Full text: Hessenland (29.1915)

Hessenland 
Hessisches Heimalsblalt 
Zeitschrift für hessische Geschichte» Volks- und Heimatkunde» Literatur und Kunst 
Nr. 18. 29. Jahrgang. Zweites September-Heft 1915. 
Der Alp im hessischen Volksgauben. 
Von Heinrich Franz. 
1 . 
Die Seele kann nach germanischem Glauben 
schon zu Lebzeiten des Menschen den Körper für 
einige Zeit verlassen und, in eine neue, meist 
tierische Gestalt gehüllt, frei umherschweifen. Oft 
geschieht dieser Austritt zu düster unheimlichem 
Zweck. Darauf deutet eine Thüringer Sage, wenn 
sie ihrem Bericht über den Tod einer Magd, deren 
Seele im Traum ausgetreten und durch eineil un 
glücklichen Umstand an der Rückkehr in den Körper 
gehindert worden war, die Bemerkung anfügt: 
„Im übrigen war auf demselbigen Hof ein Knecht 
Vorhermals oft von der Trud gedrückt worden und 
konnte keinen Frieden haben: dies hörte mit dem 
Tode der Magd auf." *) Mit der angezogenen 
Schlußbemerkung ist freilich noch nicht ausge 
sprochen, daß die als Druckgeist beargwöhnte Seele 
der Magd sich freiwillig bzw. mit Absicht ihrem 
unholden Treiben hingegeben habe. Dagegen wird 
in einer hessischen (Hersfelder) Sage * 2 ) ausdrücklich 
die Absicht der eigenwillig austretenden 
1) Deutsche Sagen. Herausgegeben von den Brüdern 
Grimm. Auswahl. Hamburg, Janssen. S. 92. 
2 ) Hermann v. Pfister, Sagen und Aberglaube in 
Hessen und Nassau, S. 62/63, Nr. 2. 
Seele bezeugt, den Alp oder Mahr zu spielen. Die 
bezügliche Sage sei daher hier im Zusammenhang 
mitgeteilt. Zu Hersseld dienten zwei Mägde in 
demselben Hause, schliefen auch miteinander in der 
selben Kammer. Da fiel es nun beider Dienst 
herrn in steigendem Maße ans, daß die Mägde 
Abends nicht nach müdgearbeiteter Dienstboten Art 
alsbald zu Bett gingen, sondern noch längere 
Zeit in ihrer Schlafkammer aufblieben. Dies er 
regte seine Neugier in so hohem Maße, daß er sich 
eines Abends zum Zweck der Beobachtung in der 
Mägdekammer verbarg. Da wurde er nun Augen- 
und Ohrenzeuge eines höchst merkwürdigen Vor 
gangs. Die beiden Mägde setzten sich an den Tisch, 
und nach einer gewissen Zeit sprach die eine: 
„Geist, tu' dich verzücken uud jenen Knecht be 
drücken." Alsbald verfielen beide in einen tiefen 
Schlaf; aus ihrem Munde aber stieg ein schwarzer 
Rauch, der durch das Fenster kroch. Ob solch 
Gewesens tief erschrocken, kam der Hausherr aus 
seinem Versteck hervor, schüttelte die eine Magd, 
ries sie auch laut bei ihrem Namen. Alle seine 
Versuche, sie zu wecken, waren aber erfolglos, so 
daß er schließlich auf und davon ging. Am andern 
Morgen stellte es sich heraus, daß die Magd, die 
der Herr zu wecken versucht hatte, tot war. Die
	        

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