142
Gehen wir nun im einzelnen auf die Zünfte
ein. Eine genaue Feststellung ihres Alters und
Entstehens ist leider nicht möglich. Die an
gesehenste unter den Zünften war die Gilde der
„Brauer". Daher wurde sie auch stets in den
Urkunden vor den anderen aufgeführt. Erklär
lich ist dieser Vorzug schon aus ihrem größeren
Güterbesitz. Denn einmal setzte ihr Gewerbe
wegen der großen, damit verbundenen Aus
lagen ein nicht unansehnliches Vermögen vor
aus, zum andern war nur derjenige Bürger in
die Brauerzunft aufnahmefähig, der eine ge
wisse Summe versteuerbarer Güter besaß. Die
Mitglieder dieser Zunft- besaßen das ausschließ
liche Recht der Bierbrauerei zum Verzapfen
(denn zum Selbstbedarf im eigenen Hause, den
sogenannten Haustrunk zu brauen, stand jedem
Bürger frei). Zum Zwecke des Brauens waren
zwei Brauhäuser erbaut. Eins stand zwischen
dem Markt und der Rosengasse, das andere
in der Nikolaigasse, in der Nähe des heutigen
Postamtes. Sie waren städtisches Eigentum.
Die Stadt mußte für ihre Unterhaltung auf
kommen. Jeder in die Gilde neu eintretende
Brauer hatte eine Gebühr für Benutzung der
Brauhäuser, für Erhaltung des Braugeräts
und der Pfannen zu zahlen. Zwei beeidigte
„Pfannenvorsteher" besorgten bis 1744 im
Namen der Stadt die Aufsicht, von da an tat
nur noch ein „Pfannenvorsteher" Dienst; die
Aufgaben des andern mußten die Schöffen ab
wechselnd übernehmen. Das nötige Wasser er
hielten die Brauhäuser durch das in dem
Mühlengraben angelegte Getriebe, die sogen.
„Wasserkunst", durch die die Altstadt haupt
sächlich mit Flußwasser versorgt wurde. Diese
reicht bis in das 14. Jahrhundert zurück. Das
Pumpwerk trieb das Wasser in eisernen Röh
ren den Mühlberg und Amberg hinauf. Hier
teilte sich der Gang einst in zwei Arme, der
eine ging über den oberen Friedhof, an der
Johanneskirche hin in die Küche des Hochzeits
hauses, der andere lief durch „die Krämen" in
das obere Brauhaus, versorgte dieses, sowie
das Wasserbecken auf dem Markt und erstreckte
sich weiter durch die Werkelstraße in das untere
Brauhaus und goß am sogenannten „Klobes-
platz" das Wasser zu jedermanns Gebrauch
aus. Alle vierzehn Tage wurde eine ganze
„Pfanne", alle acht Tage eine halbe „Pfanne"
gebraut. Nach dem siebenjährigen Krieg, als
der Genuß des Bieres durch Branntwein uitb
Kaffee zurückging, als dann besonders während
der Zeit des Königreichs Westfalen der Preis
der Gerste und des Hopfens sehr stieg und diese
Regierung von den Zünften nichts wissen wollte,
löste sich die Brauzunft auf. Die Stadt ver
kaufte dann die beiden Brauhäuser an Private.
Eine ebenfalls sehr alte, lang bestehende
Gilde führte nach ihrem Schutzheiligen, dem
heiligen Michael, den Namen der Michels
brüder. Später gestaltete sie sich wohl zu einer
religiösen Bruderschaft. Den Zweck dieser Gilde
einwandfrei festzustellen ist schwer, da er nur
aus einigen alten Urkunden herausgedeutet
werden kann. So befaßt sich eine Urkunde aus
dem Jahre 1330 mit einem Vertrag zwischen
den Michelsbrüdern und den Flemingen, die,
wohl flämische Weber, in der Flemingstraße,
der heutigen Flehmengasse, wohnten, über die
Grenzen ihrer Gewerbe. Aus dem Jahre 1390
liegen noch einige Statuten vor. Danach sind
die Michelsbrüder in erster Linie wohl Tuch
händler, Walker und Kürschner, später über
haupt Kaufleute gewesen, denen sich noch später
unbescholtene Bürger anschlossen. Die Michels
brüder besaßen nicht unbedeutende Güter und
Renten. Hierüber gibt ein aus dem Jahre 1387
stammendes Zinsregister Aufschluß. Lange Zeit
hatten sie die „bürgerliche Badstube" von der
Stadt in Pacht.
Von den anderen Zünften ist aus früheren
Zeiten weniger bekannt. Die Fleischer, genannt
„Knochenhauer", durften in früherer Zeit, wie
es auch in den anderen Städten üblich war,
in ihrem eigenen Hause weder das Vieh schlach
ten, noch Fleischwaren verkaufen. Sie muß
ten vielmehr das lebende Schlachtvieh in ein
am Markt stehendes städtisches Gebäude, die
Fleischerscherne, das Fleischhaus, bringen, wo
das gesunde Vieh unter Aufsicht geschlachtet
wurde; das kranke wurde konfisziert. Je nach
Alter und Beschaffenheit wurde ein Preis fest
gesetzt, an den sich jeder Metzger beim Verkauf
aus der Scherne zu halten hatte. Die Fleisch
bänke („Schernen"), von denen jeder Meister
eine, mancher zwei besaß, standen im Fleisch
haus in zwei langen Reihen. Sie werden noch
1352 erwähnt. Die Fleischerzunft stand immer
weit und breit in hoher Achtung. Noch vor
etwa 85 Jahren schrieb Dr. Falkenhainer:
„Die jetzige Metzgergilde in Fritzlar hat sich
sehr gehoben und verdient den guten Ruf, dessen
sie sich gegenwärtig erfreut, durch Gewerbefleiß,
Reinlichkeit, angemessene Preise und richtige
.Auswahl ihres Schlachtviehes mit vollem Recht.
Ihre Ware ist weit und breit gesucht."
Die Zimmerleute bildeten mit den Böttichern
(„Buddekern") zusammen eine Gilde, ungefähr
seit 1453. Ihre Schutzheilige war die heilige