Full text: Hessenland (29.1915)

Hagen herrührenden Auszüge den Briefstil des 
Landgrafen nur ahnen lassen, mag dieses im Ori 
ginal beiliegende Schreiben unverkürzt folgen: 
Gottorf, d. 12t. X ber, 1782. 
„Mit wie vieler, u. wahrer Freude, Ich Meines 
so zärtlich geliebten Bruders, Schreiben vom 20. 
m. p. vor einigen Tagen, erhalten, vermag Ich 
Ihnen theuerster Freund, nicht auszudrücken. Ich 
freue mich insbesondere sehr darüber, daß Sie 
bey Ihrer Reise wieder manches klarer erkannt 
haben; Sie beschwehren sich über eigene Schwäche, 
und Trägheit; aber was soll Ich alsdann sagen! 
Ich der in allem Guten, es sey in der Erkenntnis, 
oder in der That, noch so sehr weit zurück bin? 
Alles was ich aber dabey thue, u. thun kan, ist 
daß Ich Mich vor dem Herrn noch mehr demüthige, 
und mich Ihm mehr und mehr hingebe, überlasse, 
ergebe, und Mein Vertrauen und Glauben an Ihn 
noch mehr anstrenge, gewiß und zuverlässig ver 
sichert daß Er zu der rechten Zeit alles, alles 
wohl machen wird. Ich schmeichlelte mich, Ich 
kann es nicht verheelen, daß Ich Ihnen diesen 
Winter hier zu sehen so glücklich seyn würde; welch 
unaussprechliches Vergnügen wäre dieses nicht, in 
Allem Betracht, für Mich! Doch auch dieses er 
warte Ich nun mit Ruhe und Geduld; aber das 
muß ich doch dabey sagen: Ich sehne mich herz 
lich darnach. 
„Ich erwarte mit Verlangen die neue Ritualien, 
welche der würdige Br. Willermoz unter Händen 
hat; Er sendet Sie (?) Mir sobald Er solche in 
Ordnung gebracht, um solche noch eher wie sie 
jemand sehen möge, Ihnen zur Correction zu über 
senden, denn dieses machten Wir gleich in Wil 
helmsbad und mit dem Herzog Ferdinand aus. 
„Das ganze Bestreben auf dem Convent war, 
Erstlich, Eine äußere, dem ganzen Sistema, oder 
Orden, der vereinigten anpassende, u. an 
genehme Form zu geben, wodurch die Bbr. zu 
sammengehalten würden, u. Ordnung eingeführt u. 
bevestiget würde. Zweytens, den Weg zur wahren 
Weißheit in dem Or., so gelegt wurde, daß er 
auch gäntzlich heimlich und verborgen bliebe, denen 
die nichts davon hören wollten, u. also auch 
nicht sollten; dahingegen Drittens, diesen Weg 
durch Abfassung neuer Ritualien doch gründlich in 
allen Stücken des Or. legen, so daß dies doch auch 
würklich die Bbr. auf diese Bahn leiten konnten. 
Viertens; Richtung des Gemüths zu Unserm Herrn 
und Heyland, welches vormahls bey Uns auch im 
geringsten nicht war. Fünftens, die geheime, >:von 
Ihnen Liebster Freund erhaltene:! Instructionen, 
derer 2.. ersten Graden, sind zum Grund Unßer 
neuen Ritualien nicht nur ins geheim gelegt wor 
den, sondern dies als die höchste Aufklärung in 
unsern gantzen Sistem angenommen worden, und 
verschiedene der wichtigsten Bbr. in jeder Provintz 
darinnen initiirt worden. Gott weiß daß Ich nicht 
mehr habe thun können, und daß Mein inn- 
brünnstrgster Wunsch für mich und Meine Bbr. 
gewiß ist, und stetshin seyn wird, höhere Weißheit 
aus Oosten zu erlangen. Daß Ich den Herrn 
suche, und nichts Anders; nicht mich! gewiß nicht! 
Auch zwar aus schwachen, doch aufrichtigen Herzen, 
mit Paulo, Römer am 8. V. 38 sage: Ich bin 
jewiß daß Mir nichts scheiden kan von dem Glauben 
u. der Liebe in Christo. 
Habe Ich Ihnen Liebster Freund schon berichtet 
daß Ich mit dem Großfürsten 15 ) über höhere 
Gegenstände geredet, daß ich in Ihm einen from 
men, vernünftigen, wahren Bekenner seiner Reli 
gion gefunden, der nach höchster Weisheit trachtet, 
u. solche in der Maurerey obgleich er kein Fr. Mr. 
ist, vermuthet. Es ist ein vortrefflicher Mann, und 
Ich glaube gewiß daß er ein wahrer Schüler der 
Weißheit zu Seiner Zeit werden wird. Ich liebe 
Ihn über die Maaße. 
12 Vomitive sind mit der fahrenden Post vor 
gestern abgegangen; wo sie derer mehr gebrauchen, 
können solche gleich nachkommen. 
Meine Empfehlungen an die Frau Gemahlinn; 
Meine Frau läßt Ihnen beiden viele Complimente 
machen; Ich sehe immer Sehnsuchtsvoll Ihren 
Briefen entgegen; schreiben Sie mir doch öfters. 
Ich umarme Sie liebster Freund, aus das zärt 
lichste, uud bin auf ewig gantz, gantz der Ihrige 
und 
Ihr treu, u. heiligst durchs ch 
verbundenster Bruder 
Carl." 
15 ) Es handelt sich um den Großfürsten Paul, den 
Sohn der Kaiserin Katharina, der im August 1782 mit 
seiner Gemahlin unter dem Decknamen eines Comte du 
Nord durch Frankfurt reiste. Der Landgraf war mit ihm 
während des Konvents bei seiner Stiefmutter in Frank 
furt zusammengetroffen. Nomoiros a. a. O. S. 138/39. 
(Schluß folgt.) 
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Vom Königlichen Hofihealer. 
K r i e g s st ü ck e. 
Unter den Waffen schweigen die Musen. Oder sie 
reden doch nur sehr gedämpft. Was das ganze Volk 
im tiefsten Innern bewegt, findet keinen vollwertigen 
Ausdruck in den Worten seiner Dichter. Es ist, als ob 
Seumes Wort Wahrheit geworden, das er in tiefer 
Anteilnahme an Deutschlands Kampf mit Napoleon ge 
sprochen: „Die Zeit der Dichtung ist vorbei, die Wirk 
lichkeit ist angekommen." Zwar die Lyriker und Epiker 
rühren fleißig ihre Federn. Ein aufmerksamer Sammler 
zählte jüngst schon eine Million Gedichte, und seither 
schwillt die Flut fortgesetzt an! Bon bleibendem Wert 
wird ein schwaches Dutzend sein. . . . Kaum kann man 
eine der illustrierten Wochenschriften öffnen, ohne Ro 
mane zu finden, die auf dem Kriegsschauplatz im Westen 
oder im Osten spielen, die die Kämpfe von Lüttich,
	        

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