Full text: Hessenland (35.1921)

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liebten Studenten ist originell (wenn der Baum mit dem 
in seiner Krone verborgenen Lauscher fehlte, die wir aus 
Fritz Reuters „Onkel Bräsig" kennen) und von großer 
humoristischer Wirkung. Pickert muß Silchers Biographie 
genau studiert haben. Er bringt berühmte Zeitgenossen 
von ihm aus die Bühne und läßt Franz Liszt und Uhland, 
ohne zwingenden Grund zwar, aber doch aus einiger 
maßen plausiblen Ursachen vor uns erscheinen. Man 
weiß ja, wie historische Persönlichkeiten, die uns teuer 
sind, wenn sie porträtähnlich zwischen den Kulissen sich 
zeigen, wirken. Darin, in den Aktschlüssen, in mancherlei 
Details zeigt sich der erfahrene Bühnenfachmann. Das 
ganz aus Stimmung aufgebaute Werk läßt diese Stim 
mung keinen Augenblick vermissen. Glaubt man, sie 
könne nachlassen, so ertönt eine der Silcherschen Volks 
weisen Md sie ist wieder da. Uno da der musikalische 
Teil von Wilhelm Vogger sehr geschmackvoll bearbeitet 
ist, fehlte >es nicht an Huldigungen für den Verfasser. 
Die Künstler nahmen sich des Stückes mit kollegialem 
Feuereifer an. Fräulein Keysell erfreute durch ihr 
natürliches Spiel und ihre schöne Stimme, Herr Jür- 
gensen gab dem Silcher patriarchalische Würde und 
herzliches Gefühl, die vier Studenten der Herren War- 
beck, Clemm, Friedrich und Uhlig sorgten für die 
nötige Heiterkeit, und der Verfasser spielte einen alten 
lüsternen Fürsten, dessen Figur eigentlich etwas aus dem 
Rahmen des Stückes fällt. Die Regie, die Herr Pickert 
füh'rte, hatte jede Einzelheit liebevoll bedacht. Alles in 
allem ein Stück, das gewiß über eine Anzahl Bühnen 
gehen und manchen unterhaltsamen Abend bereiten wird. 
Dann gab es die köstliche Satire Thoma's „Moral". 
Wir haben das Stück vor Jahren hier schon im Residenz- 
theater gehabt, es ist erst nach der Revolution für unsere 
erste Bühne möglich geworden. Man kann nicht sagen, 
daß die Satire durch die Umwälzung an Aktualität 
verloren hätte. Nuk würde ein Satiriker von heute sich 
vielleicht — und sicher mit demselben Glück — ein 
anderes Ziel suchen können, als den Cant, die heuchlerische 
Sexualmoral derer, die man früher „die besseren Klassen" 
nannte. Vielleicht schärft Thoma einmal seinen Griffel, 
um die angeblich uneigennützige „Gesinnnngstüchtigkeit" 
im modernen Deutschland dem Gelächter preiszugeben. 
Abgesehen von einigen Längen des ersten Aktes, die den 
Rotstift ruhig vertragen können, ist das Stück mit ziel 
sicherer Bestimmtheit aufgebaut. Daß ein Satiriker über 
treiben muß, weiß jeder, und so wird man denn die 
scharfen Spitzen, mit denen Sittlichkeitsbestrebungen und 
bourgeoise Anschauungsweisen bedacht werden, nicht tra 
gisch nehmen. 
Von den Darstellern sei vor allem des Fräulein 
Storm gedacht, die die Lebedame Ninon de Hauteville 
in Kleidung, Haltung, Ungeniertheit und schlauer Über 
legenheit entzückend verkörperte. Der Fritz Beermann 
des Herrn Berend war in seinen Ängsten sehr glaublich, 
Herr Wehl au gab den Justizrat mit kaustischem Humor, 
Herrn Pape lag der schnodderige Assessorton sehr gut, 
Herr Jürgensen ließ in dem Kammerherrn eine gut 
gesehene Abart des alten aristokratischen Hofmanns vor 
uns erstehen, der Polizeipräsident des Herrn Schräder 
entsprach offenbar den etwas stark auftragenden Absichten 
des Dichters. Der deutschtümelnde Professor des Herrn 
Hellbach allerdings wirkte wenig eindrucksvoll. 
