HMenland
Hessisches Heimaisblatt
Zeitschrift sür hessische Geschichte, Volks- und Heimatkunde, Literatur und Kunst
Nr. 17/18. 32. Jahrgang. September-Doppelheft 1918.
Ein Sommersonntag in Breitenbach am Herzberg im Jahre 1579.
Vortrag des Ortspfarrers Paulus gelegentlich einer Gemeindeveranstaltung.
Im Jahre des Heils 1579 war die Breiten
bacher Pfarrstelle durch den Tod ihres bisherigen
Inhabers verwaist. Dem damaligen hessischen
Landgrafen Wilhelm IV. war zu Ohren gekommen,
daß die Junker Karl und Johann Adrian von
Dörnberg die Stelle ohne die Mitwirkung des
Landesherrn oder seines Superintendenten neu zu
besetzen gedächten. Wilhelm sah in dieser Absicht
ein Glied in der Kette des adligen Bestrebens,
ihren Lehnsbesitz dem Einfluß des Landesherrn
in jeder Beziehung möglichst zu entziehen, und
beschloß deshalb, der junkerlichen Eigenmächtig
keit bei der Besetzung der Pfarrstelle zu steuern.
Zur beginnenden Erntezeit, wohl am 26. Juni,
ritt daher an einem Sonntag - Nachmittag der
landgräfliche Schultheiß von Neukirchen mit seinem
Diener Gerhardt Bidenkopf in Breitenbach ein,
um hier "Erkundigungen nach der bisher üblichen
Art der Pfarrbesetzung einzuziehen. Er läßt sich
den Weg zu dem Hause des Opsermanns Widekindt
Oeße, der gleich oben im Dorf wohnte, zeigen.
Vor der Haustür stand des Opfermanns Frau,
die am Sonntag-Nachmittag ein Schwätzchen mit
einem Breitenbacher hielt, der den unsern Kriegs
ohren so verlockend klingenden Namen Speckheinz
führte. Der Schultheiß erfuhr nun, daß Wide
kindt selbst an dem betreffenden Sonntag auf dem
Herzberg bei den Junkern war. Deshalb führte
aus Begehren der Reiter Speckheinz sie vor das
Haus des Heimbürgen (Ortsvorstehers) Klaus
Wettlaufer, der zugleich Wirt war. Sie brauchten
nicht in das Haus einzutreten. Der über 80 Jahre
alte Heimbürge saß auf seiner Schwelle. Man hört
manchmal einem Gastwirt das zweifelhafte Zeug
nis ausstellen, er sei sein bester Gast. Es scheint,
als ob man auch unserm alten Klaus mit diesem
Urteil nicht Unrecht getan hätte. In jener Stunde
war er jedenfalls gar trunken und gab dem Schult
heißen, der vom Pferde gestiegen war und seine
Fragen an ihn richtete, entsprechend ungebührliche
Antworten. Auf des Neukirchners erste Frage, ob
schon ein neuer Pfarrer angenommen sei, antwor
tete der Alte, offenbar in der Meinung, einen
stellenlüsternen Geistlichen vor sich zu haben:
„Willst Du ein Pfaff hier werden, mußt Du es
an andreren Orten suchen." Und als er erfuhr, wen
er vor sich hatte, machte er anzügliche Bemerkungen
über die Neugier der landgräflichen Diener, die
sich in alles hineinmischen wollten. Speckheinz
suchte die Ungebühr seiner-Worte durch den Hin
weis auf den Zustand des Alten abzuschwächen
und erbot sich zur Auskunft. Er konnte angeben,
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