Full text: Hessenland (32.1918)

Nanny noch lehnte. Der Mond schien dem Mädchen 
gerade ins Gesicht und zeichnete mit weichem Finger 
die hochgeschwungnen Brauen, die schmale Stirn, 
über der das Haar wie zwei Rabenflügel lag, die 
vollen Lippen und das kindliche Gval über dem 
feinen Mädchenhals nach. Aus den weitgeöffneten 
Augen flössen langsam einzelne glänzende Tropfen. 
Sie fielen auf die Fensterbank, ohne daß das 
Mädchen sich rührte, sie abzutrocknen. Es war 
das kein Weinen, es war das Überlaufen eines 
Gefäßes, das nichts mehr fassen kann. 
„Du weinst, Nannerl? Geh, sei gut." Margret 
sprang aus dem Bett und umschlang die Freundin. 
Da schien sie aufzuwachen. Mit einem Seufzer 
drückte sie sich an die andere, bedeckte deren Gesicht 
und Hals mit Küssen und schluchzte: 
„Ich halt's nicht mehr aus, so ein Tag wie der 
andere! Ich hab' so Sehnsucht, so Sehnsucht!" 
(Fortsetzung folgt.) 
Aus alter und neuer Zeit. 
Eine st i l l e Stadt. Unter diesem Titel bringt 
Heinrich Becker-Hamburg in der „Nordd. Allg. Ztg." 
das folgende anschauliche Stimmungsbild: 
Millionen stehen an den Fronten, aber wer will 
sagen, daß es in den Straßen der Großstadt stiller 
geworden sei. Lediglich das Bild der Straße ist anders 
geworden; das Alltagsgrau hat sich in Feldgrau ge 
wandelt. Und doch gibt es Städte, die wie ausgestorben 
sind, die der Fremde, der sie im Frieden besucht hat, 
im Kriege nicht wieder erkennen würde, weil mit der 
Jugend, deren Treiben ihnen Prägung und heiteren 
Glanz gab, das Leben aus ihnen geschieden ist. Ich 
meine jene kleinen Universitätsnester, darin der deutsche 
Student sein fröhlich-ungebundenes Leben führte. Auch 
die wirtschaftlichen Folgen des Krieges sind anderwärts 
kaum so wie dort fühlbar geworden. Industrie und 
Handel spielten im Frieden häufig nur eine unter 
geordnete Rolle, und das Gedeihen des gewerblichen 
Lebens hing einzig und allein ab vom Besuch der 
Hochschule. In der Zeit des Semesterbeginns war die 
Frage, ob die Studentenziffer sich erhöhen oder ver 
ringern werde, der wichtigste Gesprächsgegenstand an 
allen Stammtischen. Und just wie der Landwirt in den 
Wochen vor der Ernte keinen anderen Gesprächsstoff 
kennt als den, ob der Acker seine Mühe lohnen werde, 
so orakelte man mit unermüdlichem Fleiß über die 
Angelegenheit, die an Wichtigkeit jede andere weit über 
traf. Dann kam der Krieg; die Hörsäle leerten sich, die 
bunten Mützen verschwanden aus dem Straßenbild, 
und während früher jeder Tag ein Festtag zu sein schien, 
hat jetzt Langeweile dem ganzen Leben ihren Stempel 
aufgeprägt. 
Ich kenne eine solche Stadt, aus der so Jugend und 
Fröhlichkeit entschwunden sind. Ihr Name läßt manchem 
Inhaber von Amt und Würden das Herz schneller 
schlagen, weil ihm, sobald dieser Name genannt wird, 
immer wieder die Melodie von der alten Burschenherr 
lichkeit in den Ohren summt. Aber neben den Er 
innerungen an frohe Jugendjahre erwacht bei ihrem 
Namen die Sehnsucht nach dem Frühling mit den tau 
send Wohlgerüchen aus lauschigen Gärten, mit dem 
Grün der Buchen- und Eichenwälder, die diese Stadt 
umgeben, und nach der Romantik ihrer alten Straßen, 
durch die es ein gar schweißtreibendes Klettern ist, hinauf 
nach dem verwitterten Schlosse, das dort über der Stadt 
thront. Die Baumeister, die die Häuser in diesen 
krummen Gassen errichtet haben, sind recht erfindungs 
reiche Leute gewesen, die sich und ihren Bauherren zu 
helfen wußten, wenn die Unebenheiten des Bodens gar zu 
schwierige Ausgaben stellten. Da haben sie einfach statt 
einer zwei Haustüren gemacht, die eine zu ebener Erde, 
die andere im Dach, so daß man durchs Dach gleich 
auf die dort oben vortiberführende Straße treten kann. 
