Full text: Hessenland (32.1918)

Frederic ä la gloire alliant les verfcus, 
Da Sage et du Heros offre ici le modele, 
Dans ce marbre anime par un ciseau fidele 
Nous voyons Ptolemee, Auguste avec Titus 7 . 
Der Bibliothekssekretär Strieder vermochte mit 
seinem sachverständigen Urteil nicht durchzudringen. 
Mer außerhalb Kassels wurde man doch aus 
den Unfug, den die Beiden trieben, aufmerksam 
und trat ihm Entgegen. In der „Gothaer gelehrten 
Zeitung" erschien im 6. Stück des Jahrgangs 
1781 zuerst ein Aufsatz, der auf das unglaubliche 
Treiben Luchets und Nerciats aufmerksam machte. 
Dann widmete ihm Schlözer in seinem „Brief 
wechsel" (Heft XEIV) eine Betrachtung, die mit 
den Worten schloß: 
„Falls sie (nämlich die Mitteilungen der 
Gothaer gelehrten Zeitung) wider alles Berhoffen 
wahr sein sollten, so ersuche man um die Namen 
derjenigen Herren, die obbemeldete neue Einrich 
tungen vorgeschlagen und- ausgeführt haben. Denn 
tröstlich wäre es immer für uns Deutsche, wenn, 
wie die Sage gehet, nicht Deutsche, sondern un- 
gelehrte Ausländer, dergleichen öffentliche 
Lächerlichkeiten über eine deutsche Hauptstadt 
brächten, die bekanntlich recht viele gelehrte 
Deutsche hat, bei denen also jene Ausländer de 
clinieren, und noch viel mehr, lernen könn 
ten." 8 
Darauf wandte sich Nerciat unterm 22. Februar 
1781 in einem in französischer Sprache abgefaßten 
Schreiben an Schlözer, in dem er sich als einer 
der beiden Schuldigen bekannte, sich darauf berief, 
daß er ja nicht im Bibliothekswesen ausgebildet 
sei und deshalb für seine Person für die vorgekom 
menen Fehler nicht in vollem Umfange verant 
wortlich gemacht werden könne und verbat sich 
schließlich den Ausdruck „ungelehrte Ausländer", 
den er mit „ignorante - etrangers" übersetzte. 
Schlözer antworteteihm privatim in recht höflicher, 
aber auch recht höhnischer Weise (er schreibe deutsch, 
um nicht bei Anwendung der französischen Sprache 
eine „Exeuropaeane“ zu machen), daß er in letz 
terem Punkte im Irrtum sei. „Ungelehrt" heiße 
nicht „ignorant", es deute nur den Mangel solcher 
literarischen Kenntnisse an, die dem Gelehrten von 
Profession unentbehrlich seien, z. B. Kenntnis der 
lateinischen Sprache, Bücherkenntnis usw., also ge- * * 
7 Man könnte den Vers etwa, wie folgt, wieder 
geben : 
Da Friedrich mit dem Ruhm die Tugenden verbindet, 
Man hier des Weisen Bild und das des Helden findet, 
In diesem Marmor hier des Titus Bild erscheint 
Mit Ptolemäus' Bild und dem Augusts vereint. 
* Der ganze Schriftwechsel ist abgedruckt ber Strieder, 
Grundlage zu einer hessischen Gelehrten - Geschichte, 
Band 8 , S. 127 ff. 
rade derjenigen Kenntnisse, die d-en beiden Fran 
zosen abgingen. Im übrigen erhielt er seine Be 
urteilung der Luchet-Nerciatschen Bibliothekseim- 
richtung aufrecht. Auch an die Leitung der „Go 
thaer gelehrten Zeitung" hatte sich Nerciat mit 
einem ähnlichen, namentlich auch den von ihm 
mißverstandenen Ausdruck „ungelehrte Ausländer" 
zurückweisenden Brief gewendet, der im 26. Stück 
dieser Zeitung vom Jahre 1781 abgedruckt wurde, 
wobei die Schriftleitung ebenfalls auf ihrem bis 
herigen Standpunkte stehen blieb. 
Wenn die beiden Schreiben Nerciats auch keines 
wegs geeignet waren, die Fehler der beiden Bi 
bliothekare in milderem Lichte erscheinen zu lassen, 
so läßt sich doch nicht leugnen, daß sie wenigstens 
den Beweis lieferten, daß es Nerciat nicht an Ehr 
gefühl fehlte. Über Lochet läßt sich ein so gün 
stiges Urteil nicht fällen. Er stellte sich nicht nur, 
als ob ihm von den Angriffen der deutschen Ge 
lehrten überhaupt nichts bekannt sei, sondern er 
ließ sogar seinen Unwillen über Nerciats Beneh 
men an diesem aus. Er suchte ihn bei Hofe un 
möglich zu machen, entzog ihm die Mitwirkung 
bei der Leitung der Bibliothek, die ihm als Unter 
bibliothekar zustand, und verwendete ihn als ein 
fachen Bibliotheksbeamten. Nerciat ließ sich das 
wohl oder übel gefallen, suchte sich aber aus diesem 
drückenden Verhältnisse zu befreien. Dies gelang 
ihm aber erst im Juni 1782, in welchem Monate 
er in die Dienste des Landgrafen Karl Emanuel 
von Hessen-Rheinfels-Rotenburg trat, und zwar 
als — Oberbaudirektor. Vom Bauwesen verstcnrd 
er ja nun wohl ebensowenig als vom Bibliotheks 
wesen, aber die Eigenschaft als Franzose genügte 
ja damals als Befähigungsnachweis für jede Stel 
lung im Dienste der meisten deutschen Fürsten. 
Nerciat blieb in seiner neuen Diensteigenschaft 
in Kassel wohnen. Wer der neue Posten behagte 
ihm doch nicht recht. Die Erfahrung als Bi 
bliotheksdirektor mochte ihm doch wohl Bedenken 
erwecken, ob er sich nicht als Oberbaudrrektor 
ebenso lächerlich machen würde. So gab er denn 
die neue Stellung wieder auf und kehrte, nachdem 
seine Ehefrau 1782 in Kassel im Wochenbette ge 
storben war, im Jahre 1783 nach Paris zurück, 
wo er sich in zweiter Ehe mit Maria Anna An 
gelika Condamin de Chaussan verheiratete. Er 
widmete sich wieder der Dichtung und der Musik 
und unterhielt noch viele Verbindungen mit klei 
nen deutschen Höfen, namentlich auch mit dem von 
Pfalz-Zweibrücken. Trotzdem seine Tätigkeit und 
sein Mzug aus Deutschland ja nicht gerade sehr 
ehrenvoll gewesen waren, zeigte er sich in seinem 
Urteil über die Deutschen anständig. In seinem 
„Monrose" schreibt er: „Die Deutschen haben mich
	        
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