Full text: Hessenland (29.1915)

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Unter Gähnen und Necken erhob sich einer nach 
dem andern bis auf Karl Witt, der immer noch 
in die Flammen starrte. 
„Junge, Junge, " rief ihm der Hankuri spöttisch 
zu: „Bist wieder mal vor Paris!" — 
„Bin ich auch — das war zu schön." — 
Das Wort Paris lockte alle wieder zurück. 
Zuletzt auch den Vorarbeiter. „Mußt uns rasch 
noch eins erzählen", kam's aus der Reihe. 
Karl Witt hob den Kopf und ließ seine Augen 
umgehen. Er kniff das linke Auge zu und schüttelte: 
„Ein andermal! Es ist nichts für den Jungen." — 
Damit deutete er mit dem Daumen rückwärts 
auf den Frieder. 
„Ach, Dein Frieder hat das alles längst durch. 
Nicht wahr, Junge, wenn man in Südwest mit 
dabei war, kennt man auch was von dem Rummel", 
sagte der lange Stoffel und schlug dem Burschen 
auf die Schulter. 
Alle nickten zustimmend und grinsten. Der Frieder 
aber wandte sich ärgerlich ab und zog die Schäfte 
seiner Stiefel an. Mit verächtlichem Seitenblick 
erwiderte er: „Behalt nur Deinen Kien für Dich, 
hast ja doch nichts Gescheites erlebt!" — 
„Was willst Du dummer Hund? Bildest Dir 
was auf die Schwarzen ein! Ich hab's mit ganz 
Anderen zu tun gehabt. Ich könnt' heut Baron 
sein oder so was. — Und nun will ich's grad 
erzählen." — 
Er schlug die Arme unter und nickte stolz. 
Der Vorarbeiter sah sich unruhig um und zog 
die Uhr: „Aber dann kurz, Karl, der Förster wird 
bald hier sein." 
„Wir lagen schon sieben Wochen", begann er, 
„im Schloß Rubaix. Es war Sonntag und mein 
Oberst mit seinem Adjutanten ausgeritten. Grad 
wollt' ich mich ein wenig aufs Ohr legen, da ruft's 
über mir: „Monsieur Charles, Monsieur Charles." 
Unsere Köchin war's. Vielleicht schickt sie mich in 
die Stadt, denke ich und springe hinauf. Gb denn 
der Herr Oberst spanisch Fricco äße. Wie konnt' 
ich das wissen. Mir kam die Sache ganz spanisch 
vor. Was denn meine Lieblingsspeise wäre. Klöße, 
Sulperknochen, Sauerkraut, Erbsen mit Blutwurst 
— das alles kannte sie nicht. Wir konnten uns 
überhaupt schwer verständigen. Am Ende mußte 
das Gestikulieren helfen. Wie der Wind halten 
sich dabei unsere Hände verstrickt, und das kleine 
schwarze Ding lag in meinen Armen. Wie ein 
Kind beguckte sie ihre Fratze in meinen blanken 
Knöpfen, spielte mit meinem Schnurrbart und 
dann — küßte sie mich." 
Händegeklatsch und eine Lachsalve lohnte den 
Erzähler. 
„Dieser alte Satan", entfuhr es dem Frieder, 
der iu seiner Bosheit blindlings mit der Axt einen 
Stamm bearbeitete. 
„Weiter, weiter", drängten die Andern. 
„Ja, was denkt Ihr! Wie mir die Hexe am 
Halse hängt, ruft's wieder: „Monsieur Charles, 
Monsieur Charles!" Und das war die Madam. 
Die hatte mich in den sieben Wochen nicht begehrt. 
Was wollte die nur von mir? Ich hinaus, so 
rasch es geht. ' Auf der Treppe fahre ich über den 
Waffenrock. Ich sehe mich noch im großen Spiegel 
neben der Tür. Der Kopf war mir ein wenig 
heiß. Da wird schon geöffnet: Madam ist's selbst. 
Ich trete ein. 
Ich bleibe an der Tür stehen, wie sich das für 
einen Soldaten schickt. Sie ruft mich an bcu 
Tisch heran. In goldener Schale funkelt roter Wein. 
Ich soll trinken. Und ich trank. Ich soll mich 
setzen. Und ich sinke in Samt und Seide. Ich 
weiß nicht, wohin mit den Beinen, da sich die 
Sporen im Teppich verwickeln. Im Kamin flackert's 
hell und lustig. Ringsum sinnverwirrender Schmuck. 
Alles Gestrahle fällt auf die junge Witwe, die Herrin 
dieses Hauses. Unbeweglich steht sie da, an den 
Kamin gelehnt, und starrt mich an. Ihre schwarzen 
Augen sind zwei Feuerbrände, die mich bedrohen. 
Ob denn die deutschen Männer alle so kühl 
und verschlossen wären, wie der Oberst und ich? 
Denkt Euch nur, in einem Atem nannte sie mich 
mit meinem Herrn. 
Das trieb mir die Röte ins Gesicht. Ich war 
ganz verlegen und hab sie jedenfalls recht dumm 
angesehn. 
Ob ich denn keinen Wunsch habe, sie sei reich. 
Ich hatte keinen. Wie vernagelt war ich. Jetzt 
sollte sie mich nur mal fragen! 
Ob ich daheim in Deutschland eine Braut 
habe. — An meine Alte war damals noch kein 
Gedanke, aber ich log und sagte ja. Und diese 
Lüge half mir wieder auf die Beine. 
Dicht trat sie auf einmal an mich heran, ihre 
weiche weiße Hand fühlte ich an meinen Backen: 
„Morgen, Monsieur Charles, wenn Ihr Oberst 
wieder reitet, dürfen Sie wiederkommen!" — 
Dabei blickte sie mich so schelmisch an. 
„Zu Befehl", sagte ich und war froh, daß mir 
das noch eingefallen. 
Ich weiß nicht, wie ich die Treppe hinunterkam. 
Den ganzen Tag und die Nacht durch sah ich 
immer das Feuer vor mir und glaubte seine Glut 
zu fühlen. 
Spät kehrte der Oberst zurück. „Morgen 
marschieren wir", sagte er. Da war ich froh. 
Die Madam habe ich nicht wieder zu sehn 
bekommen. Nur allemal, wenn so ein Feuer vor 
mir flackert, meine ich, sie müßte danebenstehn." —
        

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