Full text: Hessenland (30.1916)

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hatten sich infolge falschen Alarms in die alte 
Stellung zurückgezogen. 
Und nun ging ein Jnfanterieschnellfeuer von 
den Franzosen aus, daß ich glaubte, meine letzten 
Minuten seien gekommen. Keine Hilfe weit uub 
breit, kein Mann von uns in der Nähe, es. war 
furchtbar. Eine Leuchtkugel ging hoch. 2 Minuten 
stand sie mit ihrem Fallschirm blendend über mir, 
alles taghell erleuchtend. Ich Preßte mich an den 
Boden, meine Pulse hämmerten, ich sehe, wie 
eine Sternschnuppe fällt, und denke dabei an da- 
daheim, daß es nun au ein Abschiednehmen geht. 
Sssss.. sausen die Salven über uns beide weg. 
Und da kracht auch schon das erste Schrapnell 
über mir. Jnfanteriefeuer ist nicht, schlimm, Ar 
tillerie ist schrecklich. Eine Viertelstunde haben wir 
so nebeneinandergekauert gelegen, da ließ das 
Feuer nach. Nicht einen Mann Verluste haben wir 
dank der Deckung in den Schützengräben gehabt. 
Ich suchte mir meine Patrouille zusammen. Die 
lag hinter den Schützengräben im Straßengraben. 
Ich trieb die Leute wieder auf ihre Posten und 
habe vier bis fünf Stunden- völlig durchnäßt dort 
vorn gelegen. An unserm Mut und unserer Ent 
schlossenheit hing das Schicksal von 1000 Manu. — 
Ich bin wegen meines Verhaltens heute vom Ober 
leutnant und sämtlichen Offizieren gelobt worden, 
L. und H. werden zu Gefreiten befördert. Ich 
habe für einige Tage Ruhe bekommen. Ich darf 
in den nächsten Tagen meine Arbeit einteilen wie 
es mir beliebt, und das freut mich. 
Und unserm guten Gott habe ich gedankt, der 
gnädig seine Hand über mir ausgebreitet hielt. 
Lt. Sch. gab mir seine alte Uniform und Wäsche, 
so habe ich trocken bis heute in den Nachmittag 
hinein ausgeschlafen. 
Heute am 8. 4. habe ich allein Ruhetag. Ich 
habe mir Blumen im Garten gepflückt und einen 
warmen Frühlingstag genossen. Beim Marketender 
konnte ich mir eingemachte Pflaumen, Keks, kon 
densierte Milch, Schokolade, Bonbons usw. er 
stehen. Jetzt werde ich erst einmal ein paar Ruhe 
tage gemütlich verbringen. 
Wollt Ihr auch noch wissen, wie wir verpflegt 
werden? Heute gab's morgens guten Kaffee und 
Brot, mittags Erbsensuppe mit Pökelrippchen, 
nachmittags guten dicken Kakao, abends frische 
Blutwurst mit Brot und Kaffee. Außerdem konn 
ten wir uns heute abend wie fast täglich echtes 
Pilsener Urquell kaufen, 1 Liter zu 30 Pf. Wir 
Pioniere werden anständig verpflegt. 
9. 4. 1915. Bei unserer gestrigen Nachtarbeit, 
von der ich befreit war, sind gniä Mann schwer 
verwundet und einer ist gefallen. Sie sind von 
der Infanterie, die uns als Hilfe beigegeben war. 
Desgleichen sagt mir Leutnant Sch., daß unser 
Offizierstellvertreter M. mit 14 Mann gefallen ist. 
Den Vormittag benutzte ich zu einem gemütlichen 
Spaziergang bei blauem Himmel und lachendem 
Sonnenschein nach unserm Schützengraben. Als ich 
bei den Trümmern des früheren Dorfes V. ankam, 
hatte ich Gelegenheit, die Arbeit unserer schweren 
Feldhaubitzen zu sehen. 50 dröhnende Grüße 
schickten sie übers Dorf weg. Als ich in unserm 
Schützengraben ankam, erfuhr ich, daß sie tadel 
los im feindlichen Schützengraben gesessen hätten. 
Ich habe bis 1/2 1 Uhr dort aufgemessen, daun 
habe ich mich auf eine Treppe gegenüber dem 
eleganten Kompagnieführer - Unterstand, der am 
Eingang in Erdnischen mit blühenden Primeln in 
geschmackvollen, glasierten Töpfen geschmückt ist, 
hingesetzt und niein Mittagbrot, bestehend aus 
Speck, Brot, Keks und Schokolade, verzehrt. 
Um 2 Uhr war ich daheim. Ich wurde von 
unserm Oberleutnant zum Kaffee eingeladen, und 
dabei erzählte er mir, daß eine neue Patrouille 
unsere wichtigen Beobachtungen bei der feindlichen 
Sappe bestätigt habe. — Jetzt arbeiten wir nun 
Tag und Nacht, um dem Feind mit der Sprengung 
zuvorzukommen. 
Nachmittags habe ich gezeichnet für unser Kriegs 
tagebuch. 
10. 4. 15. Vormittags habe ich im Schützen 
graben gelegen und die feindliche Sappe durch den 
Laufgrabenspiegcl beobachtet. Es wird seit 4 Tagen 
hinter dem Loche vom frühen Morgen bis zum 
Abend Erde ausgeworfen, ein Zeichen inehr, daß 
der Feind nach Kräften uriniert. Wir arbeiten dem 
aber auch schon entgegen. Tag und Nacht sitzen 
unsere Leute im Stollen oder Schacht, um die 
Sprengung abzufangen. Ob's noch gelingen wird? 
Als ich daheim ankam, wartete meiner eine neue 
Aufgabe. Ich mußte auf Befehl der Division 
sofort wieder in Stellung gehen und die von uns 
vorgestern ausgebaute neue Front aufnehmen. — 
Das war also mein Ruhetag, über 15 Stunden 
Dienst und über 6 Stunden davon allein Fuß 
weg im Laufgraben, der zum Teil halbmeterhoch 
mit Schokoladenschlamm angefüllt war. Ich bin 
abends um 1 / 2 11 Uhr heim. Der Rückweg war 
unheimlich, so ganz allein in weiter Flur, zumal 
ziemlich lebhaft geschossen wurde. Über mich weg 
surrten die Granaten und. Jnfanteriekügelchen, ich 
war froh, als ich im Schlosse ankam und dem 
Oberleutnant Meldung machen konnte. 
11. 4. 15. Heute ist ein einzig schöner, warmer 
Frühlings-Sonntag. Ich habe mir fest vorgenom 
men, heute zu faulenzen, und das scheint mir ja 
auch zu gelingen. Große Generalreinigung habe 
ich vorgenommen, zwei Stunden lang mein Jakett
	        

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