Full text: Hessenland (29.1915)

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Der Letzte. 
Aus dem Nachlaß voir I 
Sie sind, einer nach dem anderen, den Weg ge 
gangen, den wir endlich alle gehen werden. Nicht 
ein einziger von ihnen begegnet mir mehr an der 
Stelle des Tiergartens, an der wir uns viele Jahre 
lang jeden Morgen zur gleichen Stunde getroffen 
haben. Nicht, daß wir irgendwie bekannt mit 
einander gewesen wären; ich wette, daß keiner den 
Namen des anderen wußte. Doch eine jener Ge 
wohnheiten hatte sich gebildet, die mit zunehmendem 
Alter für vieles Ersatz bieten und dem Herzen 
mmlchmal so teuer werden, wie vordem Freund 
schaft und Liebe. Gleichsam ein stillschweigender 
Bund oder Vertrag bestand zwischen uns, den 
niemand gern gebrochen hätte, weil jeder sich sagte, 
lvie sehr ihm der andere fehlen würde, wenn er 
einmal ausbleiben wollte. Das Verhältnis war 
ein ideales, und keiner von uns dachte daran, es 
durch eine von den Höflichkeiten zu zerstören, wie 
sie sonst unter Leuten, die gemeinsame Zwecke ver 
folgen und ein gemeinsames Ziel haben, sich von 
selbst ergeben. Man grüßte sich nicht, man sah 
sich nicht einmal mit einem noch so flüchtigen Blicke 
an, sondern ging aneinander mit dem tiefen Gefühl 
der Befriedigung vorüber, dem ich kaum ein zweites 
an die Seite zu setzen wüßte: der Empfindung, 
abermals einer großen Gefahr glücklich entronnen 
zu sein. Denn wir waren sämtlich alte Herren, 
voll denen der eine den Zug fürchtete, der andere 
davor zitterte, sich um eine Minute zu verspäten, 
der dritte vielleicht, in seinem Nachdenken unter 
brochen zu werden. Wir lebten vor einander in 
beständiger Angst und mußten uns an jedem 
Morgen aufs neue vergewissern, daß keiner von 
dem anderen etwas zu besorgen habe. Denn auf 
diesem Vertrauen beruhte das Einverständnis 
unserer Seelen; ein Wort, und es wäre für immer 
dahin gewesen, und die trostlosen Greise würden 
zum Beschluß ihrer Tage sich in unentdeckte 
Gegenden des Tiergartens gestürzt haben. 
Doch das Wort ist niemals gesprochen worden, 
so drohend es auch auf den Lippen eines kleinen 
Herrn saß, und so schwer es ihm auch werden 
mochte, darauf zu verzichten. Dieser kleine Herr, 
von einer außerordentlichen Munterkeit bis in sein 
hohes Alter, war offenbar ein Witzbold, und schon 
von weitem, wenn er an seinem Stückchen daher 
kam, meint' ich es ihm, je nach dem Zwinkern 
seiner Augen und dem Lächeln um seinen Mund, 
ansehen zu können, ob es ein politischer, ein Börsen 
witz oder einer aus der Gesellschaft sei, den er 
als den neuesten mit sich herum trug; und jedes 
mal dacht' ich dann: nun wird es explodieren! 
Aber es geschah nicht. Armer Mann! Jetzt ist 
er gestorben und hat seinen Witz mit sich in sein 
Grab genommen. Ein anderer, im Gegenteil, sah 
so griesgrämig aus, als ob er in seinem Sehen 
noch nie gelacht habe und auch nicht vertragen 
könne, daß jemals gelacht lverde. Dieser Mamr 
l i u s R o d e n b e r g 1'. 
war von untersetzter Statur und schritt an einem 
schweren Stabe mißvergnügt daher, wiewohl er in 
dem oberen Knopfloch seines Rockes, in dieser 
frühen Stunde schon, irgendein buntes Bändchen 
trug. Aha, dacht' ich, ein Herr Geheimer Kanzlei 
rat! Nicht selten konnt' ich bemerken, daß er die 
Lippen bewegte, wie wenn er mit sich selber spräche. 
Wenn der, dacht' ich weiter, nur nicht eines Tages 
gerade vor dir stehen bleibt und auf die ganze 
Welt zu schimpfen anfängt! Aber auch das hat er 
nicht getan, er ist jetzt ganz still geworden, und 
nur noch die dicke Kiefer, die mitten aus dem Fuß 
pfad linker Hand in der kleinen Sternallee steht, 
erinnert mich an ihn. 
Dann war noch ein anderer, um zwei Köpfe 
mich überragend, wenn er an mir vorbeischritt, 
ganz schlank, aufrecht und von hagerer Gestalt, 
den Rock stets — auch an den heißen Somincr- 
tagen — bis unters Kinn zugeknöpft und selbst im 
Winter mit keinem wärmeren bekleidet. Diesen 
hatt' ich in Gedanken den Oberst genannt — mög- 
lich, daß er mehr, möglich auch, daß er weniger 
war —, ein pensionierter Soldat war er auf jeden 
Fall. Er jedoch sah nicht aus, als ob man sich 
eines unvermuteten Angriffs von ihm zu ver 
gegenwärtigen habe, denn es war eigentlich nichts 
Martialisches mehr an ihm, außer seinem kerzen 
geraden Gang und seinem greisen Schnauzbart. 
Im übrigen glich er einem, der in seinem Leben 
genug kommandiert, attackiert und nun Frieden 
geschlossen hat; er marschierte noch ein Weilchen 
im Nachtrab mit, bis er zur „großen Armee" stieß, 
von welcher niemand wiederkehrt, weder Offizier 
noch Gemeiner. 
Wir hatten ferner unter uns einen Herrn voir 
einiger Korpulenz, die ihn jedoch nicht genierte. 
Vielmehr zog er tapfer und fröhlich seines Weges, 
nicht in großen, wohl aber trippelnd gehenden 
Schritten, fuchtelte dabei mit seinem eleganten 
Bambusrohr in der Luft herum und sah aus lvie 
einer, der sich auf etwas freut — aus ein gutes 
Frühstück, auf eine gute Zigarre, auf ein gutes 
Mittagessen, auf ein gutes Glas Wein —. lauter- 
gute Dinge, zu denen er den soliden Grund scholl 
in dieser frühen Stunde zu legen pflegte. Welche 
weite Perspektiven von Glück öffnen sich denl 
Mann, der das Leben von dieser Seite betrachten 
kann! Er muß ein Philosoph der epikureischen 
Schule oder ein Rentier sein, und ich glaube, 
dieser war beides. Vier Wochen in jedem Jahr, 
um die Zeit, wo die beleibten Leute nach Karlsbad 
gehen, blieb er aus; und jedesmal, lvenn er wieder- 
kam, hatte seine heitere Weltauffassullg einem ge 
wissen kleinlauten Wesen Platz gemacht, und das 
Gewand, das er trug, hing ein wenig schlotternd 
an ihm herab; indessen, er überwand cs, erholte 
sich und füllte Rock und Weste bald wieder aus. 
Ulld als er einmal ganz ulld gar ausblieb unb
	        

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