Full text: Hessenland (36.1922)

Bode, Fritz. G l ü ck l i ch e T a g e. Klänge uno Bilder 
aus der Jugendzeit eines alten Kurhessen. Karl 
Victor, Kassel. 192 Seiten. Preis 200 Mark. 
Schon der Titel dieses Buches muß in unsren desolaten 
Zeitläuften fesseln, und es sind in der Tat glückliche 
Tage, die der Verfasser, Kammerrat Fritz Bode in 
Wernigerode, in seiner Geburtsstadt Felsberg verlebte und 
von denen er so warmherzig zu erzählen weiß. 1864 
siedelte seine Familie nach Kassel über, und dem noch 
nicht großstädtischen Kassel der Jahre 1864—1875 gilt 
seine weitere Schilderung. In welch humorvoller Weise 
oas geschieht, mögen die zahlreichen Anekdoten aus dem 
Bannkreis des alten Kasseler Gymnasiums erweisen. 
Daß der Verfasser auf jeder Seite seines Buches zum 
luuäutor tsmporis neti wird, kann man ihm nach einer 
derart glücklichen Jugend nachfühlen. H. 
Erzählende Literatur. 
Die Raumknappheit zwingt dazu, nur ganz kurz 
einige Neuerscheinungen aufzuführen. Da ist zunächst 
auf Joh. H. Schwalms „Enkeltochter der 
Hex" (Heimatschollen-Bücherei Nr. 1, 61 Seiten) hin 
zuweisen. Schwalm ist nicht nur ein sachkundiger Geo 
loge und der beste Kenner des Schwälmerlandes, dem er 
entstammt, sondern auch ein vortrefflicher Erzähler. 
Das zeigt auch dieses sein neuestes Werk, das uns ein 
bäuerliches Drama mit all seinen harten, durch die 
Gebundenheit der Weltanschauung bedingten Gegensätzen 
aufrollt. — In eine ganz andere Welt führt uns des 
jungen Adolf Hägers Roman „Rose B r u n o l d " 
(83 Seiten). Er schildert uns das Schicksal eines Mäd 
chens aus dem Volke, das mitten in allem Schmutz und 
Schlamm, der sie umflutete, sich eine reine Seele be 
wahrte, dann einen kurzen Rausch des Liebesglückes er 
lebt und stark genug ist, den Rest ihres Lebens in Ent 
sagung zu opfern. — Im gleichen Verlag wie diese 
beiden Werke (A. Bernecker, Melsungen) erschienen auch 
Heinrich R u p p e l s Geschichten „Mannsvolk und 
Weibsleut" (230 Seiten). In diesen fast durchweg 
dem bäuerlichen Leben Niederhessens entnommenen Er 
zählungen hat der Verfasser der „Rhönbauern" und der 
wuchtigen Erzählung von „Henn Laudenbachs Heim 
kehr" ein Werk geschaffen, das bedingungslos den besten 
literarischen Erzeugnissen der Gegenwart eingereiht wer 
den muß und aufs neue den Beweis erbringt, daß Ruppel 
unter den zeitgenössischen Erzählern nur wenige seines 
gleichen hat. Nur einem Dichter, dem die Menschen 
seiner Heimat derart vertraut sind wie Ruppel, können 
solche schonungslos zupackenden Schilderungen gelingen, 
die uns das Volksleben vor und nach dem Weltkrieg 
'mit so eindringlicher Gegenständlichkeit spiegeln. — Auch 
der Dichter des oberhessischen Volkslebens, Alfred Bock, 
hat uns wieder mit einem neuen Roman „Der Elfen 
beiner" (I. I. Weber, Leipzig. 160 Seiten) erfreut, 
der wieder alle Vorzüge Bockscher Erzählungskunst auf 
weist. In diesem Elfenbeinschnitzer Fabri, der sein 
Handwerk der Elfenbeinplastik zum altehrwürdigen Kunst 
handwerk zurückführen, lieber darben als öde Pfuscherei 
treiben will und dadurch in Konflikt mit seiner Frau 
gerät, hat der Dichter wieder in altbewährter Meister 
schaft eine scharf umrissene Kabinettfigur geschaffen. 
