Full text: Hessenland (35.1921)

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die schwarze Nacht hinaus. Im Graben unterhielt 
sich der Leutnant mit den Posten der Kompagnie, 
wovon viele Hessen waren, besuchte den Feind und 
kam nach ein paar Stunden durchnäßt und dreckig 
wieder in den Stollen mit den Worten: „Na, Kon 
rad, nun haben wir dem Franzmann mal wieder 
ein krachendes Nachtwächterlied gesungen und einen 
Haufen Handgranaten gemispelt, und die spektakeln 
doch noch besser als der Base Sabine ihre Tassew- 
scherben!" Vor ein paar Wochen hat mich mein 
Leutnant hier besucht. Er verlor sein rechtes Auge 
beim Rückzug 1918. Da haben ihn ich und Willi 
noch getragen. Mein armer'Kamerad ist dann am 
nächsten Tag von einer Granate zerrissen worden." 
Sabine bemerkt, daß sie sich über den fremden Besuch 
gewundert habe, Anna hätte ihr aber dann erzählt, 
es hätte ein Student Konrad besucht und das sei 
sein Kompagnieführer gewesen und er hätte ihm eine 
Kiste Zigarren mitgebracht. „Die Glocke hat zehn 
geschlagen", fällt ihr Konrad in die Rede. „Der 
Krieg ist vorbei und die Nachtwächterei im Schützen 
graben auch. Also ins Bett!" 
Nach herzlichem Abschied verlassen wir mit den 
andern Gästen die behagliche Stube. Anna leuchtet 
uns noch den glatten Hausstein' hinunter, dann 
läuft sie mit den Worten: „Kommt bald mal 
wieder" zurück, während wir uns beeilen, nach 
Hause zu kommen. „Macht's gut, Sabine, bestellt 
einen schönen Gruß an Vetter Hansjörge, Base 
Annekatharin und euern Rudolf!" In wenigen 
Minuten sind wir daheim. Der Nachtwächter, der 
bei der Linde steht, wünscht uns „Guten Abend" 
und der Steinkauz ruft seinen Eulenschrei vom 
hohen Kirchturm des hessischen Dorfes Süß. — 
Zur Erinnerung an Wilhelm Strippel. 
Von Walter 
Am heiligen Abend verschied in Marburg der 
ehemalige Apotheker Wilhelm Strippel aus Men 
dorf an der Werra. Mit ihm ist ein Hesse von altem 
Schrot und Korn heimgegangen. Seine Familie 
stammt aus Maden, wo sein Urgroßvater Landwirt 
, und Gerichtsschöffe, sein Großvater Bürgermeister 
war. Sein Vater war Pfarrer in Dörnberg bei 
Kassel, verheiratet mit Ernstine Kehr aus Wolfj- 
hagen. Wilhelm Strippel, am 20. Februar 1843 
in Dörnberg geboren, verlor schon mit 13 Jahreni 
seinen Vater und siedelte mit seiner Mutter nach 
Wolfhagen über. Noch in hohem Alter erkannte er 
dankbar den guten Unterricht an, den er dort in der. 
Rektorschule genossen. Nach seiner Konfirmation 
trat er in Allendorf a. d. Werra bei seinem Oheim 
Christian Kehr als Apothekerlehrling ein, war drei 
weitere Jahre in verschiedenen Apotheken, so in 
Grebenstein und Herborn. Ostern 1865 bezog er 
die Universität Marburg, wo die Professoren Wi 
gand, Zwenger und Kolbe seine Lehrer waren. 
Seine Prüfung bestand er in der Wildschen Sonnen-' 
apotheke in Kassel, schlug dann eine ihm von Pro 
fessor Zwenger angebotene Assistentenstelle am 
chemisch-pharmazeutischen Institut in Marburg aus, 
um in die ihm liebgewordene Stellung in Herborn 
zurückzukehren. Bei seinem ausgeprägten Lehr 
geschick und glänzendem Gedächtnis ist es vielleicht 
zu bedauern, daß er ans die akademische Laufbahn 
verzichtete, er wäre sicher ein hervorragender Lehrer 
geworden. 1876 entschloß er sich, die Apotheke in 
Allendorf a. W. zu kaufen. Es gelang ihm, seine 
Apotheke so aus die Höhe zu bringen, daß er eine 
zweite Apotheke in Allendorf aufkaufen konnte. Er 
machte auch einen leider mißlungenen Versuch, die 
Soodener Soole für den Kurgebrauch trinkbar zu 
machen. Nach dem Tod seiner Mutter hatte er sich 
1884 mit Marie Schaub aus Allendorf verheiratet, 
Kürschner. 
die ihm 4 Söhne und eine Tochter schenkte. In 
seinem Hause herrschte ein vorbildliches harmonisches 
Familienleben. Zu der bisherigen Verwandtschaft 
mit den Familien Kehr, Eschstrnth traten nun nwch 
die in Hessen ebenfalls weitverbreiteten Familien 
aus der Verwandtschaft seiner Frau, Schaub, Zülch, 
Most, Baumann u. a.; eine von seinen Söhnen 
während des Weltkrieges geführte Liste aller Vettern 
führt fast 100 an, die im Feld standen, von denen 
19 gefallen sind. Für alle Verwandten hatte er stets 
ein warmes Herz und ein gastfreies Haus. Im 
Jahr 1893 nötigte ihn sein Gesundheitszustand — er 
litt viel an Schlaflosigkeit — seinen Beruf auf 
zugeben; er zog zunächst nach Sooden, in sein dor 
tiges selbst gebautes Haus, und arbeitete, in den 
Gemeinderat gewählt, rastlos wie bisher an der 
Hebung des Bades und der Kinderheilanstalt mit. 
Als seine Söhne heranwuchsen, zog er nach Marburg 
und kaufte in der Ockershäuser Allee ein Haus, das 
er bis zu seinem Tode bewohnte. Seine Herzens»- 
güte und stete Hilfsbereitschaft machte auch dieses 
Haus bald wieder zum Sammelpunkt eines großen 
Freundeskreises und der dort zahlreich studierenden 
Vettern. Mehrere Anfälle von Herzschwäche hatten 
ihn in den letzten Jahren heimgesucht, einem solchen 
ist er dann ohne längeres Kranksein erlegen. Das 
Bild seines arbeitsreichen Lebens würde unvoll 
ständig sein, wollte man seine aufopfernde Tätigkeit 
für die Allgemeinheit außer acht lassen. Bald nach! 
seiner Übersiedelung nach Allendorf gründete er 
dort einen Verschönerungsverein, um die nach 
seinen eigenen Worten einem ungeschliffenen Edel 
stein glerchende schönste Gegend Hessens besser zu 
erschließen. Er fand einige Mitarbeiter, besonders 
den damaligen Oberförster Danz und den Probator 
Neuenroth und ging mit Eifer daran, durch An 
legen von Wegen, Ruhebänken, Schutzhütten, Wege-
	        

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