Full text: Hessenland (37.1925)

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beginnt ein neuer Absatz. Und 9 ist bei den 
Germanen die heilige Zahl. Im Norden wur 
den alle 3x3 Monate Opfer gehalten, die 
drei Monate dauerten, jedes Opfer nenn Tage 
lang, zu jedem Opfer neun Stück Vieh. Alle 
neun Jahre war großes Blutopfer. Alle neun 
Jahre wurden in Seeland 99 Menschen ge 
opfert. Das Lied gilt ferner keinem gewöhn 
lichen Sterblichen, sondern einem Riesen, denn 
er braucht neun Ziegenfelle und ein Bockfell zu 
feinem Rock. Dieser Riese ist aber kein an 
derer als Donar, denn Ziegen und Bock sind 
Donar heilig. Und „alter Mann" ist ein be 
sonderer Name für Donar. 
Sollte also dieses Fritzlarer Donarliedchen 
nicht mit ein Beleg dafür sein, daß wir in 
Fritzlar eine Donarstätte zu suchen haben? 
Und erinnert nicht die Domhöhe selbst, die 
wenigstens in ihrem südwestlichen Teile Ziegen 
berg heißt, im Zusammenhang mit allem 
übrigen an eine Tonarstätte? 
Nordwestlich erhebt sich dicht bei Fritzlar 
der Eckerich (keltisch = Eichenberg). An seinem 
Südabhang befindet sich ein uralter Stein 
bruch, „Hölle", genannt. Sollte diese Hölle in 
der Verbindung mit den Teufelsnamen der 
heiligen Quellen nicht die frühchristliche Be 
nennung einer chattischen Opferstätte sein? 
Am Fuße der Domhöhe aber mit ihren drei 
heiligen Quellen fließt im Tal wie zum Schutze 
des Heiligtums die Eder, und um diese zieht 
südlich in einem großen Bogen eine uralte 
Befestigung, die Landwehr (Lambers, Lam- 
bertsfeld, Lamberweg). Da, wo die Landwehr 
östlich von Fritzlar die Eder erreicht, häufen 
sich in dem Winkel verdächtig alte Namen: Bil 
stein, Hunsrück, der 1654 als großer Wacker 
stein bezeichnet wird, der Spies, die große und 
die kleine Wiege. Bedenkt man, daß wih (Weihe, 
geweiht, vgl. Wichdorf = heiliges Dorf) bei 
den Germanen eine Bezeichnung für ihr Heilig 
tum war, so liegt es nahe, auch hier ein Heilig 
tum zu vermuten. Um so mehr, da im Mittel 
alter, das in seiner frühen Zeit heidnische Kult 
stätten gern mit christlichen Heiligtümern be 
setzte, hier, wie ein Flurname Bildstöckl jagt, 
ein Bildstock stand. 
^ Westlich führt die Landwehr mit der von 
Süden über Holzheim kommenden Alten Straße 
zur alten Ederfurt, der Spicke, von der dann 
die Straße als Kölnische Straße südlich vom 
Eckerich entlang der Elbe über Geismar, Zü- 
fchen, Naumburg nach Westen zog. Hier aber 
an der Spicke zwischen Eder und Landwehr 
finden sich am rechten Ufer der Eder die Flur 
namen Diebesecke und Auf'm Rad. Ist dieser 
in Hessen öfter vorkommende Flurname Diebes 
ecke nur die Bezeichnung einer Gegend, wo 
Diebe ihr Unwesen trieben, oder ist ist ihm am 
Ende noch ein älterer und tieferer Sinn ver 
borgen? Ich denke daran, daß in Wales in 
Altengland Hügel oder Steinhaufen, auf denen 
in keltischer Vorzeit Verbrecher zum Gottes 
dienst hingerichtet wurden, Cara Leadron, in 
Irland Cara an Ladroin = Diebeshöhe oder 
Diebesecke genannt wurden. Ich denke weiter 
daran, daß diese Diebesecke in Fritzlar an 
einem uralten Flußübergang liegt, wo sich in 
germanischer Zeit öfters Gerichts- und Hin- 
richtungsstätten befanden, und daß das Mittel 
alter auch hier wieder mit der Errichtung des 
Rades die alte Tradition scheint beibehalten zu 
haben. Doch das alles sind nur Vermutungen. 
Aber überraschend ist ein Vergleich der Fritz 
larer Anlage mit den drei Quellen am Süd- 
abhang der Domhöhe und der Eder und der 
Landwehr am Fuße der Anhöhe mit der An 
lage der Jrminsul, dem Nationalheiligtum der 
Sachsen. Nach den Feststellungen Kuhlmanns 
besteht wohl kein Zweifel mehr, daß die Jr 
minsul ein Baumstamm voll mächtiger Größe, 
auf dem Eresberg, an der Stätte des heutigen 
Obermarsberg an der Diemel stand. Auch hier 
am Abhang der heiligen Höhe drei Quellen, 
von denen die eine Siegesquelle (Ziegenquelle?), 
eine andere Königsquelle heißt. Am Fuße 
des Abhangs die Diemel und aüch hier wie 
zum Schutze des Heiligtums die Landwehr mit 
einem Bilstein. Man wird dabei auch unwill 
kürlich an die heilige Weltesche TZ^dramw 
a8ker erinnert, unter deren Schatten drei hei 
lige Quellen entsprangen. 
Ich gestehe, die Versuchung liegt nahe, Fritz 
lar als das große chattische Heiligtum anzu 
sprechen und auf seiner Höhe die berühmte 
Donareiche zu suchen, durch deren Fällung 
Bonifatius im Jahre 723 die Hessen zum 
Christentum bekehrte. Neuere hessische Histo 
riker und mit ihnen Flaskamp erklären tat 
sächlich die Stelle, an der sich der Petersdom 
in Fritzlar erhebt, als die historische Stätte 
der Donareiche. Ich kann mich und zwar aus 
einem schweren, mich wenigstens zwingenden 
wissenschaftlichen Grunde nicht zu dieser An 
sicht bekennen. Die einzige Quelle für die 
Bonifatiustat ist nämlich, wie wir eben sahen, 
das von einem angelsächsischen Mainzer Priester 
Willibald geschriebene Leben des hl. Boni 
fatius. Die Kenntnis dieser Tat verdankt er 
wohl dem Würzburger Bischof Megingoz, der
        

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