Das ist gar lustig anzusehen und mutet an wie eine 
Variation der Geschichte vom Ei des Kolumbus. 
Diese närrische Stadt, die ausschaut wie ein Wirklich 
keit gewordenes Gemälde von Spitzweg, ist Marburg 
an der Lahn. Wer sie noch nicht kennt, der sollte, 
wenn sein Weg ihn dorthin führt, es so einrichten, 
daß er zur Nachtzeit anlangt. Wenn der Mond sein 
Licht in die alten Gassen gießt, gehört nicht viel 
Phantasie dazu, sich in jene überschwengliche Stimmung 
zu versetzen, aus der heraus Clemens Brentano einmal 
in einem Brief an Bettina schreibt: „Nein, es ist 
auf dem Papier nicht zu erschwingen, was ich brauchte, 
Dir zu sagen, was man hier in einer Minute empfinden 
kann; ich möchte in einer Minute wahnsinnig und 
gescheut, dichtend und liebend und spottend und lebend 
und sterbend sein, um Dir dies Leben recht wieder zu 
zuströmen." Auch heute noch liegt ein Duft dieser-Stim 
mung über der ganzen Stadt. 
Die Universität Marburg war die erste Hochschule, 
an der Luthers Evangelium gelehrt wurde. Ihr Grün 
der, Landgraf Philipp der Großmütige, ist als der Be 
schützer des Reformators in der Geschichte bekannt. Eine 
Ahnfrau dieses Fürsten, die Landgräfin Elisabeth von 
Thüringen, war jene Heilige, die in Marburg, dem 
Ort ihres wohltätigen Wirkens, den Grundstein zu einem 
der schönsten Denkmäler frühgotischer Kirchenbaukunst 
gelegt hat. Das Lied aus Stein, so hat der Literatur 
historiker Vilmar den Dom einst genannt. 
Im Frieden ist in Marburg jedes neunte Menschen 
kind ein Bruder Studio. Die Universität steht im 
Mittelpunkt des Lebens und ist untrennbar mit ihm 
verbunden. Es gibt da ganze Straßen, wo jede Fa 
milie ohne Ausnahme einen Studenten bei sich auf 
genommen hat. Noch vor wenigen Jahrzehnten, als 
der Stand der Ackerbürger den größten Teil der Be 
wohner ausmachte, galt es in Marburg als ein Charak 
teristikum des Vollbürgers, daß zu seinem Hausstand 
eine Ziege, ein Kanarienvogel und ein Student gehörte. 
jUnd wer an einen Studenten vermietet hat, der redet 
auch heute noch nicht von seinem Mieter, sondern 
vom „Herrn", was in diesem Falle gleichsam als der 
Ausdruck des eigenen Standesbewußtseins aufzufassen ist. 
An einen Jünger der Alma mater Philippina zu ver 
mieten, ist bei den alteingesessenen Familien altüber 
lieferte Tradition. Und diese Studentenbuden in den 
oft vielhundertjährigen Häusern haben samt und sonders 
ihre Geschichte. Ganze Generationen von Musensöhnen 
haben darin gehaust, und manchmal sind sie wahre 
Raritätenkammern an kulturhistorischen Schätzen. 
Von den 2500 Studenten, die Marburg im Frieden 
zählt, sind nur wenige hundert übrig geblieben. Es
	        
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