Full text: Hessenland (29.1915)

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Kerlchen. 
Von Else Groß. 
Das war am zweiten Mobilmachungstag: Gol 
dene Sonne, in den Gärten üppigstes Sommer 
blühen, alles in Gluten getaucht, Blumen und 
Menschen. 
Ein Brand, ein Lodern, alle Tiefen und Höhen 
wach, hier Jauchzen, dort Tränen, aber immer 
wieder Jauchzen. 
Nur nicht denken. Sich tragen lassen von der 
Welle; wir fühlen es alle, wo die Wogen ims so 
hoch heben, da ist auch Tiefe, grausig und kalt, 
doch die kommt von selbst, nur nicht denken jetzt. 
Es ist etwas Unwahrscheinliches, dieses Höchst 
gespannte, es kommen Augenblicke, da ist es, als 
müßten die Nerven zerreißen, als müßte man in 
jähem Fall zurücksinken in die Bedeutungslosig 
keit früherer Tage. 
Was lvar das alles gewesen 1 Armseliges Alltags 
geschick. Nun war das Gewaltige da, ungemessen 
von unserm Verstehen, nur zu ahnen in seiner 
erz'nen Wucht: Der Krieg. Das Leben ging nicht, 
es raste, taumelte, es sang: „Deutschland über alles." 
Noch gestern, der Sonntag, der Sonnentag. 
Alles voll schriller Geräusche, Geräusche, die 
unsere matten Nerven sonst gepeinigt hätten, heute 
als Auftakt im jauchzenden Lebenslied wie Musik. 
Hier ein Trupp Schüler, die sich als Freiwillige 
gestellt, Mützen schwenkend, hochrot vor Begeiste 
rung. Dort ein Trupp angekommener Reser 
visten, in der Hand den gelben Karton, über 
wältigt untertauchend im Pulsschlag der Stadt. 
Gestern noch ein Armer im Schatten, heute ein 
Held, ein Besonderer. 
Und jetzt — noch leise, von weitem der Klang 
einer Auto hupe — eine von den vielen, und doch 
die bekannte Eine. Unser junger Kaisersohn, 
„Hurra, Prinz Joachim", Tücherschwenken 
„Was glänzt dort im Walde im Sonnenschein, 
Hör's näher und näher brausen" — krächzt die 
Hupe, alle singen mit und lachen und grüßen. 
Der Tag der großen Einheit ist gekommen, 
anders, als viele geträumt, gewaltiger, als alle 
geahnt. 
Langsam sinkt die Sonne, als könne sie sich 
nur schwer von diesem Tag trennen. Es ist 
nicht mehr heiß, kühl weht es von den Bergen, 
da — ein Hall, ein scharfer Rhythmus, wie das 
Stampfen eines Riesen, — einsetzende Musik 
näher und näher — unsre . . .er rücken aus. 
Ganz still wird es, atemlos. Mittend im Jubel 
das Unabwendbare, — das Schicksal. 
Das war gestern. Nun heute ein neuer Tag. 
Tag und Nacht und Tag — alles wie sonst. 
Klein ist auch das Größte vor den urewigen 
Gesetzen. Fast wie ein Trost ist dieser Gedanke. 
Alles muß seiner Bestimmung folgen und vergehn. 
Und einmal ist ein Tag, da ist auch dieses 
gewesen iiuö lebt nur als Erinnerung. 
Eine Sehnsucht nach Einsamkeit ist in mir, als 
müßte alles gut und still werden, wenn man 
hinaus flüchtet. 
Die Elektrischen sind überfüllt, ich springe auf die 
erste beste, weiß nicht, wohin sie will, aber irgendwo 
muß sie doch still stehen, wo es ruhiger ist, wie 
hier. Ich kann das aufgepeitschte Leben plötzlich 
nicht mehr ertragen. 
Zusammengepfercht mit vielen stehe ich auf 
der Plattform, sehne mich hinaus ins Grüne. 
Überall, rechts — links — Feldgraue. Mich 
quält die Farbe, die wache Nacht nach dem über 
wachen Tag hat mir allen Jubel genommen, ich 
höre immer nur den verhallenden Tritt unsrer .. er. 
Neben mir steht ein bildschöner Offizier — 
marschfertig. Seine Hand liegt im Arm eines 
weißgekleideten Mädchens. Fest liegt sie da, die 
Finger Krämpfen sich in den schlanken Arni, es 
muß ein weher Druck sein. 
„Du, Kerlchen," sagt er und muß sich tief 
runter biegen, „also Männe und Hexe werden 
Dir heute gebracht. Verwöhne sie nur nicht zu 
sehr, dann hab ich nachher meine liebe Not". 
Kerlchen hebt die lieben Augen: „I wo, sie 
kriegen schon mal ihre Keile." 
Klingt alles so leichthin, ein bißchen schnodderig, 
ein bißchen angenommene Leutnantsmanier von 
ihr, der jungen Gffiziersbraut, vielleicht auch 
Gfftzierstochter. Es liegt etwas Abweisendes, 
Herbes in ihrer Haltung, ist vielleicht in dieser 
Stunde ihr einziger Halt. 
Kerlchen. „Auch so ein neuer Übername", 
hörte ich neulich zwei alte Damen naserümpfend 
mäkeln. Aber so müssen sie heißen, diese gerten 
schlanken, jungenhaften Mädels. — Ganz weiß 
ist Kerlchen, von Kopf bis zu Füßen, alles knapp 
und doch weich. Hut, Rock, Schuhe, Bluse, alles 
weiß, der Schlips von alter Wappennadel ge 
halten. Der junge Körper trügt seine Form selbst 
bewußt und aufrecht. Da ist kein verschnürendes 
Mieder, all die junge Schönheit ist durch Sport 
und Pflege fast zur Vollendung kultiviert. Das 
Haar voll Glanz und Weichheit einfach geschlungen 
und gesteckt. 
Das ist alles nur durch sich selbst lieb und 
schön, keine Modetorheit, keine Täuschung, und
	        

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