Full text: Hessenland (29.1915)

lüchtig in der Stadt umherliefen und über alle 
Trümmerstätten hinwegkletterten. Die Stadt hat 
etwa die Größe von Diez und liegt sehr malerisch 
am Fuße mehrerer Hügel, bzw. lehnt sich an diese 
an, gekrönt auf der einen Seite, im Norden, von 
der weithin leuchtenden St. Nikolauskirche, deren 
massiver Glockenturm (der aus 1614 stammt) von 
Scharen von Tauben bevölkert, ein besonders male 
risches Bild bietet. Gerade der Gegensatz, dieses 
wüste Trümmerfeld, gekrönt von der (von weitem) 
ganz intakten Kirche bietet einen seltsamen An 
blick. Besieht man die ans Sandstein erbaute 
Kirche in der Nähe, so fällt doch auf, wie stark 
sie vom Zahn der Zeit und auch wohl von bübischen 
Händen benagt und beschädigt ist. Namentlich das 
südliche Portal (ans 1510 stammend) hat fast 
seinen ganzen bildnerischen Schmuck verloren, nur 
Rudinlente der zahlreichen Figuren sind noch vor 
handen, und das Ornamentenwerk ist stark be 
schädigt. Das Kircheninnere macht dagegen einen 
vollendeten und zugleich deshalb eigenartigen Ein 
druck, als das Gebäude aus zwei räumlich und 
stilistisch ganz verschiedeneil Kirchen zusammen 
gesetzt ist und das Tageslicht durch ganz moderue 
Kircheufenster gedämpft wird, deren Glasmalereien 
und Farbenzusamnlensetzungen besouders schön sind. 
Da die Kirche als Lazarett für 200 Kranke ein 
gerichtet ist und voll belegt war, wurde der stim 
mungsvolle Eindruck hierdurch nur erhöht. Die 
lautlose Stille, die ruhig auf ihrem Schmerzens 
lager liegenden Verwundeten mit ihrer: schnee 
weißen Verbänden, die in ihren malerischen Trachten 
geräuschlos umhereilenden (nicht katholischen) 
Schwestern, alles das wirkte ergreifend in dem 
Gotteshaus. R. A. L., der uns s. Zt. in Bouillon 
abgelöst hatte, machte gerade seine Visite. Einen 
eigenartigen Anblick hatten wir noch in der Nähe 
der Kirche — da lag inmitten der Trümmerhauferi, 
von hohen, vom Feuer schwarzen Mauern um 
geben, ein kleiner Park, der zu dem Privathaus 
eines recht wohlhabenden Mannes gehört haben 
mußte, wie aus den niedergeschossenen Ställen, 
Remisen, Garagen usw. hervorging. Da lagen 
unter den Obstbäumen im Garten gedörrte Äpfel 
und gebackene Birnen in Zentnern herum, wie im 
Schlaraffenland hingen einzelne noch auf den 
Bäumen — sie waren von der Hitze der Feuers 
brunst am Baume gebraten. Das Eigenartigste 
aber war, daß alle Frühlingsblumen, Primeln, 
Veilchen, Schneeglöckchen usw. auf den Beeten an 
der Mauer neu hervorgeschossen waren — die 
Treibhauswärme bei dem tagelangen Brande hatte 
sie hervorgetrieben und ihnen einen neuen Früh 
ling vorgetäuscht. Einen sehr hübschen Blick hatte 
man von diesem Garten aus auf den im Nord- 
osten der Stadt gelegenen hohen Burgberg, den 
zu besteigen wir keine Zeit mehr hatten. Der 
Ausblick von oben auf die Stadt, die von der 
Aisne und deni Aisne-Kanal durchzogen wird, 
soll sehr schöi: sein. Wir machten dann noch von 
weitem am Wasser einige Ausnahmei: und besahen 
dabei eine in Trümmer geschossene riesige Papier 
fabrik, in der lioch das Papier aus den Walzen 
lag — man sah ordentlich, wie die Arbeiter mitten 
in der Arbeit davongelaufen waren. Zurück fuhren 
wir nicht dieselbe Straße, sondern über Amagne nach 
Amagne-Csoucy, einem wichtigen Bahnknotenpunkt. 
Hier ist eine Benzintankstelle. Wir enlpfingen hier 
ans Grund unseres Empfangsscheines Benzin und 
Öl und konnten währenddessen mal wieder eine 
Fliegerbeschießung am blutroten Abendhimmel be 
trachten. 30 000 Liter Benzin werden durchschnitt 
lich täglich hier ausgeschenkt. Hier sprachen wir 
übrigens einen Chauffeur, der gerade von Lille 
kam und der uns erzählte, daß es dort sehr hart 
zuginge. Die Engländer hätten kolossal ausgebaute 
Stellungen dort und schössen durch ihre schweren 
Schiffsgeschütze. 
Die Rückfahrt ging über Amagne, bei Givry 
über die Aisne, Attigny (in dem ein Typhus 
lazarett liegt) immer zur Rechten des im Mondeu 
schein glänzenden Kanals, nach Brizy und Condo- 
les-Vouziers und Vouziers nach Haus. Das war 
in der taghellen Vollmondnacht eine ideale Fahrt. 
Abends kam eine dicke Post. 
1. 11. Sonntag. Das herrlichste Sonnenwetter. 
Es war so warm, daß wir morgens und nach 
mittags im Garten auf der Wiese saßen und uns 
dort auch typen ließen. Wir genossen alle so 
recht von Herzen das schöne Sommerwetter und 
bummelten im Garten und im Dorf herum. Ver 
gessen habe ich noch zu erwähnen, daß nachmittags 
der Korpsarzt kam und uns fragte, wer Lust habe, 
nach vorn in die Front zu gehen. Es soll jetzt 
ein „Tauschverkehr" mit vornstehenden älteren 
Herren stattfinden, die sich hier hinten etwas er 
holen sollen. Das wäre was für mich gewesen, 
aber die Chefärzte kommen nicht in Frage. 
2 . 11 . Morgens von 9 bis 12 1/2 machten wir 
mit den Fahrzeugen einen Übungsmarsch über 
Vouziers, Conds-les-Vouziers, Vrizy und Bandy. 
Wetter wunderbar schön, fast zu warm; herrliche 
klare Beleuchtung. Ganz eigenartig wirken nament 
lich in der Herbstlandschaft hier die überall liegenden 
großen Weidenfelder (Stecklinge), die blutrot 
scheinen und der Landschaft einen eigenen Reiz 
verleihen. Sie liegen nicht nur in Wiesengründeu, 
sondern auch an den Berghängen, namentlich an 
solchen Stellen, an denen früher Weinberge gelegen 
haben. Sie sind nötig für die hier in allen Nestern
        

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