Full text: Hessenland (29.1915)

Freudig wurden die allerdings sehr teueren Einlaß 
karten bezahlt. 
Wer von den alten Kasselanern erinnert sich nicht 
gern an die frühere Besetzung unseres Hoftheaters! 
Es waren ausgezeichnete Kräfte darunter und mit 
der Bürgerschaft verwachsen, weil sie nicht so oft 
wechselten wie in späteren Jahren. Man kannte 
sich besser. — Einer der beliebtesten und tüchtigsten 
war der Hofschauspieler Ulram. Wie natürlich war 
alles, was und wie er spielte, — ich erinnere 
z. B. nur an seinen Wallenstein. 
Ulram war bekannt als einer der ersten Mimiker 
Deutschlands, daher war das Theater in Leipzig 
an diesem Abend bis auf den letzten Platz besetzt. — 
Ulram spielte den Luther großartig. Unvergeßlich 
ist mir die Szene, wo er allein im Dämmerlicht auf 
der Bühne steht, an seiner Kraft zur Ausführung 
des Kampfes gegen die damaligen Mißbräuche 
verzweifelnd; ein an Leib und Seele gebrochener 
Mann liegt er in heißem Ringen auf den Knien. 
--8-' 
Da ertönen aus weiter Ferne, aus den Höhen 
wie Engelsgesang feine musikalische Akkorde, die 
sich langsam näher kommend zu der Melodie des 
Liedes verdichten: „Ein' feste Burg". — Wie ver 
zückt hört Luther-Ulram die Melodie, seine Gesichts 
muskeln bekommen wieder Leben, Arme und Beine 
werden straff, er hat seinen Kleinmut durch Gebet 
überwunden, er ist wieder der deutsche National 
held. Der Vorhang fiel; im Publikum hörte man 
nur schweres Atmen. Dann nach einigen Augen 
blicken lautloser Stille brauste ein Beifallssturm 
durch das Theater, wie ich ihn noch nie gehört 
hatte. Immer wieder mußte Ulram auf die Bühne 
kommen, wo er mit Blumen und Lorbeerkränzen 
überschüttet wurde. Ein Leipziger Bürger, der 
neben mir saß, sagte mit Stolz: Es sind aber nicht 
nur Evangelische hier, es sind eine Menge Katho 
liken und Israeliten im Theater. Und das war 
auch schön, alle waren begeistert von der Kunst. 
F. Belz. 
Der Tod hält seine Ernte. 
Der Tod schickt sich zur Ernte, 
Er schreitet ab das Feld. 
Wohl um und um den Schritt er lenkt 
Zu prüfen, was der Krieg ihm schenkt, 
Von selbst ist ihm ja nicht gereift, 
Wonach sein Arm so gierig greift. 
Der Tod hält seine Ernte, 
Er mäht ein blühend Feld. 
Was um und um der Stahl erwürgt, 
Tn einem weiten Grab er birgt 
Und grinst; der Krieg hat gut gefrohnt, 
Die Scheun' wird voll, die Arbeit lohnt! 
Der Tod hält seine Ernte 
Auch fern vom Schlachtenfeld. 
Zu seiner Gpser Heimatland 
Hat suchend er den Schritt gewandt. 
Ist Kummer nicht ein Todeskeim? 
Manch leidvoll Herz fällt ihm anheim. 
Kassel. 
Und hielt der Tod die Ernte, 
Deckt Grab an Grab das Feld, 
Ward ihm der Arm vom Mähen schwer, 
Dann weckt er auf das stille Heer. 
Zur Mitternacht bei Mondenglanz 
Hält ab er seinen Erntetanz. 
Der Tod mit seiner Ernte 
Tanzt über Meer und Feld, 
Bis daß er steht vor Burg und Tor, 
Deß, der den Krieg heraufbeschwor. 
Zur Mitternacht bei Mondenglanz 
Läd' er den Lord zum Totentanz: 
Und hielt ich reiche Ernte, 
Du hast gepflügt mein Feld. 
Leer ist ein Platz im Erntezug, 
So lang' nicht aus dein Herze schlug, 
Mit dir will tanzen Mann für Mann! 
Ich poche an. Wir pochen an. — 
Ella Gonnermann. 
Aus Heimat und Fremde. 
Prinz Max von Hessen, über den Heldentod 
des Prinzen Max von Hessen, der Ende Oktober bei 
Mont-des-Catts bei Hazebroek siel, erfahren wir noch: 
Von einer Kugel in den Leib und von einer zweiten 
in den Schenkel getroffen, wurde der Prinz in das 
auf der Anhöhe gelegene Trappisten-Kloster gebracht. 
Die Trappisten legten ihm den ersten Verband an. Ver 
geblich versuchte man durchzusetzen, daß ein englischer 
Arzt den Leibschnitt ausführte. Dieser Arzt weigerte 
sich. Und schließlich ging ein anderer, ein Zivilarzt, 
an die Operation heran, an deren Folgen der Prinz 
starb. 
Marburger 5) o ch s ch u l n a ch r i ch t e n. Das 
Personalverzeichnis der Studierenden enthält bereits 60 
Namen von Angehörigen der Universität, die bis zur 
Drucklegung den Heldentod gefunden haben. Tie end- 
giltige Immatrikulation ergab 2048 Studierende, dar 
unter 176 Frauen, außerdem noch 11 männliche und 
2 weibliche Hörer. — Die von der Universität mit 
Unterstützung der Stadtverwaltung, des Staatsarchivs, 
der Korporationen und der Bürgerschaft aus der Leipziger 
Bugra gezeigte Ausstellung „der Marburger Student 
in Vergangenheit und Gegenwart" wird jetzt in Marburg 
zu Gunsten der Kriegsfürsorge vorgeführt. Sie enthält
        

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