Full text: Hessenland (29.1915)

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nicht gegen äußere Feinde, sondern gegen allerhand 
Schädigungen durch Einheimische, sei es von Bau 
denkmälern, des Orts- und Straßenbildes oder 
auch der Naturdenkmäler und Landschaftsbilder. 
Ein solcher Schutz konnte nur durch entsprechende 
Gebote und Verbote erzielt werden. Hand in Hand 
mit diesen Bestrebungen ging seit etwa 15 Jahren 
eine Umwandlung der Ansichten über die Grund 
elemente des künstlerischen Städtebaus. Sah man 
im 19. Jahrhundert im Städtebau und Städte 
bild nur noch das einzelne Gebäude und suchte 
das Heil in „schönen" Kanalprofilen, geradlinigen 
Fluchten usw., so lehrte die neue städtebauliche 
Bewegung wieder eine organische Auffassung 
der Stadt und strebte wieder wie einst dahin, einen 
großen baukünstlerischen Organismus zu gestalten. 
Nicht mehr galt es dabei einer kritiklosen Nach 
ahmung der Vergangenheit, einer sklavischen 
„Wiederbelebung", sondern man verlangte lediglich 
von den Neubauten einen den ästhetischen Grund 
gesetzen entsprechenden künstlerischen Geist; der 
Geist der alten Werke sollte aus den neuen in 
neuer Gesinnung sprechen. Und wenn man auch 
nicht um jeden Preis das Alte und abständig 
Gewordene mumienhaft zu konservieren gewillt 
war, so mußte doch je länger je mehr mit Nach 
druck gefordert werden, daß historisch oder kunst 
historisch wertvolle Baudenkmäler nicht ohne Not 
vernichtet würden. 
In der Zerstörung solcher Baudenkmäler wie 
überhaupt in der Verunstaltung des Städtebildes 
ist — darüber ist kein einsichtiger und objektiver 
Beurteiler im Zweifel — gerade im künstlerischen 
und historisch bedeutsamen Gefüge der Residenzstadt 
Kassel in den letzten Jahrzehnten arg gesündigt 
worden. Es war so weit gekommen, daß in der 
Sitzung des Hessischen Geschichtsvereins vom 5. Fe 
bruar 1912, der sich — vergeblich -- um die Er 
haltung der kunstgeschichtlich wie historisch hoch 
interessanten Unterneustädter Mühle bemühte, der 
jetzige Konservator unseres Bezirkes aussprechen 
konnte: „Wenn das in Kassel so weiter geht mit 
dem Abbrechen, wird man in drei Jahrzehnten 
überhaupt nichts mehr abzubrechen haben." Gerade 
in den maßgebenden Kreisen fanden die oben an 
gedeuteten Bestrebungen kein Verständnis. Wer es 
unternahm, auf die Notwendigkeit eines Orts 
statuts gegen Verunstaltung hinzuwirken, wurde 
mit allen zu Gebote stehenden Mitteln bekämpft. 
Meine vier damals entstandenen Broschüren geben, 
gemeinsam mit den Referaten der Tagespresse über 
die betreffenden Verhandlungen im Stadtparlament 
ein Bild dieser Kämpfe. Ich schrieb 1910 „Der 
Kasseler Opernplatz und das Ortsstatut gegen die 
Verunstaltung von Ortschaften" und „^uousgus 
tunäsm? -Nochmals der Kasseler Opernplatz und 
das Kasseler Ortsstatut", 1912: „Auf Abbruch zu 
verkaufen. Eine Abrechnung mit dem Stadtbau 
amt der Residenzstadt Kassel" und „Der Pyrrhus 
sieg des Stadtbauamts. Eine Antwort auf die 
Rede des Kasseler Stadtbaurats in der Stadt 
verordnetensitzung vom 22. Febr. 1912." (Sämt 
lich auch in der „Hess. Post" vom 13. und 20. Nov. 
1910 und Febr. 1912 erschienen.) Als in der 
Stadtverordnetensitzung vom 22. Februar 1912 
der Stadtbaurat mit Zustimmung des damaligen 
Oberbürgermeisters in einstündiger Rede die in 
meiner dritten Broschüre aufgestellten Behaup 
tungen zu entkräften und zu rviderlegen suchte, 
fand sich im Stadtparlament auch nicht eine 
Stimme des Widerspruchs, und meine wenige Tage 
darauf veröffentlichten glatten Gegenbeweise fanden 
an zuständiger Stelle überhaupt keine Beachtung. 
Es wäre freilich auch peinlich gewesen, zu ihnen 
noch einmal Stellung nehmen und frühere Be 
hauptungen zurücknehmen zu müssen. 
So lagen damals die Dinge. Man möge diese 
persönlichen, an sich gleichgültigen Hinweise ver 
zeihen; ich habe aber, von allen, die mir damals 
privatim zustimmten, im Stadtparlament im Stich 
gelassen, diese Isolierung damals zu sehr als 
Symptom eines bedauerlichen Mangels an ästhe 
tischem Gewissen betrachtet, um heute nicht eine 
besondere Befriedigung empfinden zu dürfen. 
Das Gesetz gegen Verunstaltung datiert vom 
15. Juli 1907. Auf Grund dieses Gesetzes haben 
die meisten preußischen Großstädte, darunter Ber 
lin, Danzig, Charlottenburg, Neukölln, Stettin, 
Halle, Magdeburg, Kiel, Hannover, Dortmund, 
Frankfurt a. M., Aachen, Barmen, Krefeld, Duis 
burg, Elberfeld, Saarbrücken ein Ortsstatut gegen 
die Verunstaltung aufgestellt. Ebenso haben auch 
in der Provinz Hessen-Nassau bereits 16 Städte 
und Landgemeinden ihr Straßenbild durch ein 
solches Statut geschützt. Kassel gehörte zu den 
jenigen Städten, die es damit nicht eilig hatten. 
Wohl wurde auch hier eine Kommission zu diesem 
Zweck gebildet, die nachweisbar 1908 schon einmal 
zusammenkam; aber erst Ende 1911 hörte man, 
daß das Statut nunmehr im Entwurf vorliege. 
Die Hoffnung auf eine erfolgreiche Wirksamkeit 
dieses Statuts war nicht eben groß, zumal noch 
in der erwähnten Stadtverordnetensitzung von l912 
der Leiter des Kasseler Stadtbauamtes erklärt hatte: 
„Das eine steht fest, daß ein solches Ortsstatut 
allein selbst mit dem zugehörigen Sachverständigen 
beirat so gut wie wirkungslos sein wird, wenn nicht 
Hand in Hand mit dessen Errichtung organisato 
rische Änderungen anderer Art gehen." 
Inzwischen änderte sich manches. Kassel erhielt
        

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