An diesem Konflikt geht der Künstler schließlich zu 
Grunde, und nur seine ihm wesensverwandte prächtige 
Tochter rettet durch eigenes willensstarkes Schaffen die 
Ideale des Vaters in eine glücklichere Zukunft. Daß 
das bürgerliche Leben der Kleinstadt, das den Hinter 
grund der Geschehnisse bildet, wieder glänzend gezeich- 
% 
net ist, versteht sich bei Bock von selbst. — Das zwie 
spältige Leben Georg Försters, des Weltumseglers, durch 
eine ganze Reihe von Biographen bereits beleuchtet, 
ist nun durch Ina Seidel auch in den Mittelpunkt 
eines umfangreichen Romans gestellt worden: „Das 
Labyrinth. Ein Lebens roman aus dem 
18. Jahr Hunde r t." (Eugen Diederichs, Jenem 
388 Seiten.) Das Zwischenspiel (Seite 143—204) be 
handelt Försters Kasseler Zeit (1779—84) und läßt uns 
in feingeistiger Weise einen Blick in das seltsame Kasseler- 
Treiben dieser Zeit mit seinen Geheimbündeleien tun. — 
Gleichfalls in Kassel spielt sich ein Teil des Romans 
aus der Theaterwelt „Kämpferinnen" (I. P. 
Bachem, Köln. 207 Seiten) von Maria Regina June 
mann ab, die selbst einst Schauspielerin war und hier 
die Erlebnisse einer „Tochter aus guter Familie" von 
der kleinen Schmiere bis zur Großstadtbühne schil 
dert. — Daß im gleichen Verlag ein neuer Roman 
unserer Landsmännin M. Herbert erschien, der sich, 
wie schon der Titel „Die Bartenwetz er" besagt, 
in Melsungen abspielt, sei wenigstens noch kurz er 
wähnt. — Zum Schluß sei darauf hingewiesen, daß der 
Verlag Friedr. Scheel noch vor Weihnachten aus dem 
Nachlaß Heinrich Bertelmanns einen Band Er 
zählungen „Unter der Linde" herausgibt, der 
u. a. auch die vier köstlichen Spatz engeschichten Bertel 
manns enthalten wird. H. 
Hessenkunst 19 2 3. Herausg. Chr. R auch, Bild 
schmuck Hans v. V o l k m a n n. Marburg a. L. 
(N. G. Elwert). 
Allen widrigen Verhältnissen zum Trotz liegt nun 
auch der 17. Jahrgang der Hessenkunst in sauberem 
Druck vor. Geschmückt hat ihn diesmal die reife Kunst 
Hans v. Volkmanns, der prächtige Schwalmzeichnungen 
aus den Jahren 1886—1909, daneben aber auch, den 
letzten Jahren angehörend, eine Anzahl Blätter aus 
Reinhards- und Odenwald von großem Stimmungsreiz 
vorlegt. Reichhaltig wie immer sind auch die gut illu 
strierten Beiträge. Georg Krahl ftellt die 800 jährige 
Jlbenstädter Klosterkirche in der Wetterau in Parallele 
zum Mainzer Dom, Richard Hamann weist nach, daß 
das reich mit Figuren geschmückte Portal der kleinen 
Dorfkirche in Großenlinden bei Gießen eine Verschmel 
zung des ortsüblichen Bogenportals mit dem antikisie 
renden Architravportal von Arles und St. Gilles dar 
stellt; Otto Schmidt weist das Denkmal des hl. Rusus 
im rheinhessischen Gau-Odernheim dem Meister des 
Grabmals Johanns von Nassau im Mainzer Dom 
zu; W. von Grolmann datiert das Friedhofskreuz und 
zugehörige Christusbild in Lorch am Rhein, Karl Knetsch 
bringt viel neues Material über die seit 1463 in Kassel 
tätige Bildhauerfamilie Herber, und Hans Lutsch be 
handelt zum Schluß das Landschaftsbild der nach ihrem 
Kunstwert ewig jungen Kathedrale zu Limburg an der 
Lahn. H. 
Deutsches Märchenland. Kalender für das Jahr 
1923. Mit Zeichnungen von O. Ubbelohde. 
Marburg M. G. Elwert). 
Es ist der dritte und letzte Jahrgang dieses so rasch 
beliebt gewordenen Kalenders. Denn der Künstler hat 
für immer den Stift aus der Hand gelegt, und seine 
letzten Arbeiten soll der nächstjährige Hessenkunstkalender 
vereinigen. Den zahlreichen Ubbelohde-Freunden braucht 
auch dieser Jahrgang mit seinem reichen Bilderschmnck 
nicht noch besonders empfohlen zu werden. H.
	        
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