Full text: Hessenland (33.1919)

wüj 75 
Von alten literarischen Freundschaften blieb ihr > 
vor allem Therese Huber geb. Heyne treu. Im 
Jahre 1827 fyatte Therese sie aufgefordert, Skizzen 
aus ihrer Jugendzeit niederzuschreiben. In Philip- 
Pinens Antwort heißt es u. a.: „Mißtrauen gegen 
meine Schreibart, die wohl nicht das Gepräge der 
neuern Mode führt, und die langjährige Gewohn 
heit, bei Handarbeiten die Feder zu versäumen *— 
werden es wohl nie dazu kommen lassen. (In 
Güttingens ja da galt ich wohl etwas. Der brave 
'Zöllner, der witzige Nikolai, der hochberühmte 
Johannes von Müller, der süß dichtende Salis, 
der mir so viel Schönes von seiner Schwester 
sagte, o so mancher Berühmte und Beliebte der 
Zeit begrüßte mich sin Kassels. Aber sie ist lange 
lange vorbei, diese Zeit. Kein Huhn und kein 
Hahn kräht nach mir." Ein andermal schlägt 
ihr Therese vor, einen Roman zu schreiben: „Sehr 
anziehend könnte es sein, wenn Sie bei Ihren: 
seltnen Talent, die Gefühle des Familienlebens 
zu schildern — wie Ihre Poesien beweisen — einen 
rein bürgerlichen Roman aus den Zeiten Ihres 
Jugendlebens schrieben. Unter bürgerlich verstehe 
ich einen solchen, der Hof- und Kriegstheater nie 
berührt. Unsre Jugendgenossen sind fast ohne 
Ausnahme dahin — die Sitte von 1770 bis 1780 
etwa auf der Universität Göttingen, den kleinen 
Städtchen, den ländlichen Orten zu schildern — 
wäre eine sehr anziehende Unternehmung, und 
Sie könnten dabei bald als Geißel, bald als Ehren 
denkmal Ihre Feder gebrauchen. Das Netz der 
Geschichte müßte Ihre Fantasie tveben, die Aus 
malung fänden Sie hundertfach in Ihren Erinne 
rungen. Ich hätte das schon selbst getan, wenn 
mein Lebensweg nicht zu romantisch gewesen wäre. 
un: zu» einem Roman zu taugen. Gott erhalte 
Ihnen Ihre Gesundheit, Ihren raschen Gang, 
Ihre blonden Haare und Ihre freundschaftlicher: 
Gesinnungen für Therese Huber." Aber so treff 
lich Philippine auch.einzelne Stimmungen der Na 
tur und des Gemüts zu schildern vermochte, zu 
einer Romanschriftstellerin war sie nicht geschaffen. 
Zn den später erworbenen Frermdinnen gehörte 
Sophie von Laroche, die ihr schreibt: „Ich livNe 
unendlich, daß Sie fo> gern und so lieb von Kin 
derstuben und Hauswesen sprechen können, es ist 
immer die erste, schönste und wichtigste Bestimmung 
unsres Geschlechts." In ähnlichem Sinne sind die 
Briefe von Frau von der Recke, der Freundin 
Tiedges, gehalten, zu der Philippine eine ganz be 
sondere Zuneigung empfand und der sie nach 
einem Besuch in Kassel ein Lied widmete. Bei 
Engelhards jüngstem Kinde stand Frau von der 
Recke Gevatter, das nach ihr den Namen Elise 
erhielt. 
Merkwürdig ist, daß sie nicht einmal den Be 
such erwähnt, den Goethe ihr gemacht hat. Auch 
in dem Lebensabriß, den ihr Enkel herausgab, 
kommt er nicht vor. Goethe ivar mit ihrem Neffen, 
dem Baumeister Engelhard, befreundet, dessen Per 
sönlichkeit dem Dichter zu dem jungen, das Be 
gräbnis Ottiliens leitenden Architekten in den 
„Wahlverwandschaften" als Vorbild gedient hat. 
Es ist ja freilich verständlich, daß der alternden 
Dichterin das Zusammentreffen mit den: großen 
Heroen der deutschen Literat::r nicht den ent 
sprechenden Eindruck gemacht hat, er gehörte eben 
Nicht zu dem Kteise ihrer Jugend, in dem sie sich 
allein wohl und zu Hause fühlte. 
(Fortsetzung folgt.) 
Deutschlands erstes. Findelhaus. 
Von Paul Heidelbach. 
Die in jüngster Zeit wieder aufgenommenen 
Bestrebungen zur Errichtung von Findelhäusern 
wecken die Erinnerung an das von Landgraf Fried 
rich II. bald nach dessen Regierungsantritt 1761 
ln Kassel errichtete Akkouchier- und Findelhaus, 
für dessen Aufnahme das vou Berlevschfche Freihaus 
neben dem reformierten Waisenhaus in der Unter 
neustadt angekauft wurde. Es bezweckte in erster 
Linie die Verhütung des Kindesmordes und war 
lange Zeit das einzige seiner Art in Deutschland, 
demjenigen zu Paris ebenbürtig und weit gemein 
nütziger als das in seinen Zielen eingeschränktere 
Findelhaus zu London. Es nahm neugeborene 
oder nur wenige Wochen alte Kinder auf. An 
seinem Eingang befand sich ein sog. Torno, ein 
Drehkreuz, in das nachts oder abends die Kinder 
unbemerkt gelegt werden konnten, worauf sich die 
Öffnung nach dem Inneren des Hauses drehte 
und, wie es in: „Reglement" hieß, „mittelst einer 
daran zu bevestigenden, zu gleicher Zeit dadurch 
in Bewegung zu bringenden Glocke ein Zeichen ge 
geben werden könne, wodurch die inwendig woh 
nenden Wärter zu gleichbaldiger Einnehmung des 
Kindes herbey gerufen, wie dann auch zur Vor 
sorge und Verhütung alles Unglücks, wann etwa 
ein Kind ohnversehens aus dem Torno fiele, in 
wendig ein Bett unter denselben zu stellen, der 
Torno selbst aber, sobald als das Kind aufge 
nommen worden, mit der offenen Seite wieder 
herauszudrehen ist. Bey der also zu bewerkstel-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.