Full text: Hessenland (29.1915)

Draußen im Ort wollte ich noch einige Einkäufe 
machen, da kaur ich in ihr Haus zu den drei 
Denderghemer Schustern. Drei „närrsche Kerle", 
lvie unser Dialekt sagt: Alle drei Junggesellen, alle 
drei fast gleichaltrige Dreißiger, alle drei unter 
einem Dache wohnend, alle drei Schuster. Zn denen 
kam ich mit einigen Kameraden. Haben uns die 
bewirtet: Kaffee gekocht, Butterbrote zurechtgemacht, 
Zucker und Milch dazugestellt, Wurst uns ver 
kauft, dicke, harte, tiefdunkelrote, fast schwarze Wurst 
(und doch hat sie gut geschmeckt!). Und dabei ge 
schäftig und bedacht auf alles, was sie uns nur von 
den Angen ablesen konnten. Ängstlich und bittend 
fast uns ansehend . . . Und dann haben sie erzählt. .. 
Der Älteste von ihnen sprach leidlich deutsch, wenn 
schon wir nach und nach uns auch aus flämisch ver 
ständigen konnten, und erzählte von den Tagen, da 
er auf „Walze" durch Deutschland gekommen, und 
von den Engländern, die vier Tage zuvor hier ge 
wesen seien und so gar nicht als Freunde .. . und 
ivas wir Deutschen als starke Kerle für Eindruck 
ans sie machten, wie sie gegen uns doch nicht be 
stehen konnten, und woher wir zu so Tausenden 
<»• 
kämen... und wie der Krieg ein Unglück sei, der 
uns keinen Segen brächte, wie sie in Armut und 
Leid versinken müßten, und Hunger unb Not sie 
weinen ließe, sie, die Armen ... ja, die Reichen, 
die seien, so's noch Zeit war, mit ihrer Habe nach 
London oder Paris geflohen .. . aber die Armen, 
denen der Krieg das Letzte nähme ... — Und dabei 
arbeiteten die Dreie und beschlugen unsere Stiefel. 
Und als gar einige von uns sich ihnen als Kollegen 
offenbarten und nun nach ihrer Art das Werkzeug 
handhabten, da war das Hin und Her ohne Ende... 
Mir aber war's ganz seltsam zu Mute, als ich 
die drei Schuster von Denderghem verließ und 
über den Kirchplatz ging, wo dicht gebrängt Ge 
schütz an Geschütz stand, und in die düsterhelle 
Kirche trat. Still habe ich mich ins wärmende 
Stroh gewühlt, aber lange wollte kein Schlaf 
kommen. Unverwandt starrten meine Augen zum 
Muttergottesbilde im goldblauen Rahmen gründe 
mir gegenüber, und schwer, wie die drei Kerzen 
der Heiligen zu Füßen flammten, gingen meine 
Gedanken.... In derselben Nacht noch hörte ich 
dumpf in weiter Ferne langsamen Kanonendonner. 
(Fortsetzung folgt.) 
Mein Junge! 
Mein Junge, nun schau mir mal ins Gesicht 
Hör, was ich Dir will sagen: 
Noch hast Du nicht schwer, mein kleiner Wicht, 
Des Lebens Bürde zu tragen. 
Noch darfst Du tun, just was Dir gefällt, 
Und gäb's keine Schule auf Erden, 
Ich glaube, Du würdest mit dieser Welt 
Schon recht gut fertig werden. 
Selbst Deine Wildheit nehm' ich nicht krumm, 
Ich lasse Dich jagen und toben, 
Du weißt, ich bin nicht böse darum, 
Kehrst Du das Unten nach oben. 
Das alles darfst Du, mein Sausewind, 
Auch bringt es mich nicht mehr in Rage, 
Wenn in der Stube versammelt sind 
Die Kinder aus jeder Etage. 
Nur eins, mein Imrge, — schau mir ins Gesicht! 
Nur eins, mein Junge, eins darfst Du nicht: 
Nicht lügen! 
Gibt's mal 'nen Krach, einen kleinen Skandal, 
Wir wollen uns drob nicht erbosen, 
Ich laß mir gefallen gar manches Mal 
Zerrissene Strümpfe und Hosen. 
Und paßt es auch zuweilen schlecht 
In Kosten sich zu stürzen. 
Was hilft's? Es ist Dein Iungenrecht, 
Und niemand soll es Dir kürzen. 
Bist Du gar trotzig, ich find' das nicht schlimm 
Und denk', so wird es nicht bleiben, 
Ich zahl' auch, wenngleich mit verhohlenem Grimm, 
Zerbrochene Fensterscheiben. 
Nur eins, mein Junge, schau mir ins Gesicht! 
Nur eins, mein Junge, eins darfst Du nicht: 
Nicht lügen! 
Denn später mußt Du den Kampf bestehen 
Mit Weltentücken und Nöten, 
Dann sollst Du aufrecht durchs Leben gehn 
Und sollst vor keinem erröten. 
Und wenn Dein Schaffen nicht immer gliickt, 
Umdrohen Dich dunkle Gewalten, 
Wenn hartes Schicksal Dich niederdrückt — 
Die Seele mußt rein Du erhalten; 
Mußt bleiben Dir selber treu und wahr, 
Mußt kämpfen und überwinden, 
Und läufst Du in angstvoller Stunde Gefahr 
Den Richtweg nicht zu finden, — — 
Dann denke, der Vater steht hinter Dir, 
Und Du bist wieder mein Knabe, 
Und wieder hörst Du die Worte von mir, 
Die einst ich gesprochen habe: 
Mein Junge, nun schau mir mal ins Gesicht! 
Nicht wahr, mein Junge, eins tust Du nicht? 
Nicht lügen! 
Kassel. 
Helix Blumenfeld.
	        

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