Dann ward uns als Neueinstudierung Grillparzers 
„Des Meeres und der Liebe Wellen" be 
schert. In seiner Selbstbiographie nennt sich Grill 
parzer den größten Dichter, der nach Goethe und Schiller 
gekommen. Vielleicht, wenn er in anderen Verhält 
nissen gelebt, daß er den beiden Unsterblichen gleich 
gekommen wäre. So aber empfinden wir in allen seinen 
Werken etwas Unausgeglichenes. Gewiß, er hat die 
herzbewegende Sage von Hero und Leander mit feinstem 
dichterischen Empfinden zu einer modernen Tragödie 
geformt, er hat den einfachen Konflikt, der ohne' jede 
Künstelei aus der Liebe eines jungen Menschenpaares 
sich ergibt, mit großer Charakterisierungskraft, mit tief 
schürfender Seelenkenntnis gestaltet. Man darf aber mit 
Recht zweifeln, ob dieser in seiner Behandlung modern 
anmutende althellenische Stoff die Synthese von Griechen 
tum und heutigem Empfinden darstellt. Der Verkennung 
ist — wie bei Hebbel — eine Überschätzung des Dichters 
gefolgt. Wir fühlen, er hätte Ewigkeitswerte schaffen 
können und es blieb ihm „ein Erdenrest, zu tragen 
peinlich". Darum kann man auch begreifen, wenn trotz 
der Schönheit »der Sprache,- der Feinheit der Psychologie 
das Publikum nicht mitgerissen wird... Fräulein Hopf 
war nicht nur eine anmutige Hero, sie rührte und be 
wegte, Herr Uhlig war ein feuriger, kraftvoller Leander. 
H. B l u m e n t h a l. , 
Aus Heimat und fremde. 
H e s s i s ch e r G e s ch i ch t s v e r e i n. Der Besuch des 
Herrenabends am 7. Februar wies wegen der Ober 
schlesierveranstaltung in der Stadthalle nicht ganz die 
übliche Stärke auf. Nach Erörterung kleinerer Vereins 
angelegenheiten wies der Vorsitzende General Eisen- 
traut auf die Gefährdung des Schandpfahles in Elms 
hagen bei Hoof hin, wohl des einzigen, der sich in Hessen 
erhalten hat, schilderte die historische Bedeutung dieses» 
für die Kulturgeschichte wichtigen Altertumes, berichtete 
über die von den Herren von Schaumburg in Hoof, 
Breitenbach, Elmshagen und dem Großen Hof bei Martin 
hagen ausgeübte Gerichtsbarkeit und über ähnliche Denk 
mäler, wie Staupsäulen usw. und sprach die Hoffnung 
aus, daß die Gemeinde zu Elmshagen alles tun werde, 
um den Pfahl, an dem in früheren Zeiten besonders 
Feld- und Walddiebe zur Schau gestellt wurden, vor 
weiterem Verfall zu schützen. Auf eine aus der Versamm 
lung heraus gestellte Anfrage erörterte Geheimrat Scheibe 
die seit Jahrhunderten schwebende Streitfrage über den 
Geburtsort des Dichters und Humanisten Eobanus Hessus 
und entschied sich auf Grund aller in Betracht kommenden 
Momente für Halgehausen bei Frankenberg, für das 
namentlich auch Eobanus' Schüler Wigand Lanze und 
sein Biograph Krause eingetreten waren. Amtsrichter 
Rabe teilte eine kulturgeschichtlich außerordentlich auf 
schlußreiche Bittschrift der Gemeinden Weidenbach, Sicken 
berg, Asbach und Hennigerode aus 1611 mit, die um die 
Versetzung ihres Pfarrers baten, dessen trunksüchtige 
Ehefrau durch ihren skandalösen Lebenswandel den kirch 
lichen Wandel der Gemeinden in größte Gefahr gebracht 
hatte. Rechnungsdirektor Woringer entwarf ein 
lebensvolles Bild aus der Geschichte des Schlößchens 
Wabern bei Fritzlar, das Landgraf Karl 1704—1707 als 
Lustschloß für seine Gemahlin Marie Amalie erbaut hatte 
und das seitdem vielfach zum gelegentlichen Aufenthalt 
des Hofes diente. 1753 übernachtete Voltaire auf einer 
Reise von Berlin nach Paris in dem Schloß, und wäh 
rend öes siebenjährigen Krieges diente es wiederholt, so 
dem Prinzen Ferdinand von Braunschweig, zum Haupt 
quartier. Nach dem Krieg brach dann eine neue Glanzzeit 
für das Schlößchen an, indem es durch Landgraf Fried 
rich II. von 1763 bis zu dessen Tod 1785 alljährlich
	        

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