Full text: Hessenland (37.1925)

W 
Das verdroß den Wind so sehr, daß er wü- 
tend schnaubte. Aber er mußte stille sein und 
den Dornbusch in Frieden lassen. 
Und die Sonne kam zum Dornbusch und 
bleichte Windeln und Hemdchen weiß wie 
Schwanengefieder. 
Als der Wind das sah, kam auch er zum 
Dornbusch und trocknete Windeln und Hemd- 
chen mit seinem Hauche. 
Und die Hemdchen strömten den Duft eines 
neuen, reinen Lebens auf den Dornbusch aus. 
Der atmete und atmete, tief und des Dankes 
voll. Und fühlte eine Wandlung durch sein 
Wesen gehen: Knospen gebar er ans Licht wie 
Maria das göttliche Kind. Und Düfte wie 
Gottes Odem entquollen dem grünen Laube 
am braunen Gezweig. Und Rosen brachen in 
zarter Entfaltung hervor . . . Rosen, Rosen, 
daß der Dornbusch fast in der Fülle seiner 
Rosen versank. 
Und das schwanenweiße Linnen der Kinder 
wäsche schwamm wie auf roter Rosenflut. 
„Amsel, Drossel, Fink und 
Man kann sich nicht leicht etwas Schöneres 
denken, als wenn man nach tüchtiger Bergwande- 
rung durch die halbwinterliche Stille den warm 
besonnten Rand des Fichtenwaldes erreicht hat, wo 
der letzte Schnee geschwunden ist und einen: uner- 
wartet ein märzliches Vogelkonzert entgegenschallt, 
wie es im Mai nicht herrlicher sein kann. Es fehlen 
freilich noch manche Stimmen, die erst der Lenz- 
uwnat bringt; aber dafür ist es auch nicht mailicher 
Bogelsang, der aus jedem Busch und Baum klingt, 
sondern es ist ein Ständchen all der Sonnenkinder, 
die wie auf einen Wink hier zusammengekommen 
sind. Man steht und lauscht, bis die kalten Füße 
an das Weitergehen mahnen, und wenn man aus 
der seligen Verlorenheit aufwacht, so hat man den 
Vorteil, daß man nicht wie sonst bei einem Ständ 
chen „Schönen Dank!" sagen und überlegen muß, 
ob man etwa jedem Musikanten ein Gläschen Wein 
anbieten müßte. 
Amsel, Drossel, Fink und Star . . . Amsel und 
Drossel? Da faßt sich mancher an die Stirn und 
denkt: Was ist doch das? Es geht ihn: damit so, 
wie mit Kiefer und Fichte, oder wie mit Weiß- und 
Rotbuche, wozu auch noch die Blutbuche kommt: 
er weiß schon, was das alles ist; aber es ist ihm 
wie Nebel, Dampf und Ranch, genau weiß er's doch 
nicht. Die Amsel ist eine Drossel, und zwar die 
Schwarzdrossel, neben der es Sing-, Wein-, Ring-, 
Wacholderdrossel und noch einige andere gibt. Der 
schwarze Vogel mit dem gelben Schnabel ist das 
Amselmännchen und der gefiederte Gefährte, braun 
wie Herbstgras, sein Weibchen. Winters holen sie 
sich Beeren vom Strauch, wobei auch die schwarz- 
Maria kam zu sehen, ob ihre Hemdchen und 
Windeln nicht bald trocken. Und fand das 
Rosenwunder am Dornbusch. Als sie ihre 
Hand nach beit Hemdlein ausstreckte, neigte 
er sich wie in Demut, und seine Dornen ließen 
das Linnen los. 
„Eine mußt du mir geben, du Überreicher!" 
sagte die Mutter Gottes. „Eine für mein 
Kindlein." Und brach sich eine Rose aus dem 
Busch, der ihr tausend entgegenhielt. 
Mit einer Gebärde des Segens ihrer weißen 
Hände dankte die Mutter Gottes dem Dorn 
busch. Und nahm die kleinen, feinen Hemdchen 
und Windeln vom Gezweig. Aber ihr Duft 
blieb hangen an Blatt und Blüte. Erquickend, 
wie Hauch der Genesung, wehte der Ruch der 
Rosen. 
So ward er gesegnet, sichtbar gesegnet vor 
allen. 
Und jedes Jahr wird es neu, blüht es ans: 
das Rosenwunder am Dornbusch: der duftende 
Jesumai. 
©tClt\ Von Hermann Gersch. 
glänzenden Früchte der Tollkirsche, die zuweilen 
Kindern so verderblich sind, ohne Schaden verspeist 
werden. Was heißt also, die Tollkirsche ist giftig? 
Im Vorfrühling, wenn der Schnee das modrige 
Herbstlanb freigibt, sieht man die Amseln geschäftig 
unter den Büschen hineilen, hier ruckartig ein Blatt 
wegzupfend und dort ein Würmchen hervorziehend. 
Ergötzlich ist es, wenn die Brut beginnt, flügge zu 
werden. Man kann vom Fenster aus beobachten, 
wie die Kleinen halb hilflos ans der Bleiche umher 
flattern, und wie ab und zu die Eltern herzufliegen, 
um einen Bissen in den weit aufgesperrten Schnabel 
zu stecken. Doch wenn das gellende Zing, Zing er 
tönt, dann kann man sicher sein, daß eine Katze in 
der Nähe ist. Anders als dieser Warnruf klingt 
der Lockruf, und wieder anders der jubilierende 
Morgengesang hoch oben auf dem Dachfirst. Wer 
diesen Vogel recht kennt, der schließt ihn ins Herz 
und vergibt ihm die kleine Unart, daß er zuweilen 
auch Knospen anpickt und Obst- und andere Bäume 
nicht unterscheidet. Aber es gibt Schießer unter 
den tagesfronenden Menschen, die auch meist keine 
andere Einteilung der Bäume kennen als die in 
Obstbäume und gewöhnliche Hölzer. 
Die Amsel nimmt pflanzliche und tierische Nah 
rung zu sich; ihr Schnabel ist pfriemförmig. Den 
Körnerfressern, lvie Dompfaff und Kirschkernbeißer, 
sieht man's schon an dem kurzen, kräftigen Kegel- 
schnabel an, daß sie sich von Samen nähren. Wenn 
der Schnee die Felder bedeckt, kann man an trockenen 
Fruchtstengeln, die über die weiße Matte hinweg 
ragen, den bunten Distelfinken beobachten. Wäh 
rend die ausgesprochenen Kerffresser, wie Nachtigall
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.