Full text: Hessenland (35.1921)

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die einen so gescheiten Ausweg fanden in aller 
Wirnns des Daseins; zu - sich - selbst - kommen — 
bei-sich-selbst-sein. — Jetzt hätte er den Alten 
gut verstehen können — und hätte auch die schöne 
Henriette nicht nur nach ihrer schlanken Gestalt, 
ihren grauen Augen und ihrer aschblonden Flechten 
krone eingeschätzt . .. 
Henriette Allandt. — Er hatte von seiner Mutter 
erfahren, daß sie „ihr Leben selbst machen müsse", 
da Pfarrer Allandts Kisten und Kasten leer blieben, 
bei seiner Art hauszuhalten — das heißt offene 
Hand und offenes Herz für jeden zu haben, der 
Not liff” Gern hätte Fritz die Scharte ausgewetzt, 
die er an jenem Tag davontrug. Henriette war 
Lehrerin an einer Töchterschule. Er überlegte nicht 
lange. Sie waren beide über diese Dinge hinweg 
gekommen : Liebe, die mit Ärger kämpft — Ärger, 
der die Liebe dämpft — Waren sie es wirklich? 
So suchte er denn Henriette am nächsten Sonn 
tag auf. Er wurde unbefangen willkommen ge 
heißen. Das Zimmer duftete nach Rosen, in dem 
beide saßen. 
„Sie sind billig heuer, es gibt ganze Rosenfelder 
vor den Toren ..." Fritz lächelte wehmütig: „Du 
hast sie ehrlich erworben! Weißt du eigentlich, daß 
ich einmal Rosen für dich gestohlen hatte — und 
einen Vers obendrein?" 
Henriette schüttelte den Kopf: „Nein, nie! Wann 
tatest du es?" 
„Damals — als ich dich unter den Holunder 
lockte, als du lieber auf die Unterhaltung in der 
Laube lauschtest, als auf das hörtest, was ich dir 
gerne gesagt hätte —" 
„Ja — damals, als du mich nicht ernst nehmen 
wolltest." 
„Das weißt du noch?" 
Henriette errötete und sagte ehrlich: „Heute 
kannst du es ja wissen, nach soviel Jahren — wo 
es belanglos geworden ist — es hat mich sehr 
geschmerzt — es war meine erste große Ent 
täuschung, die ich an — einem Mann erlebte. 
Junge Backfische haben ihre Ideale. Ich maß 
dich an Großvater Allandt ..." 
„Und warst bitter enttäuscht?" 
„Ich will dir alles sagen — weil du behauptetest: 
Ignorabimus — strebte ich allein danach, dem 
Leben einen Sinn zu geben und seinen Wert zu 
ergründen." 
„Und fandest ihn?" 
„Bitte, lache nicht — ich besann mich auf mich 
selbst — im Kampf mit den Widerständen — 
diese Worte lagen mir immer im Ghr." 
„Ich lache gewiß nicht — im Gegenteil, ich 
denke, wie töricht und glücklich ich damals war. 
Heute bin ich nicht glücklich und sehr verständig 
und nehme dich ernst." 
Henriette schwieg verlegen. Die Unterhaltung 
hatte eine Wendung genommen, die sie nicht vor 
ausgesehen hatte. 
Fritz fragte: „Du bist nun glücklich?" 
„Ich freue mich, daß wir heute auf gleich und 
gleich stehen." 
„Du meinst, das genügt nun — für alle Zeiten? 
Sagte nicht Großvater Allandt: ,Wo die Liebe 
erwacht, stirbt das Ich?*" 
„Ich verstehe dich nicht!" Henriette schlug die 
Augen nieder, denn sie war in diesem Augenblick 
nicht ganz aufrichtig. 
„Bleiben wir bei deinem Ideal, Henriette. Der 
Alte sprach an jenem Morgen, als er mich am 
Ghr zog: ,Es ist wirksamer, aus Eignem Un 
gereimtes zu geben, als einen Dichter zu zitieren 
— in so eigenster Angelegenheit — ‘ und wenn man 
liebt. Ich rede ganz ungereimte Dinge, Henriette — 
aber ich befolge die Vorschriften deines Großvaters." 
Henriette wehrte nicht ihrem Jugendfreunde, als 
er ihre Hand nahm, um sie an seine Lippen zu 
führen und dann zu sagen: „Du hast mir den 
Sinn und Wert des Lebens erschlossen." 
Am andern Tag gingen die beiden nach jenem 
Friedhof, der mitten im lauten Getriebe der Groß 
stadt liegt. Sie standen unter dem Holunderbaum. 
Das Grab war zerfallen, auf dem er wuchs, kein 
Stein verkündete den Namen des Schläfers, der 
dort ruhte. 
Einen Strauß Rosen kaufte Fritz von der Blumen- 
' frau, die an der Mauer saß, und Henriette legte ihn 
auf den Hügel, der Frau Hollens heiligen Baum trug. 
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Staatliches Theater. 
Es ist modern geworden, verstorbene Komponisten auf 
die Bühne zu stellen und durch Vorführung ihrer volks 
tümlichen Melodien Effekte zu erzielen. Gustav Pickert, 
über den wir uns in so mancher komischen Rolle freuen 
konnten, hat dieser Mode seinen Tribut gezahlt. Nach 
dem wir Schubert und Haydn in Lebensgröße auf den 
weltbedeutcnden Brettern mitagierend geschaut, zeigt er 
uns in seinem Liederspiel „M a n s a r d e n q u a r t e tt" 
einen Halbvergessenen, dessen Weisen jedem bekannt 
sind, Friedrich Silcher. Die Handlung ist nicht besonders 
tief angelegt, aber sie ist mit großem Geschick so geführt, 
daß das Publikum nie sein Interesse und seine Freude 
am Spiel verliext. Das Schwarzwaldmädel, dessen schöne 
.Stimme Silcher ausbilden will und das deshalb sein 
Dors verläßt, um nach einem etwas unvermittelt ein 
tretenden Herzensabenteuer mit ihrem Jugendgeliebten 
dorthin zurückzukehren, erobert sich schnell die Sym 
pathie der Zuschauer. Der zweite Akt mit den ver-
	        

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