu dem unendlichen, 
uns umschlingenden All, zu den Unergründlich- 
keiten der Natur, die wir schauernd ahnen. 
Er war Natur. Ein starker, sinnenhaster 
Mensch, in der Fülle gleichsam kindlich auf 
gewachsen, eintrinkend, was ihn umgab, um 
es zu formen nach seinem Eigenwert. Wie er 
den Eindrücken der Natur gegenüber staub, 
mögen die Eingangsstrophen seines Gedichtes 
„Am Abend" zeigen: 
Nun räumt der Tag die Tale. 
Hoch oben auf den Höhn 
läßt er zum letzten Male 
sein Feuerbanner wehn. 
Hell über Wald und Wipfel, 
wo lauschend streicht die Nacht, 
hallt von dem höchsten Gipfel 
- sein Lied: Es ist vollbracht. 
In fernen Himmelsweiten 
sieht man ihn wartend stehn, 
und Engelsfüße schreiten 
und goldne Türen gehn. 
Erst nach seinem Tode erscheint jetzt bei 
Bernecker in Melsungen eilte Sammlung seiner 
Gedichte: „Acker- ulld Ährenklang". 
„Sollne und Stille, blühende Wiesen und rei- 
feltde Felder, Säen mrd Ernten, Tagewerk mtd 
Sonntagsfreude, Werden und Vergehen — das 
alles ist in diesem Buche." Das alles zeigen die 
Hessendörfer. 
Schneeweiße Giebel, rote Dächer, 
Baumkronen dazwischen als grüne Fächer, 
hochwaldbekränzte Hügelränder, 
im Gründ goldwogende Ährenbänder. 
Und in dem Frieden und in der Pracht 
ein graues Kirchlein auf treuer Wacht. 
Ulld die Menschen, die irr ihnen wohnen, mit 
ihren Vorzügelt uitd Fehlern hat er mit be 
rufener Meisterschaft geschildert in Erzählun 
gen, die jetzt unter dem Titel „Landvolk" 
erschienen sind. 
Es ist kein Zufall, daß diesen Künder der Liebe 
der alte Sagenstoff reizte, den ihre Allgewalt 
trägt. So erzählt er in seinem „Lieben 
bach" die alte Mär, die in Spangenberg zu 
Hause ist, die der zu früh verblichene Engelhard 
dramatisch gestaltete ulld die auch der Lieben- 
bachbrunnen lebendig erhalten ivill. Es ist ur 
altes Geschehen, das hier emporsteigt, uralte 
Tragik, die sich gestaltet im heilig gewordenen 
Glück der Jugend, die sich fand, und im berech- 
nenden Verstand der Alten, der iricht verstehen 
kann. Um das Mögliche zu verhindern, will er 
Unmögliches erzwingen, wie der harte Bürger 
meister, der zum armen Kuno sagt: „Wenn 
übers Jahr zu Pfingsten der Quell des Broms 
berges durch die Straßen rauscht, daun magst 
du Else zum Altare führen. Aber wohl 
gemerkt, du mußt allein das Werk vollenden. 
Nicht Lehrling noch Geselle soll dir dienen." 
Und in Kuno und Else sehen wir die Kraft 
der tiefen Liebe, die alles überwindet, aber in 
seliger Süße und Unberührtheit dem raschen 
Tod zur Beute wird. 
Es liegt über alten Volkssagen ein zauber 
hafter Glanz, eine geheimnisvolle Schicht, wie
	        

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