Full text: Hessenland (35.1921)

Betzel und Kragenjacke, trägt, und läßt den Haus- 
genossen und Gästen noch einmal Kaffee durch ihre 
Tochter einschenken. Während das blonde Mädchen 
ihrer Ellermutter und den andern einschenkt, er 
zählt der Großvater, indem er sich die knochigen 
Hände reibt, als spüre er noch die Kälte: „Ja, 
Kinder, wir hatten es nicht so gut wie ihr. Im 
kalten Winter standen wir vor Sonnenaufgang auf, 
um in der zugigen Scheune zu dreschen. Und um 
uns dann an Kaffee wärmen zu können, mußten wir 
erst da unten im Tal bei der Richelsdorfer Hütte, 
wo drüben Peter seine Wiese hat, Wasser holen, und 
da geht man bald eine halbe Stunde. Während 
dann meine Mutter Kaffee kochte, wurde das Vieh 
gefüttert und danach gab es erst etwas Warmes in 
den Magen." „Das ist nun alles anders geworden", 
beginnt der rotbärtige Bauer, indem er seinem 
Vater die lange Pfeife wieder ansteckt, die ihm bei 
der Erzählung ausgegangen ist. „In ein paar 
Tagen ist ausgedroschen im ganzen Dorf, wenn der 
große „Dampfer" (Tampfdreschmaschine) kommt." 
„Und wir brauchen auch nicht so früh aufzustehen," 
meint das fünfzehnjährige Bauernmädchen, „sondern 
können'uns bald nach Kirmes; ausruhen"; sie be 
merkt, daß ihre Großmutter ausgetrunken haj. 
„Ellermutter, wollt ihr noch einen Kopf Kaffee, 
trinken? Der Born (Wasserleitung) ist ja noch 
nicht eingefroren." „Na ja, es ist eine gute Sorte 
Kaffee, zu Christtag hat ihn unser. Herr Pfarrer 
geschenkt." Wieder hüpft Anna mit der Kanne zu 
seiner Eller und will der betagten Frau ein Stück 
von dem Apfelkuchenberg anbieten, dessen Höhe 
durch den gesunden Appetit seines rotbäckigen Brüder 
chens schon wie Schnee an der Sonne zusammen 
geschmolzen ist, da — — — geht die Tür auf, 
flüchtig erscheint eine Gestalt, und . klirr klirr 
— pump — pump — rollt eine Menge der ver 
schiedensten Dinge über- den Boden unter Stühle, 
Tisch, Schrank und Bänke. Die jungen Leute stürzen 
zur Tür hinaus hinter der Erscheinung her, die sich 
schleunigst aus dem Staube gemacht hat. „Peters 
tag, Peterstag!", rufen mehrere Stimmen durch 
einander. Die Mutter sammelt die Schätze, die der 
flüchtige Geber „gemispelt", d. h. zur Türe hinein 
geworfen hat, in vinen großen Korb. Das ist aber 
ein buntes Durcheinander: Erbsen, Rüben, Bohnen, 
Linsen, Äpfel und als besonders geeignete Lärm 
erreger viele Scherben, die beim Fallen in tausend 
kleine Stücke zersprungen sind und nicht mehr er 
kennen lassen, ob sie Teller, Schüsseln oder Tcsisen 
gewesen sind. 
Nachdem die Gaben gesondert sind, kommen Anna 
und Heinrich zurück, Base Sabine in ihrer Mitte. 
„Ich bin gesprungen, so schnell meine Beine konnten, 
aber es hat mir doch nichts geholfen", berichtet die 
Base und wird zur Belustigung aller nach uralter 
Sitte mit.. Ruß im Gesicht schwarz gemacht von 
dem kleinen Heinrich, der siegesfroh ausruft: „Wenn 
ich auch erst über deine Erbsen gestolpert bin, so 
haben wir dich doch noch unten an der Tränke, wo 
Barths Anna wohnt, gekriegt, und jetzt wirst du 
schwarz gemacht." „Heute am Peterstag mußt du 
dir das schon gefallen lassen," sucht Anna die Tante 
zu begütigen; „du weißt ja, wer sich beim Mispeln 
erwischen läßt, bekommt einen schwarzen Anstrich." 
Heinrich vollendet lachend sein Werk und läßt dann 
die Tante sich neben seine Mutter setzen. Es ent 
spinnt sich ein lebhaftes 'Gespräch zwischen alt und 
jung, alle wärmen ihre Kehlen am „Tränchen", 
besehen und loben die gemispelten Gaben. Base 
Sabine, die sich vom Laufen und vom Anstrich 
wieder erholt hat, preist die gute Ernte des vorigen 
Jahres, und die Großmutter erzählt dann in ihrer 
gemütlichen Art, daß auch schon in ihrer Jugend 
am Abend des Peterstages gemispelt wurde, und 
schließt daran eine Mahnung an ihre Enkel: „Als 
unser Heiland auf einer Wanderung den Petrus 
aufforderte, ein auf dem Weg liegendes Hufeisen 
aufzunehmen, und dieser Jünger es nicht tat, nahm 
der Herr es selbst mit und kaufte für das Geld, 
das ihm nachher ein Schmied für das Eisen gab, 
schöne Kirschen. Diese warf er dann einzeln auf 
die Straße, und wie Petrus sich nach jeder bücken 
mußte, so müßt ihr euch auch oft nach den ge 
mispelten Geschenken bücken und dürft nicht die 
Mühe scheuen, wie es'zuerst Petrus tat, sondern 
sollt immer eifrig und fleißig sein wie eure Eltern." 
Indem die Großmutter ihre mit lebhaften .Hand 
bewegungen begleitete Rede schließt, dringt von der 
mondhellen Dorfstraße herein der Ruf des Nacht 
wächters: 
„Hört, ihr Herren, und laßt euch sagen: 
Die Glock' hat zehn geschlagen. 
Bewahrt das Feuer und auch das Licht, 
Daß der Gemeinde kein Schaden geschicht, 
Und lobet Gott den Herrn!" 
Konrad, der wegen seines aus dem französischen 
Schützengraben stammenden Rheumatismus am Ofen 
sitzt, macht aus das Wächterlied aufmerksam. Wenn 
wir irm.Krieg in der Champagne oder Flandern in 
Stellung lagen, hat abends so oft mein Leutnant zu 
mir gesagt: „Jetzt singt zu Hause in den Hessen 
dörfern der Nachtwächter, da geht nun hier meine 
Arbeit erst recht los. Laß das Feuer nicht aus 
gehen und setze den Rübeneichelcichorienersatzkaffee 
auf den Ofen, denn draußen ist's kalt und naß. 
werde ich auch, wenn ich mit Willi, Walter und 
Rudolf auf Patrouille gehe und durch Schlamm, 
Granatlöcher und Stacheldraht krieche." Willi und 
die anderen Ordonnanzen gingen dann mit ihm in
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.