Full text: Hessenland (35.1921)

Hessisches Heimatsblatt 
Zeitschrift für hessische Geschichte, Volks- und Heimatkunde, Literatur und Kunst 
Nr. 2 35. Jahrgang Februar-Heft 1921 
Die letzten Tage Kurfürst Wilhelms I. 
1' 27. Februar 1821. 
Von Dr. Philipp Losch. 
Als 70jähriger Greis war Kurfürst Wilhelm I. 
1813 nach Kassel zurückgekehrt. Dort sollte wieder 
alles so werden wie vor sieben Jahren. Aber er 
selber war auch nicht mehr ganz der alte wie da 
mals; die Jahre, in denen er sich in heißer Sehn-, 
sucht nach dem Lande seiner Väter verzehrte, waren 
nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Schon seine 
äußere Erscheinung zeigte das. Eine dicke Backen 
geschwulst hatte sein Aussehen nicht zu seinem Vor 
teil verändert. Sie datierte angeblich von einem 
Fall im Jahre 1809 bzw. einer Gesichtsrose aus 
dem Jahre 1811 her und wurde im Laufe der Jahre 
immer stärker und unförmlicher, vom linken Ohre 
bis zum Halse reichend? An . sich ungefährlich, 
ein gutartiges Lipom, entstellte der „Schwamm 
backen" die sonst so regelmäßigen Züge des Fürsten 
arg und gab den Anlaß zu manchen despektierlichen 
Witzen und Spitznamen für den „Knotenkurfürsten". 
Abgesehen von diesem ihm selbst sehr lästigen de- 
figurement de Physiognomie war Wilhelm merk 
würdig rüstig für sein Alter geblieben, wenn ihn 
auch sein alter Feind seit den 90er Jahren, das 
1 Das Gewächs wog bei der Sektion nicht weniger als 
2 Pfund 14 Lot. 
Zipperlein, öfters heimsuchte und zuweilen arg, 
plagte. Dagegen brauchte er seine alljährlichen 
Badekuren, früher in Wilhelmsbad und Nenndorf, 
jetzt meist in Hofgeismar, wo er mit seinem Lieb 
lingsbruder, dem Landgrafen Karl, zusammenzu 
treffen pflegte. Dessen geheimnisvolle Lebenselixiere, 
die den Landgrafen ein sehr hohes Alter erreichen 
ließen, verschmähte der Kurfürst freilich trotz allen 
Zuredens noch immer, lebte aber sonst sehe für seine 
Gesundheit, ohne sich jedoch so zu schonen, wie es 
die Ärzte von ihm verlangten. Er war nicht gut 
auf seine „Äskulaps" zu sprechen, die ihm seine 
Podagraschmerzen nicht abnehmen konnten? Bis an 
sein Ende stand er sehr früh auf, ging gleich an 
die Arbeit, machte sich aber dabei möglichst viel 
Bewegung in der frischen Luft. Sah man ihn auch 
nicht mehr wie früher hoch zu Roß, so fuhr er doch 
täglich aus, nach Wilhelmshöhe oder sonst in die 
Umgegend, ging viel spazieren und fehlte in Kassel 
2 „. . . sind und bleiben nur Zuschauer, wenn ihr 
Herr Tag u. Nacht duldet . . . predigen ihre alte Leyer. 
Da soll alles von selbst vergehn, u. Mutter Natur will 
doch angetrieben werden, wozu andere subseato wie die 
Leibärzte concurriren müssen" (Tagebuch 1804). Im 
Mai 1820 konsultierte er den berühmten Hufeland.
	        

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