Full text: Hessenland (29.1915)

Zum Andenken Karl Georg Winkelblechs. 
Als am 18. Dezember 1914 der Münchener 
Sozialpolitiker Lujo Brentano seinen 70. Geburts 
tag feiern konnte, widmete ihm die Frankfurter 
Zeitung einen Gruß zu diesem Tage aus der 
Feder von Dr. R. Drill. 
Zu den Männern, die die Fundamente einst 
gelegt, als die deutsche Industrie und mit ihr 
die deutsche Sozialwissenschaft noch im Entstehen 
waren, zu den Männern, deren Lebensarbeit L. 
Brentano glänzend weiterführte, zählte der ge 
nannte Verfasser neben Friedrich List, Rodbertus, 
L. v. Stein, Friedrich Engels, Bruno Hildeb-rand 
auch Karl Marlo. 
Es ist aber dieser Karl Marlo niemand anders, 
als der Kasseler Professor Karl Georg Winkel 
blech, der vor. nunmehr 50 Jahren zur ewigen 
Ruhe einging. 
Wohl die wenigsten Hessen kennen diesen Mann, 
der, seiner Zeit weit voreilend, als Phantast ver 
spottet, bei Seite gedrängt, nur auf eine kurze 
Zeit seinen Namen in weitere Kreise trug, als er 
sich der Politik «gewidmet, in dem Sturmjahre 1848, 
von Schicksalschlägen niedergedrückt die Vollendung 
seiner Lebensarbeit nicht schauen sollte, und dessen 
Name erst heute Beachtung gefunden, da uns die 
harte Notwendigkeit zur Beschäftigung mit den 
Problemen zwang, denen er seine „Organi 
sation der Arbeit" gewidmet. 
Dazu, daß wir ihn besser kennen lernten, kommt, 
daß ihm in dem Leipziger Professor Dr. W. E. 
Biermann vor einigen Jahren ein Biograph ent 
standen ist, der neben einer kritischen Würdigung 
des Lebens jenes merkwürdigen Mannes auch zu 
gleich eine packende Schilderung der politischen 
Ereignisse, in die Winkelblech eingegriffen, geboten 
hat.*) 
Zunächst sei ein knapper Hinweis auf die Arbeit 
gegeben, die Winkelblechs Namen in der Sozial 
wissenschaft zu einem bleibenden gemacht hat.**) 
Die „Organisation der Arbeit" ist 
das Problem, das sich ihm, der bis dahin nur der 
Chemie gelebt, eröffnete, wie er selbst schildert, als 
er 1843 das Blaufarbenwerk zu Modum in Nor 
wegen besuchte und die Lebens- und Arbeits 
verhältnisse der dort Beschäftigten ihm klar vor 
Augen traten. 
Mit dem warmen Herzen, das in ihm schlug, 
beschäftigte er sich nuy mit der Lage der arbeitenden 
*) Karl Georg Winkelblech (Karl Marlo). Sein Leben 
und sein Werk. Von Dr. W. Ed. Biermann. 2 Bde. 
Leipzig 1909. 
**) Untersuchungen über die Organisation der Arbeit, 
oder System der Weltökonomie, von Karl Marlo. 4 Bde. 
2. Ausl. Tübingen 1884. 
Klasse, er untersuchte die geistigen Grundlagen des 
Wirtschaftslebens, er verglich, und prüfte, was 
davon bestimmt sei, ein Baustein für die Fort 
entwicklung zu bleiben, und was in den Theorien 
der einzelnen Sozialresormer wohl im Stande 
sei, die Kluft zwischen den Interessen des Kapitals 
und denen der Arbeit zu überbrücken. Er erkannte 
nicht einseitig der Arbeit allein und ihren Trägern 
das Recht auf den Arbeitsertrag zu, aber er war 
sich auch bewußt, daß nicht eine augenblickliche 
Wandlung, sondern eine langsam fortwirkende 
Evolution den Ausgleich zu vollziehen habe. 
U n t e r s ch ä tzT"hat er vielleicht das Tempo dieser 
evolutionistischen Entwicklung, hat selbst wohl ge 
glaubt, schon für eine nahe Zukunft den Eintritt 
der Wandlung erwarten zu dürfen, und so, in 
dieser Hoffnung, Pläne, Einzelpläne für die Aus 
gestaltung des gesamten Staats- und Wirtschafts 
lebens entworfen. Das hat ihm das Kriterium 
eines Phantasten eingetragen, macht heute noch 
sein Werk schwer lesbar und prägt ihm stellenweise 
den Stempel des Utopischen auf, aber man muß 
berücksichtigen, daß er nicht ahnen konnte, wie die 
Technik und ihre Fortbildung gerade das Bild der 
Industrie und damit der gesamten Gesellschaft ver 
ändern würden. 
Mit diesem Moment rechneten Männer, die, wie 
Karl Marx oder Friedrich Engels, den englischen 
Industrialismus hatten wachsen sehen, während 
Winkelblech seine Studien an den deutschen Ver 
hältnissen gemacht, die in den vierziger Jahren 
des 19. Jahrhunderts gerade erst Knospen an 
setzten, aus denen die heutige Industrie entstand. — 
So tragen alle die Einzelschilderungen, die er ent 
warf, einen gewissermaßen spießbürgerlichen Zug, — 
wer aber sich die Mühe nimmt, mit Aufmerk 
samkeit den Kern der Gedanken herauszuschälen, 
steht erstaunt vor dem fast prophetischen Geiste 
dieses Sozialpolitikers, der die tragenden Gedanken 
des Genossenschaftswesens, der Sozialpolitik, wie 
besonders auch die Sozialversicherungen voraus 
gezeichnet, und seine Auffassung von der Ver 
teilung des Arbeitsertrages auf reine Arbeit und 
Kapitalrente wird sich in den Kerngedanken wohl 
auch noch völlig durchsetzen, wie sie die Theorie 
der führenden Geister schon heute beherrscht, mau 
denke nur an den eingangs erwähnten Brentano, 
an Männer wie Schmoller und viele andere. — 
Karl Marlos Gedanken durchgearbeitet, vertieft 
und den veränderten Zeitverhältnissen angepaßt 
zu haben, ist in erster Linie aber das Verdienst 
des Tübinger Professors Albert Schäffle, 
1870 österreichischer Handelsminister im Ministe-
        

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