Full text: Hessenland (37.1925)

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dieser ausdrücklich den Streichcharakter be 
tonenden Merkmale gezupft werden Z wird 
einen nicht wundern, wenn man weiß, daß 
das Zupfen der Saiteninstrumente eine Haupt 
eigentümlichkeit der Mittelmeervölker ist, wäh 
rend die dem Mittelmeer abgewandten Völker 
das Streichen bevorzugen. Gerade die Gitarre 
zeigt, obwohl sie gezupft wird und dem ent 
sprechend auch ein Mittelschalloch hat, die ihre 
Fidelverwandtschaft verratenden Einschnürun 
gen in der Mitte des Resonanzkörpers. Es 
liegt nicht in der Aufgabe dieser Zeilen, voll 
ständige Entwicklungsreihen der Streichinstru 
mente aufzustellen, lediglich möchte ich, bevor 
mit der Betrachtung des 
hessischen Geigenbaues be 
gonnen wird, einige in 
weiten Kreisen unbekannte 
Erscheinungen aus der 
Welt der Streichinstru 
mente streifen. Zuerst sei 
da die Viola à'amour er 
wähnt, zumal sich gerade 
in Kasseler Besitz zwei herr 
liche alte Instrumente dieser 
Gattung befinden. Unsere 
Abbild. (S. 102) zeigt eins 
dieser Instrumente, das 
ivahrscheinlich der Meister 
hand von Jacobus Stainer 
« 1621 —1683 in Absam, 
Tirol) entstammt. Die 
Wiener „Sammlung alter 
Musikinstrumente" besitzt 2 
ein unserem Exemplar sehr- 
ähnliches Instrument, das 
jedoch in seinen Formen 
plumper geraten ist, auch ist 
das Köpfchen, das zur Be 
krönung des Wirbelkastens 
dient, bei weitem nicht so sorgfältig gearbeitet. 
Man beachte auf den Abbildungen, daß unter 
den mit dem Bogen zu streichenden Darmsaiten 
Drahtsaiten laufen, die durch den Steg hin 
durch und unter dem Griffbrett geführt sind. 
Sie werden auf die gleichen Töne gestimmt 
wie die Darmsaiten und dienen zur Ton 
verstärkung. Durch sie erhält die Viola, à'amour 
ihr besonderes Klangcharakteristikum. (Die 
Rückansicht des Instruments läßt die Resonanz 
saiten deutlich erkennen.) Schon diese wenigen 
1 Wie z. B. auf dem Mailänder Madonnenbild non 
Nicolo Pisano. 
_ 2 Nr. 92 des Kataloges von I. Schlosser, bei Anton 
Schroll & Co., Wien 1920. 
andeutenden Zeilen lassen erkennen, wie die 
Erbauer der Instrumente danach streben, eine 
immer günstigere Form und Besaitung zu 
finden. Der Abnormität halber sei hier noch 
erwähnt, daß sich die Kaiserin Maria Theresia 
1749 von einem Wenzel Kowansky (Prag?) 
eine Geige bauen ließ, deren Korpus ganz aus 
Schildpatt mit Einlagen aus Gold an Decke und 
Boden gearbeitet war, während Hals, Wirbel 
kasten, Griffbrett und Saitenhalter aus Elfen 
bein mit Schildpatt-und Goldeinlagen bestanden. 
An Stelle der Schnecke befindet sich ein elfen 
beinernes Köpfchen mit schwarz gebeiztem Haar- 
beutel.-^ Dieses Instrument war aber nicht zum 
praktischen Gebrauche be 
stimmt, sondern wurde 
gleich der k. k. Schatzkammer 
einverleibt. Ebenso sind 
natürlich Marmorgeigen, 
wie sie bis zum heutigen 
Tage in der Lunigiana 
gefertigt werden, lediglich 
Attrappen, die der mar 
morario und nicht der 
eostruttoro ài violini an 
fertigt. Immerhin ist zu 
mindest die Schildpattgeige 
der Maria Theresia ein 
Beispiel dafür, daß im 
Geigenbau des Suchens 
nach Forni und Material 
kein Ende ist, und wenn 
man eine günstige Form 
gefunden hatte, so kam es 
daraus an, das Instrument 
auch zu erhalten und den 
Ton zu Veredeln. So war 
die Frage nach dem Lack 
immer eine höchst wichtige. 
Seine Bedeutung ist weit 
ernster als nur vom dekorativen Standpunkt 
aus aufzufassen. Derer, die im Lackieren der 
Streichinstrumente Meister sind,-sind nicht sehr 
viele. Einen, der in Hessen auch in diesem Punkte 
die Bezeichnung Meister verdient, weiß ich 
außer Johannes Bosch nicht zu nennen. 
Immerhin stand und steht der Geigenbau dort, 
wo er im Hessenland betrieben wird, auf einer 
ganz beachtlichen Stufe. Lütgendorff^ nennt 
uns von Kasseler Geigenmachern als ersten 
I o h. Chr. F r i e d st a d t, der in Kassel „Hof- 
3 cf. Schlosser, a. a. O. Nr. 100. 
4 W. L. Freiherr von Lütgendorff: Die Geigen- und 
Lnutenmncher vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Frank 
furt a. M. bei H. Keller. 
Johannes Bosch.
        

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