Full text: Hessenland (29.1915)

20 
Hofes, doch bezeichnet vielfach eine' besondere Grab 
platte mit Inschrift und Bild den Standort des 
Sarges. 
Einige dieser mittelalterlichen Gräber, die auf 
hessischem Boden liegen, mögen hier Erwähnung 
finden.*) Der Steinsarg östlich des Chores der 
alten Kirche zu Hünseld unterscheidet sich von den 
meisten anderen durch seine gebogenen Wandungen, 
die noch sehr an den Baumstamm erinnern (2,13 m 
lang), während der in der Vierung der Stiftskirche 
zu Hersfeld eine ähnliche Kopshöhlung wie der 
Hünfelder (Kleeblattbogen) zeigt und wahrscheinlich 
den: 1009 gestorbenen Erbauer der Stiftskirche, 
Abt Meginher, als letzte Ruhestätte gedient hat 
(2,06 m lang). Weitere Steinsärge wurden im Jahre 
1909 innerhalb des alten Klosterbezirks von Fulda 
aufgedeckt, wobei man feststellen konnte, daß sie 
mit einigen Plattengräbern und Holzsärgen in 
Reihen angeordnet waren; der am besten erhaltene 
und noch ziemlich unberührte Steinsarg — er lag 
einige Meter westlich des Chores des heutigen 
Domes — hat eine Länge von 2,43 und eine Breite 
von 0,83 m und besitzt in den Ecken am Fußende 
der Höhlung runde Säulchen, offenbar eine Nach- 
ahmung der Verstürkungsleisten der Holzsärge. Zu 
fällig konnte ich damals mit Herrn Professor 
Vonderau der Öffnung beiwohnen: In dem Sarge 
lag unter dem zersprungenen Steindeckel ein Abt 
des 12. Jahrhunderts in vollständig erhaltener 
Gewandung, bestehend in einem dunkelbraunen 
Seidenkleid mit Goldborte, Lederschuhen mit ge 
preßtem Ornament und seidenen gestickten Hand 
schuhen; die Knochen dagegen waren in Staub 
zerfallen, so daß die Leiche vollkommen platt — 
wie Pappe oder Papier aussah. Ein ähnlicher 
Steinsarg steht ferner noch in der Krypte des Fritz- 
larer Domes, der 2,25 m mißt, ein anderer aus 
der Südseite der Christenbergkirche, der wohl man 
chem Leser von seinen Wanderungen her bekannt ist. 
Aus dem Angeführten dürste zur Genüge hervor 
gehen, daß Steinsärge, besonders solche, die der 
Körperform angepaßt sind, nicht eben häufig an 
getroffen werden; um so angenehmer üiaren wir 
deshalb überrascht, als von einem Mitglied und 
Freunde des Hessischen Geschichtsvereins (Haupt 
lehrer Hufschmidt in Zierenberg) die Nachricht ein 
lief, daß einige Tage zuvor auf einem Ackerfeld 
der Wüstung Leutzewarten südlich Zierenberg beim 
Pflügen ein wohlerhaltener Steinsarg gesunden sei; 
leider habe jedoch der Finder den schweren, mit 
2 eisernen Heberingen versehenen Deckel zertrüm 
mert, um zu den im Sarge vermuteten Schätzen 
*) Vgl. Wenzel, Mittelalterliche Gräber in „Hessen- 
land" 1912. 
zu gelangen. Wie vorauszusehen war, hatten sich 
natürlicherweise keinerlei Kostbarkeiten in dem 
Grabe, sondern nur mehr oder weniger erhaltene 
Teile des Skeletts befunden, die man einstweilen 
in Verwahrung nahm und nach Zierenberg brachte. 
Da das Ackerstück, auf dem der Sarg stand, der 
Kirche zu Dörnberg gehört, mußte die Erlaubnis 
zu einer Hebung des Fundes zunächst bei Herrn 
Pfarrer Weidemüller eingeholt werden, der diese 
auch bereitwilligst erteilte und die Gemeinde ver- 
anlaßte, auf ihre Kosten die Ausgrabung und die 
Überführung des Sarges nach Dörnberg zu über 
nehmen, wo dieser an der Mauer der dortigen 
Kirche aufgestellt werden sollte. Nachdem diese 
Vorbereitungen getroffen waren, begaben wir (Herr 
General Eisentraut und der Verfasser **) uns am 
12. November morgens nach Zierenberg und unter 
Führung des Herrn Hufschmidt an den Fundort. 
Es war ein naßkalter Novembermorgen, mit Regen 
schauern und durchdringendem eisigen Winde, als 
wir aus den aufgeweichten Feldwegen mühsam 
fortschreitend endlich zur Stelle kamen. Dort bot 
sich folgendes Bild: 
In der Mitte einer etwa 1 Fuß tief aus- 
gehobenen Grube zeigte sich, noch bis zu seiner 
Oberkante in dem Erdreich steckend, genau von 
West nach Ost, dem Dörnberg Zu gerichtet, die 
obere Fläche des Steinsarges mit der charakte 
ristischen Körpersormung, die Höhlung für den 
Kopf im Westen, so daß der Tote darin einst nach 
Osten sah. Die Höhlung war natürlich völlig 
leer, während Stücke des zertrümmerten Deckels 
ganz in der Nähe des Grabes lagen. Die nördliche 
Langseite des Sarges stieß an eine bis zur Ober 
kante reichende Mauer von behauenen Steinen 
mit wenig Mörtel, während die Südseite nur durch 
eine Packung von unregelmäßigen Steinen begrenzt 
war. Unter Schonung der Nordmauer ging man 
hier mit Hacke und Schaufel in den Boden und 
traf sogleich auf wohlerhaltene Skeletteile, die zum 
Teil noch ihre ursprüngliche Lagerung (von West 
nach Ost) zeigten und etwa drei Personen an 
gehörten; noch weiter südlich lag eine Steinplatte 
**) im Auftrag des Kgl. Museums bzw. des Hess. 
Geschichtsvereins.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.