Full text: Hessenland (29.1915)

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von etwa 1 m Länge, vielleicht der Rest einer 
Treppe, die hier zu einem kryptenähnlichen Raum 
hinabgeführt hatte. 
Die Herausschaffung des Steinsarges gestaltete 
sich trotz seines erheblichen Gewichts ziemlich ein 
fach: nachdem vermittelst einer starken Winde das 
Fußende des Sarges etwas gehoben und durch 
Hebebäume von der Nordmauer abgerückt war, 
wurde eine eiserne Kette unter ihm durchgezogen 
und um die Breitseite herumgelegt, sodann mit 
nebeneinandergelegten Rundhölzern eine schiefe 
Ebene aus der Grube bis zu ihrem Südrand her 
gestellt und der Sarg durch zwei vorgespannte 
starke Pferde in einem Zug heraus- und auf den 
benachbarten Acker gezogen. Dank der Geschick 
lichkeit der Dörnberger Landleute war die ganze 
Arbeit in Zeit von einer Viertelstunde erledigt.*) 
Während die einen mit dem Steinsarg beschäftigt 
waren, hatten 2 Mann auf unsere Weisung etwa 
15 m nordwestlich von der Sargstelle einen Ver 
suchsgraben gezogen, da der Boden an dieser 
Stelle eine kleine Schwellung zeigte und wir hier 
den Standort der Kirche des Dorfes vermuten 
durften. Nach wenigen Minuten stieß man auch 
auf Mauerwerk, das sich genau von West nach 
Ost zog und auf etwa 5 m Länge verfolgt wurde; 
seiner Beschaffenheit nach kann es sehr gut zu den 
Fundamenten der Kirche gehört haben. 
Leider erlaubte es weder die Zeit noch das Wetter, 
die Mauer weiter, etwa bis zu einer Ecke zu ver 
folgen, indessen scheint der bisherige Befund doch 
darauf hin zu deuten, daß der Steinsarg nicht 
innerhalb der Kirchenmauer gestanden hat, weil 
ein Bauwerk von etwa 15 m Breite — von Lang 
seite zu^Langseite gerechnet — doch für eine Dorf 
kirche sehr reichlich sein würde. Zu gelegener Zeit 
soll übrigens die Untersuchung der Fundamente 
fortgesetzt werden. 
Es ist nicht viel, was ohne eingehendere For 
schung sich über das zu jener Kirche gehörige 
Dorf Leutzewarten (Lutwardessen) sagen läßt: es 
*) Nachstehend geben wir die Maße des Sarges: 
größte Länge 2,17, größte Breite 0,70, Höhe 0,54, 
Länge der Höhlung 1,88, Breite in der Halsgegend 0,39, 
Breite in der Hüftgegend 0,43, Breite in der Fuß 
gegend 0,36, Tiefe der Höhlung 0,33, Tiefe der Höhlung 
am Kopf 0,25 Meter. 
erscheint, wie Landau angibt-, zuerst 1074 als 
Luitwardeshusen und war ein Pfarrdorf, dessen 
Patronat den v. Blumenstein gehörte; im Jahre 
1380 findet sich aus dieser Familie ein Hildebrand 
„ksrnsr to Lutwardessen“ und 1436 nennt sich 
Konrad v. Blumensteiu „Usotor ssslsmas pnro- 
chialis in Lutwerszen“. Schon Tileman v. Blumen 
stein hatte das Patronatrecht auf seinem Todbett 
an die Landgrafen von Hessen übertragen und 
dasselbe erklärte damals auch jener Konrad aus 
den Fall seines Todes. Die Kirche war noch im 
Jahre 1462 vorhanden. 
Zu welcher Zeit und unter welchen Uinständen 
das Dorf verlassen wurde, wissen wir von dieser 
Wüstung ebensowenig wie von den zahlreichen 
anderen des Warmetales, es ist jedoch wahrschein 
lich, daß einmal die Gründung der Stadt Zieren 
berg am Ende des 13. Jahrhunderts hier mit 
spricht und zweitens, daß die Übersiedelung nicht 
plötzlich stattfand, sondern sich auf einen langen 
Zeitraum ausdehnte. Ein Teil der Bevölkerung 
ist nach Zierenberg gezogen, denn hier gibt es 
noch heute eine sogenannte Leutzewärter „Bruder 
schaft", die bestimmte Gebräuche bei ihren Ver 
sammlungen beobachtet und sich bis vor kurzem 
auch noch im Genuß von Einkünften des alten 
Gemeindevermögens befunden hat. 
Eine Frage bliebe schließlich noch zu erörtern, 
nämlich die nach dem Toten, der einst in unserem 
Steinsarg zur letzten Ruhe gebettet wurde: stumm 
und trotzig verweigert der Sarg mit seinen rauhen 
kahlen Wänden — ohne Inschrift und ohne 
Schmuck — jede Antwort, aber dort drüben in 
einem Seitental des Dörnbergs, von hier gut 
sichtbar, ragt ein malerischer Felsenturm empor, 
auf dem einst ein reisig Geschlecht das erste feste 
Haus gebaut, nach dem es sich genannt — sollte 
die Vermutung allzu gewagt sein, daß ein Glied 
der Familie v. Blumenstein hier vor Jahrhunderten 
beigesetzt ist, im Schatten jener Kirche, deren 
Patronat den Herren von Blumenstein gehörte! 
Über die Zeit der Bestattung läßt sich aber auch 
uicht einmal eine Vermutung wagen, denn weder der 
Erhaltungszustand der Skelettknochen noch unsere 
bisherige Kenntnis der Sargform gestatten einen 
sicheren Schluß auf das Jahrhundert der Bei 
setzung. 
Das Kasseler Grisstalul gegen Verunstaltung. 
Bon Paul Heidelbach. 
In dem furchtbaren Krieg, den wir jetzt zu 
führen gezwungen sind, geht es weniger um mate 
rielle Dinge denn um die Gesamtkultur des deut 
schen Volkes. Das ist der Sinn der in Ost und West 
krachenden Kanonen. Mit unserer ganzen modernen 
Kultur hängen aber Denkmalpflege und Heimatschutz 
eng zusammen. Waren wir doch glücklich so weit 
gekommen, daß man die Heimat schützen mußte
	        

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